Und wieder war Rudolstadt. Wieder fiel der Besucherrekord. Fast 90.000 strömten ins thüringische Saaletal. Sie kamen von überall. Kein deutscher Landkreis fehlte laut Festivalbüro, das zudem Kartenbestellungen aus halb Europa empfing. 1.186 Musiker traten auf. Der Länderschwerpunkt hieß Tansania, doch wenn simultan auf zwei Dutzend Bühnen konzertiert wird, erlebt jeder ein anderes Fest. Das allwissende Programmbuch war noch nie so dick. Wird Rudolstadt zu groß? Beziehungsweise für diese Wallfahrt zu klein?

Rudolstadt ist Europas Pilgerziel der Weltmusik. Zu Ostzeiten gab es hier biedere Volkstracht-Tanzfeste. Die Mauer fiel. Die Folkszenen Ost und West fanden zueinander und in Rudolstadt die perfekte Schatulle für das künftige Tanz- und Folkfest (TFF). Seit 1991 erlebt das malerische Residenzlein zu Füßen der Heidecksburg an jedem ersten Juliwochenende ein reenactment paradiesischer Zustände. Nackt baden Mensch und Biber in der Saale. Drei Generationen feiern ohne Suff-Exzesse und Krawall. Man kommt als Partygast oder als Ohrenpilger. Man tanzt im orientalisch bezelteten Heinepark oder horcht im Theater, in der Kirche, auf der Burg. Man erlebt flanierend oder als Leistungslauscher mit streng terminiertem Programm. Das Hirn bildet interkulturelle Synapsen. Kein Wunder, schließlich reist man in vier Tagen um die Welt – 2014 beispielsweise von Seoul nach Daressalam, von Kingston, Jamaika ins norwegische Telemark.

Von dort stammt der Bassgitarrist Mattis Kleppen, der mit dem Geiger Ottar Kasa und dem Tänzer Hallgrim Hansegard das Theater zu Standing Ovations hinriss. Viele mussten draußen bleiben. Die Norweger, ob des Zulaufs baff, fotografierten die Warteschlange. Nach Rudolstadt fährt man nicht wegen sogenannter Stars. Die allermeisten Musiker sind der Masse vorher unbekannt. Freilich gibt es auch berühmte Namen. 2014 erschien endlich June Tabor, begleitet von der Oysterband. Die Turmuhr der Heidecksburg schlug die unvergessliche Stunde, als die Hohepriesterin des englischen Liedes die Hofbühne betrat und The Bonny Bunch of Roses sang.

Die Schweden Emma Ahlberg, Daniel Ek und Niklas Roswall brillierten mit konzertanten Tänzen auf Geige, Nyckelharpa und Gitarre. Das war Volksklang in Resonanz des Barock und des protestantischen Chorals. Das Atlas Trio des französischen Bassklarinettisten Louis Sclavis erweiterte den Folkbegriff mit komplexen Jazz-Interaktionen zur folklore imaginaire. Dieselbe Bühne bot die magnetische Versenkungsmusik von Tarbiya Islamiyya, dem Ensemble einer Koranschule von Sansibar (nachzuerleben auf der CD Memoirs of an Arabian Princess – Sounds of Zanzibar). Nichts und niemand übertraf die New Masters of Mugham, sieben Rhapsoden aus Baku. Ihr filigranes Spiel, ihr mäandernder Gesang verwoben turk-persische und fernöstliche Tonalität: aserbaidschanische Magie unter deutschen Linden, mitternachts auf dem Neumarkt. Nach dieser zentralasiatischen Expedition klang Europa simpel.

Enttäuschungen? Der amerikanische Songschmied David Bromberg ist ein verdienter Barde der Dylan-Generation, doch wirkte seine Kunst eher wie Newport Folk Festival 1964 als wie TFF 2014. Die hochgelobten Ukrainer Veseli Vujky – zu Deutsch: lustige Burschen – klangen so einfältig burlesk, wie sie heißen, aber vermutlich nicht sind; sie verstehen sich als Befreier ihrer Volksmusik vom sowjetrussischen Diktat. Musikalisch öde, soziologisch interessant agierten Kaya Baikoko aus Daressalam: eine Gang von Perkussionisten, die Abfallfunde betrommelte. Für optische Verstärkung sorgten eine Gesäßwacklerin und eine Darstellerin von Kopulationsvorgängen. Nicht enttäuschend, sondern schlicht entsetzlich waren die japanischen Ohrenverprügler Turtle Island, deren Heavy Punk die erste Festivalnacht beschloss.

Begonnen hatte das TFF so schwach wie selten. Rolf Stahlhofen und etliche Söhne Mannheims boten breitmäuligen Hiphop-Reggae-Rap. Sie hatten eine Botschaft: Water Is Right. Trinkwasser ist globales Menschenrecht, wird jedoch als Ware und Herrschaftsinstrument missbraucht. "Du musst was tun dagegen, du musst den Arsch bewegen". Der Reporter gehorchte und floh, eingedenk der Mahnung von Hanns Eisler: Politisierung in der Kunst führt zur Barbarei in der Ästhetik. Möge die wichtige Arbeit der Organisation Water Is Right besser gelingen als ihre Agitprop-Vertonung.

Verpassen musste ich die Verleihung der Weltmusikpreise RUTH und Creole, Vorträge, Workshops und Mengen niemals wiederkehrender Konzerte. Etliches ist nachzuhören bei den fördernden ARD-Sendern, aber live bleibt Leben. Tausende füllten den Hof der Heidecksburg, als Eddi Reader aus Glasgow sang. Zur selben Zeit trat in Brasilien das Joachim-Löw-Ensemble auf. Congratulations, sagte Mrs. Reader und gab das Ergebnis bekannt. Vereinzelte Juchzer, schütterer Applaus. Dann schmetterte die schottische Folkeuse ein französisches Chanson. Tobender Jubel! Deutschland spielte gegen Frankreich, und Schottland gewann. Das ist Rudolstadt.