Dieses Bild hat Lisa aus Thüringen in der Rehaklinik gemalt. Wie das Gemälde einer gesunden 12-Jährigen wirkt es nicht. Warum? "Alkholl darf mann nicht in der Schwangerschaft Trinken" © KMG Klinik

Lisa hat für ihre Pflegemutter ein Bild gemalt. Damit sie besser versteht, wie es in ihrem Inneren aussieht. Da tanzen kleine Wölkchen, auf denen "Freude" steht; auch ein Herz für Liebe gibt es; und große Gewitterwolken für "Angst" und "Trauer". In die Mitte hat die Zwölfjährige einen Teufel gestellt. Der heißt "Wut". Wenn Lisa unter Druck gerät – und das passiert schnell –, packt sie rasender Zorn. Dann beschimpft sie ihre Pflegemutter Inge Meier als "dicke Sau!", schreit und tritt nach ihr. Einmal ist sie der 53-Jährigen sogar an die Kehle gegangen. "Wenn die Wut kommt, ist sie wie ferngesteuert", sagt Inge Meier. "Dann ist das Mädchen kaum zu ertragen."

Lisa hasst sich für ihre Wut, aber sie kann sie nicht kontrollieren. Sie liebt ihre Pflegemutter, aber sie kann es ihr nicht zeigen. Sie will mit allen gut zurechtkommen, geht ihren Mitmenschen aber schwer auf die Nerven. Sie ist dominant und distanzlos. "Lisa überschreitet permanent Grenzen und ist nicht in der Lage, sich in andere Menschen hineinzufühlen", sagt Meier. Von ihren Mitschülern wird sie deshalb oft ausgegrenzt. Lisa hat noch mehr Probleme: Sie kann nicht planen. Sie lernt nicht aus ihren Fehlern. Sie ist leicht abzulenken und beeinflussbar. Im Guten wie im Schlechten. Dazu hat sie eine Rechtschreibschwäche und kann Mengen nicht erfassen.

Inge Meier lebt mit Lisa in einer Kleinstadt in Thüringen. Sie hält es für besser, ihre richtigen Namen nicht zu nennen, weil sie nicht weiß, wie die leibliche Mutter des Mädchens reagieren würde. Aber sie möchte, dass Lisas Geschichte erzählt wird. Weil sie so bitter ist. Und weil sie vielen ahnungslosen Pflege- und Adoptiveltern widerfährt. Lisa hat eine "Fötale Alkoholspektrum-Störung" (engl. Fetal Alcohol Spectrum Disorder, kurz FASD). Ihr Gehirn ist irreversibel geschädigt, weil ihre Mutter in der Schwangerschaft stark getrunken hat. Aber das weiß die Pflegemutter Inge Meier erst seit einem Jahr.

Eins von 100 Babys hat eine Schädigung durch Alkohol

Hinter dem Kürzel FASD verbirgt sich ein ganzes Spektrum von Schäden, die Alkohol beim Ungeborenen anrichten kann. Fehlbildungen an Organen und am Skelett gehören dazu. Häufig sind auch Herzfehler oder deformierte Fingerglieder. Besonders problematisch aber ist die Schädigung des zentralen Nervensystems, die zu Gedächtnis- und Konzentrationsschwächen führen kann, zu Wahrnehmungsstörungen oder motorischen Defiziten. Und: Alkoholgeschädigte Kinder haben fast immer große Probleme, Verhalten und Emotionen zu steuern. Eine besonders ausgeprägten Form, das sogenannte "Fötale Alkoholsyndrom" (FAS), ist auf den ersten Blick im Gesicht erkennbar: Die Lidspalten der Kinder sind verkürzt, die Oberlippe ist sehr dünn und die Nasenrinne abgeflacht. Kinder mit FAS sind kleiner und leichter als der Durchschnitt. Sie haben einen deutlich kleineren Kopf und oft eine verminderte Intelligenz.

Dieses Vollbild einer Alkoholschädigung zeigt Lisa nicht. Äußerlich ist ihr kaum etwas anzusehen, und ihr IQ ist normal. Trotzdem sind ihre hirnorganischen Schäden so schwer, dass sie nie ein normales Leben wird führen können. Das Versorgungsamt hat sie mittlerweile als schwerbehindert anerkannt.

Laut Hochrechnungen wird in westlichen Industrienationen eines von 100 Neugeborenen mit einer Alkoholschädigung geboren. Die vorherige Bundesdrogenbeauftragte, Mechthild Dyckmans, ging aufgrund der hohen Dunkelziffer von 10.000 Fällen jährlich in Deutschland aus. Das wären zehnmal so viele Kinder wie Babys, die mit dem Downsyndrom zur Welt kommen. Fötale Alkoholspektrum-Störungen gelten deshalb selbst bei konservativer Schätzung als die häufigste angeborene Erkrankung überhaupt. Trotzdem spielt die Behinderung in der öffentlichen Wahrnehmung kaum eine Rolle.

Besser ausgebildete Frauen trinken öfter Alkohol in der Schwangerschaft

Das liegt auch daran, dass die Wirkung von Alkohol auf das Ungeborene prinzipiell unterschätzt wird. Alkohol kann die Plazenta ungehindert passieren und schädigt die Entwicklung der kindlichen Nervenbahnen. Während eine Schwangere von einem Glas Wein vielleicht noch nicht mal einen Schwips hat, kann das Ungeborene schon volltrunken sein. Da bislang keine Grenze für ungefährlichen Konsum bekannt ist, raten Mediziner heute dazu, während der Schwangerschaft ganz auf Alkohol zu verzichten.

Vor wenigen Jahren war das noch anders. Da galt das gelegentliche Gläschen Sekt als harmlos. Diese Annahme hält sich offenbar weiterhin. Verschiedene Studien zeigen, dass viele Schwangere Alkohol trinken. Nach der KIGGS-Studie von 2007 haben rund 14 Prozent der befragten Frauen in der Schwangerschaft gelegentlich Alkohol getrunken. Eine Befragung von 344 Schwangeren aus 48 Berliner Frauenarztpraxen ergab 2002, dass 58 Prozent von ihnen in der Schwangerschaft Alkohol konsumiert hatten, knapp jede fünfte davon bis zu einmal pro Woche und knapp vier Prozent häufiger als zweimal pro Woche. Eine Studie aus Dresden kam zu ähnlichen Ergebnissen. Das Bemerkenswerte: Es waren die besser ausgebildeten und besser verdienenden Frauen, die signifikant öfter angaben, in der Schwangerschaft Alkohol zu trinken. Beim Rauchen ist es genau umgekehrt; zur Zigarette greifen eher sozioökonomisch schlechter gestellte Frauen.