In Clemens J. Setz’ grandiosem Roman Indigo von 2012 wohnt eine Unheimlichkeit, die aus Unschärfe besteht, die esoterische Aura des Übergescheiten, Überforderten und Andersartigen, die Angst im Dunkel und das Schweigen in unendlichen Räumen. Auch die jetzt erstmals vorgelegten Gedichte des Autors entstammen dieser geheimnisvollen Parallelwelt, die nicht ohne Gefahr betretbar ist. Mitunter abgründig-zärtliche Verse: "Seit Tagen schon warte ich / dass sie zurückkehrt / aus der Flamme, geheilt / von ihrer gefährlichen Neigung." Gemeint ist eine Motte, es könnte aber genauso gut ein menschliches Wesen sein, das in der geheimen Zone verschwunden ist.

Wie in seiner aufwendigen Prosa hat Setz auch in den Gedichten viel zu erzählen. Seltsame Begegnungen und skurrile Vorfälle, Alltagswünsche und elitäre Leidenschaften werden differenziert festgehalten. Superman ist natürlich anwesend, Naturforscher wie Darwin (dem Gehörsinn der Regenwürmer auf der Spur), Abenteurer, die tragisch endeten, ein blinder japanischer Mönch, der "mit der Spitze seiner Zunge" liest ... Ein Kind verlässt seine Familie, taucht nie wieder auf und wird von ihr wie im Märchen vergessen. Eine junge Frau trägt Nadeln im Mund, um zudringliche Liebhaber abzuwehren. Ein Haustier ist gestorben, und dessen Besitzer suchen nun "in Schutzkleidung" seine Lieblingsplätze auf, "die versteckteste / Stelle unter dem Bett". Ein kinderloser Papagei versucht Schuhe zu füttern, die er für offene Schnäbel hält.

Manche Gedichte beginnen launig-witzig, ruhige Szenen, wie ohne Aufwand zu Papier gebracht, und laufen dann doch auf eine schrille Pointe zu, wenn etwa das größte Riesenrad Europas beschworen wird "mit seinen hell erleuchteten Kabinen / aus denen die Menschen fallen". Oder wenn Postkarten beschrieben werden, auf denen man Kinder sieht, die "mit ihren Hosenträgern / an einem Nagel an der Wand hängen".

Selten spricht Clemens Setz in Ich-Form direkt von sich selbst, und doch schimmern seine Einsamkeitserfahrungen hinter dem, was den sensiblen und hochbegabten Wesen in seinen Texten passiert, hervor. Einmal taucht der Vater des 1982 geborenen Autors als junger, vitaler Mann am Strand auf, wie ein Kind im Sand spielend. Setz erzählt die Geschichte des Ikarus auf anrührende Weise neu. Der wartet im Krankenhaus darauf, dass seine Flügel nachwachsen: "Sie bringen mir Wachs und Plastilin / und lassen mich kleine Dinge draus machen / in der Ergotherapie (...) / und ich bastle ihnen ein neues / kleines Männchen in einem Verlies, / mit einer winzigen Fliegerbrille / anstelle der alten Augen."

All diese Gedichte haben einen epischen Gestus. Setz ist kein Wortbastler, der mit Verspätung gegen überlieferte lyrische Formen rebelliert. Weder erfüllt er sie brav, noch lehnt er sie erkennbar ab. Er beachtet sie einfach nicht, schreibt in eleganten, prosanahen Versen, meist ohne Reim und Metrum, doch verwirrend genau. Und immer auch mit einem Schuss jugendlicher Arroganz und überlegener (Selbst-)Ironie angesichts der Absurdität der Menschheitsgeschichte: "Mit Jetlag kann ich alles ertragen. Einen Toten / in einer Tonne, ein Kind ohne Arme und Beine, / einen brennenden Menschen in einer Baumkrone."

Setz zelebriert das Künstliche im Dunkel der Triebe und Träume: die nackten Gliederpuppen in den Schaufenstern, die orangeroten Haltegriffe in den Straßenbahnen, die Poesie einer Gegensprechanlage, ein kleines Raumschiff für einsame Kinder hinterm Supermarkt, den Schneemann, den Michelangelo im Hof des Medici-Palasts errichtet hat – eine Ästhetisierung des unheilen Lebens, das wie hinter Glas oder einer Eisschicht verborgen erscheint und dennoch nicht aufhört zu schmerzen.