Florian Wibmer ist stets in Begleitung, wenn er eine Lehrveranstaltung an der Universität Wien besucht. Der 25-Jährige streift nervös durch die Aula, er wartet auf seine beiden Gebärdensprachen-Dolmetscherinnen. Der Geschichtsstudent ist schwerhörig, seit dem vierten Lebensjahr. Ohne Hilfe müsste er die Vorträge seiner Professoren von deren Lippen ablesen. "Das ist sehr anstrengend", sagt Wibmer. Er spricht bemüht deutlich, und man merkt kaum, dass er fast nichts hört. Über seine Stimmlage hat er aber nur wenig Kontrolle. "Besonders schwer fällt es mir, Fremdwörter und unbekannte Fachausdrücke auszusprechen oder zu verstehen."

Florian Wibmer ist einer der wenigen hörbeeinträchtigten Menschen, die es an die Universität geschafft haben, die studieren. Rund 450.000 Menschen mit Hörbeeinträchtigung leben in Österreich, davon sind 10.000 gehörlos. Schätzungen zufolge haben ungefähr 50 der schwer hörbeeinträchtigen Menschen Matura, nur rund 30 von ihnen studieren, davon etwa 16 in Wien. Das sind sehr wenige, es müssten eigentlich mehr sein. Doch die gleichberechtigte Teilhabe an Bildung liegt für Menschen mit Hörbeeinträchtigung nach wie vor in weiter Ferne – obwohl die UN Österreich längst ermahnt haben, die UN-Behindertenrechtskonvention einzuhalten, Sonderschulen abzuschaffen und das Erlernen der Gebärdensprache auf allen Ebenen zu fördern. Die Konsequenz der mangelnden Umsetzung: Den meisten Menschen mit Hörbehinderung bleibt nach Abschluss der Sonderschule nichts anderes übrig, als sich einen Job zu suchen – als Hilfsarbeiter, Koch, Maurer oder Reinigungskraft.

"Für mich war immer klar, ich werde studieren", sagt Florian Wibmer mit fester Stimme. "Es gab schon nach der Volksschule die Diskussion mit meinen Lehrern, ob ich auf das Gymnasium oder in die Hauptschule gehen soll. Und ich habe mich klar für das Gymnasium entschieden". Seit mehreren Jahren engagiert sich Wibmer als Vorsitzender des österreichischen Vereins gehörloser Studierender. Immer wieder streicht er über seine Finger, während er spricht, als müsste er sie in Zaum halten. Mit Gebärden, meint er, könne er sich besser ausdrücken. Dabei spricht er die Gebärdensprache erst seit vier Jahren. Zuvor mühte er sich ohne sie durch die einzelnen Schulstufen bis zur Matura. Immer wieder halfen ihm Stützlehrer nach der regulären Schulzeit, den Lernstoff aufzuarbeiten, während seine Mitschüler längst Freizeit hatten. Immerhin gehen bis zu 70 Prozent des Lehrinhalts beim Lippenlesen verloren. Aber auf eine der sechs Sonderschulen, die es in Österreich für hörbeeinträchtigte Menschen gibt, wollte Florian Wibmer nicht gehen. Das seien geschlossene Systeme, meint er, in denen man nichts lerne.

Gehörlose sollen sich an die Welt der Hörenden anpassen, laute das Credo

Die Sonderschulen betreuen hörbeeinträchtigte Kinder in der Regel bis zum 14. Lebensjahr. Bilingualer Unterricht, also in Gebärdensprache und deutscher Lautsprache, sei aber eine Ausnahme, kritisieren Hörbeeinträchtigte und Bildungsexperten. Das Credo laute vielmehr: Gebärdensprache sollen nur jene Kinder lernen, die zusätzliche Lernschwierigkeiten haben. Der Rest sei "gesund" und solle sich an die hörende Welt anpassen. Im Vordergrund stehen logopädische Übungen, um die deutsche Sprache zu lernen. Lehrinhalte werden reduziert und kaum vermittelt. Die Möglichkeit, nach der Pflichtschule an einer weiterführenden Partnerschule die Matura zu absolvieren, nehmen die wenigsten Schüler in Anspruch. Mit dem Bildungsniveau eines Gymnasiasten oder eines Berufsschülers können sie meist nicht mehr mithalten.

Von den zwei Sonderschulen in Wien war dazu keine Stellungnahme zu bekommen. Auf der Homepage des Bundesinstituts für Gehörlosenbildung, der bekanntesten in Österreich, sind die Firmenlogos namhafter Erzeuger von Hörgeräten abgebildet. Direktorin Katharina Strohmayer hat keine Zeit für Fragen. Das sei überhaupt schon die vierte derartige Anfrage in diesem Jahr.

Helene Jarmer, die Behindertensprecherin der Grünen, ist davon nicht überrascht: "Diese Abkapselung der Schulen und der Glaube an das Hörgerät als Allheilmittel sind gang und gäbe", sagt sie. Die Präsidentin des österreichischen Gehörlosenbundes ist selbst taub. Studien würden belegen, dass sechsjährige Gehörlose den Wortschatz von zweijährigen hörenden Kindern hätten und fünfzehnjährige Gehörlose auf dem Niveau von Achtjährigen mit Gehör stecken blieben. Die Politikerin trug maßgeblich dazu bei, dass die Gebärdensprache 2005 als Minderheitensprache in der Verfassung verankert wurde. Verändert hat sich dadurch aber wenig. Als Unterrichtssprache ist die Gebärdensprache gesetzlich nicht anerkannt. "Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek, selbst einst Lehrerin für Schwerhörige, sperrt sich", kritisiert Jarmer. Das Unterrichtsministerium gibt dazu nur allgemeine Statements ab: Gebärdensprache werde angeboten, wo Nachfrage bestehe, und an jeder Bildungseinrichtung gebe es auch bilinguale Klassen. Überdies sei man darum bemüht, jedem hörbeeinträchtigten Menschen die gleichberechtigte Teilhabe an Bildung zu ermöglichen.

Doch 70 Prozent der Lehrer an Sonderschulen für hörbeeinträchtigte Kinder seien laut Jarmer der Sprache ihrer Schüler gar nicht mächtig, sprechen also keine Gebärdensprache. Bilingualer Unterricht finde derzeit nur vereinzelt statt: Auf Eigeninitiative von engagierten Eltern und Lehrern, die sich meist gegen Direktoren oder den Stadtschulrat durchsetzen mussten, um ihren Kindern alle Bildungswege offen zu halten. Das Bewusstsein, dass Gebärdensprache die Muttersprache gehörloser Menschen ist, also eine Sprache mit eigener Grammatik, Syntax und eigenem Wortschatz, scheint nicht vorhanden zu sein. Die Bezeichnung Muttersprache ist ja auch irreführend, wenn damit die Sprache gemeint ist, die Kinder von klein auf erlernen. Meist ist ja die Gebärdensprache gar nicht die Sprache der Mütter und Väter von Gehörlosen. Nur bis zu zehn Prozent von ihnen beherrschen die Sprache der Gesten und Zeichen – wenn auch sie gehörlos sind.

Private Unternehmen fangen die große Masse an Bildungsverlierern auf

Florian Wibmers Vorlesung hat begonnen. Vor ihm haben zwei Dolmetscherinnen Platz genommen, die den Vortrag des Professors übersetzen. Sie wechseln einander alle 15 Minuten ab. Neben Florian sitzt eine "Mitschreibkraft", die den Lehrinhalt für ihn auf Papier festhält, damit er sich auf die Dolmetscherinnen konzentrieren kann. Für Wibmer ist dieser Aufwand kostenlos, weil er das Glück hat, am Projekt Gestu (Gehörlos erfolgreich studieren) teilnehmen zu können. Der Modellversuch, den das Wissenschaftsministerium mitfinanziert, soll die Situation gehörloser Studenten verbessern. Die zugehörige Servicestelle befindet sich an der TU Wien. Seit 2010 existiert das Programm, an dem derzeit 16 Studenten teilnehmen. Der Pool an Gebärdensprachen-Dolmetschern, die für Gestu tätig sind, ist damit schon ausgelastet. Es mangelt generell an Dolmetschern, in Österreich gibt es nur 100 von ihnen. Und nicht immer gelingt es, die Stundenpläne der Studenten mit jenen der Dolmetscher zu synchronisieren. Dass Inklusion grundsätzlich funktionieren kann, obwohl es teuer ist, zeigen Länder wie Schweden, die USA oder Großbritannien, wo Bildungseinrichtungen, in denen in Gebärdensprache unterrichtet wird, selbstverständlich sind.