Für diesen Text habe ich selbst recherchiert, bin nach Amerika gereist, habe dort Wissenschaftler und Unternehmer besucht, mit ihnen gesprochen, handschriftliche Notizen gemacht, Studien gelesen. Und nun schreibe ich für Sie auf, was ich herausgefunden habe, liebe Leserinnen und Leser. Ich, der als Autor des Artikels zeichnet, schreibe diesen Text selbst. Sie werden gleich merken, warum es wichtig ist, dass Sie das wissen.

Meine Arbeit als Journalist ist nämlich eine individuelle Dienstleistung, die Sie nicht mehr überall erwarten können. Die Kollegen der Onlineausgabe des amerikanischen Wirtschaftsmagazins Forbes konkurrieren bereits mit Textmaschinen: Die werten Bilanzzahlen diverser Unternehmen aus und machen im Handumdrehen Artikel daraus. Die Rechner variieren sogar ihren Schreibstil. Mir haben solche Erfindungen die Arbeit noch nicht weggenommen. Und ich hoffe auch, dass es nicht so bald so weit kommt. Aber jetzt, nach dieser Recherche, bin ich mir dessen nicht mehr so sicher.

Liebe ZEIT-Leser, nicht nur ich und mein Beruf sind betroffen, auch Sie könnten demnächst um Ihren Job bangen. Sie sind – das weiß unsere Marktforschung – besser ausgebildet als der Durchschnittsdeutsche. Auch Ihr Einkommen und Ihre Position in der Firma sind im Schnitt höher als die der Gesamtbevölkerung. Sicher haben auch Sie schon davon gehört, dass Menschen Arbeit verloren haben, weil eine Maschine ihre Aufgaben übernommen hat.

Nun habe ich auch solche künstlichen Intelligenzbestien kennengelernt, die es auf Ihre Arbeit abgesehen haben.

Ich traf zum Beispiel einen Computer namens Watson. Er ist ein bisschen ein Angeber, einer von diesen Typen, die drei Doktortitel machen. Man muss ihm aber lassen, dass er sich heute schon besser ausdrückt als viele Computer-Experten. Das ist wichtig. Er wird bald deren Job übernehmen. Mit ihm werden wir künftig chatten, wenn der Mauszeiger mal wieder auf dem Bildschirm eingefroren ist. Watson ist zudem sehr gebildet und versucht sich obendrein erfolgreich als Arzt und als Agent für den US-Geheimdienst.

Sie werden Watson in dieser Geschichte noch kennenlernen, ebenso seine Maschinenkollegen, die möglicherweise bald unsere Personalabteilungen ersetzen. Sie halten das für verrückt? Warten Sie ab.

Im Januar haben die Ökonomen Erik Brynjolfs-son und Andrew McAfee ein Buch herausgebracht, das ein umwälzendes Phänomen beschreibt. In ihrer Studie "Das zweite Maschinenzeitalter" analysieren die Professoren des Massachusetts Institute of Technology (MIT), wie die Kombination aus immer lernfähigeren Computern, wachsenden Datenmengen und intuitiver Bedienung die Welt besser machen, aber auch zu neuen Problemen führen wird: Nur wenige Menschen, vor allem die Programmierer und Besitzer dieser neuen Maschinen, werden dann von dem digital geschaffenen Wohlstand profitieren, die soziale Ungleichheit wird steigen, und auch bislang von Technik nicht bedrohte Arbeitnehmer werden unter der neuen Konkurrenz leiden. Sie werden ihre Arbeitsplätze verlieren – so die Prognose.

Die Opfer dieser Entwicklung haben die Oxford-Ökonomen Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne in ihrer Studie "Die Zukunft der Beschäftigung" schon ausgemacht: Von 702 in den USA untersuchten Berufsgruppen sind 47 Prozent hochgradig durch Computer bedroht: Kreditanalysten, technische Geologen und Kranführer, Kartografen, Makler und Archivare, Chauffeure und ja – sogar Köche.

Die Frage ist: Wird es wirklich so weit kommen? Und falls diese Propheten recht haben: Wer wird profitieren, wer verlieren? Wie sollen Gesellschaften damit umgehen, wenn sie nicht Maschinen stürmen wollen wie die wütenden Weber des 19. Jahrhunderts?

Der Angriff der Supercomputer ist schon in vollem Gange, es merkt nur kaum einer, weil die Maschinen dieser neuen industriellen Revolution sich – anders als ihre Vorgänger – geräuschlos in unsere Leben schleichen. Leise bereiten sie ihre Herrschaft vor, für die sie nur zwei Dinge benötigen: schnelle Prozessoren und Daten, Daten, Daten. Dann tun sie irgendetwas zwischen Genie und Wahnsinn.

Kein Arzt kann alle Studien zu einem Thema lesen – ein Computer schon

Das Genie hat sein Zuhause im Norden von New York City, eine Stunde mit dem Zug am Hudson River entlang und dann noch ein wenig weiter mit dem Auto. Es, nun ja, lebt auf einem Hügel im Wald in einem dunkel verglasten Gebäuderiegel. Es trägt den Namen Watson.

Vor wenigen Jahren galt noch als Fantast, wer behauptete, ein Computer könne unstrukturierte Texte auswerten und verstehen. Doch nun gibt es Watson, geschaffen von Entwicklern des IT-Riesen IBM und benannt nach dem legendären früheren Konzern-Chef Thomas J. Watson. Bereits mit vier Jahren trat Watson in der US-Ausgabe der TV-Quiz-Sendung Jeopardy! gegen die beiden bis dahin unangefochtenen und legendären Rekordhalter an. Heute ist er Krebsspezialist, IT-Experte und Verkaufsberater. In einem Parallelleben schnüffelt er der New York Times zufolge auch für den US-Geheimdienst in Internetdaten herum. Dort soll er Terroristen aufspüren. Eine IBM-Sprecherin will dazu nichts sagen. Auch Watson schweigt.

Sicher ist: Watson ist der vorläufige Höhepunkt einer rasenden Evolution lernender Maschinen, die sich kaum anderswo eindrücklicher zeigen lässt als am IBM-Konzern. Als dessen Computer Deep Blue 1997 den damaligen Schachweltmeister Garri Kasparow besiegte, war das beachtlich, aber auch zu erwarten. Schach ist ein Spiel nach mathematischen Regeln. Computer mögen so was.

Doch ein bedeutender Teil der Datenwelt blieb den Computern verschlossen wie einem Analphabeten die Bücher: die im Netz und auf Computern Tag für Tag anschwellende Masse an Texten und Bildern. Das neue Forschungsziel der IBM-Führung nach dem Sieg im Schach war deshalb: ein alphabetisierter Computer, der unstrukturierte Texte verstehen kann. Das Kalkül: Kein Arzt der Erde kann alle Studien zu seinem Fach lesen und bewerten, kein Jurist binnen Sekunden Tausende Seiten erfassen, kein Risikoanalyst einer Bank alle Nachrichten zu einem Thema in seine Entscheidungen einbeziehen – und kein Geheimagent das ganze Internet durchforsten. Ein Computer, der zu alldem in der Lage wäre und den Nutzern obendrein Antworten auf konkrete Fragen zu Medizin, Finanzen oder Terrorgefahren geben könnte, wäre ein Riesengeschäft.