Elena schreibt. Sie schreibt eine ganze Seite voll. Das ist das Erste, was an diesem Morgen auffällt. Elena*, die immer vor leeren Blättern saß und nicht wusste, was sie mit dem Bleistift in ihrer Hand anstellen sollte. Sie hört gar nicht mehr auf, das Tafelbild abzuschreiben. Frank Dopp, ihr Klassenlehrer, wird später von einer "enormen Entwicklung" sprechen und dabei sehr zufrieden aussehen.

Fast drei Jahre ist es her, dass sich der Deutsch-, Englisch- und Theaterlehrer Dopp entschied, eine Inklusionsklasse zu übernehmen. Es gab damals kaum Erfahrungen mit förderbedürftigen Kindern an der Gesamtschule Ost in Bremen. So war auch keiner da, der ihn warnen oder ihm abraten konnte. Dopp stürzte sich einfach hinein in die neue Aufgabe. Es sollte nach fast 25 Jahren im Beruf das größte Abenteuer seines Lehrerlebens werden. Plötzlich war Frank Dopp Teil des gewaltigsten Schulversuchs, den Deutschland in den letzten Jahren angestoßen hat. Ein Mitspieler im Großexperiment Inklusion.

Bremen hat 2009 als eines der ersten Bundesländer in Deutschland die inklusive Schule gesetzlich verankert und sich damit auf den Weg gemacht, die UN-Behindertenrechtskonvention zu erfüllen. Demnach sollen alle Kinder gemeinsam zur Schule gehen, egal, ob sie gesund oder behindert, in ihrer Entwicklung zurückgeblieben oder den anderen Kindern voraus sind. Das über Jahrzehnte geschaffene Parallelsystem von separaten Förderschulen sollte auf den Sondermüll der Pädagogik verbannt werden. Förderschulen wird es in Bremen in Zukunft nur noch für schwerst- und mehrfach körperbehinderte Kinder, für Blinde und Gehörlose geben. Schon heute gehen 68,5 Prozent der Schüler mit geistigen oder körperlichen Handicaps auf allgemeinbildende Schulen.

Wie aber verändert die Inklusion das System Schule? Haben all die Kinder, die abweichen von dem, was die Gesellschaft als "normal" definiert, weil sie langsamer lernen, sich schlecht konzentrieren können oder schneller aggressiv werden, nun wirklich das Gefühl, dazuzugehören? Nur weil man ihnen sagt: Ihr gehört jetzt dazu?

Zweimal schon haben wir über die Klasse von Frank Dopp berichtet (ZEIT Nr. 28/12 und Nr. 38/13 ). Wir werden sie auch weiterhin mindestens einmal im Jahr besuchen, um zu erfahren, ob sich die Perspektiven für Kinder mit Lernstörungen und Behinderungen wirklich ändern, wenn sie gemeinsam mit allen anderen zur Schule gehen. Und ob später, nach der Schule, ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt wirklich größer ist. Wir wollen wissen, wie lange das überhaupt funktioniert: gemeinsam zu lernen. Obwohl die Matheaufgaben komplizierter und die englischen Texte länger werden. Was geschieht mit den fünf Inklusionskindern, wenn sich der Rest der Klasse auf die Abschlussprüfungen vorbereitet? Werden sie dann doch nur noch stören? Sortiert man sie wieder aus? Wird Murat, der autistische Junge, der gerne am Flughafen arbeiten will, sein Ziel erreichen? Oder wird Alex, der die Klasse mit seinen Grimassen, seinem Kreischen und Grunzen am Anfang in den Wahnsinn trieb, wird er einen Abschluss schaffen, um Koch zu werden, so wie er sich das wünscht?

Die nächsten zwei, drei Jahre werden entscheidend sein. "Es hängt davon ab, wie gut sie jetzt alle durch die Pubertät kommen", sagt die Lehrerin Vanessa Fernandez, die gerade eine Mathearbeit zurückgegeben hat. Notendurchschnitt: 3,0. "Das hat mich echt gefreut", sagt sie und strahlt, als habe sie selbst eine Eins geschrieben. Vor drei Jahren, sie hatte gerade ihr Referendariat beendet, schickte man sie direkt in die Inklusionsklasse. Ausgebildet war sie dafür nicht. Inzwischen weiß sie genau, wie jeder ihrer Schüler tickt. Was sie ihm zutrauen kann – und was nicht. Drei der fünf Inklusionskinder stellt sie Aufgaben aus dem sogenannten Grundkurs, genau wie etlichen Kindern ohne Förderstatus. In Mathe und Englisch werden die Schüler in Grund- und Erweiterungskurse aufgeteilt. Sie sitzen zwar zusammen im Unterricht, lösen aber unterschiedlich anspruchsvolle Aufgaben. Nur Murat und Elena rechnen auf dem noch niedrigeren Inklusionsniveau. "Bei ihnen fängt man immer wieder von vorne an", sagt Fernandez. "Wenn ich sage, zeichnet ein Rechteck, muss ich jedes Mal erklären, was das ist." Prozentrechnung sei ihnen kaum zu vermitteln. Sie glaube nicht, dass Murat jemals ausrechnen könne, was etwas koste, wenn es 20 Prozent billiger ist. Das heißt: Neuen, anspruchsvolleren Stoff zu vermitteln wird immer schwieriger.

Alex dagegen hat in guten Phasen durchaus Erfolgserlebnisse. Seitdem er einmal eine Zwei in einer Mathearbeit geschrieben hat, besteht er darauf, auch weiterhin Aufgaben aus dem Grundkurs zu bekommen. Ein nicht ganz leichtes Unterfangen, weil bei Alex kein Tag wie der andere ist. "Wenn es zu schwer wird, blockiert er und kommt über die erste Aufgabe nicht hinaus", sagt Fernandez. "Er nimmt dann lieber die schlechtere Note in Kauf."

Als Frank Dopp vor drei Jahren vor seine Fünftklässler trat, nahm er sich vor, das Wort "Inklusionsklasse" vor den Kindern nie zu benutzen. Immer sprach er von der "besonderen Klasse". Die Kinder fragten nicht. Aber sie erlebten ja jeden Tag, was das hieß: Alex mit seinen lauten Geräuschen vorne in der ersten Reihe. Elena, die an der Seite saß, still und in sich gekehrt, kaum hörbar. Tuna, der etwas Unberechenbares in sich trug, schnell wütend wurde. Murat, der so ganz in seiner Welt lebte, niemals still saß, den Oberkörper hektisch hin und her bewegte, in die Hände klatschte, die Arme hochriss, alles mitten im Unterricht. Dazwischen die kluge Sofie, die pfiffige Lina und Kornelius, der Klassenclown. Mathegenies und Sprachvirtuosen neben Kindern, die eine Viertelstunde benötigten, um eine Aufgabe zu verstehen, die die anderen schon längst gelöst hatten.

"Ich bin ein Inklusionskind", sagt der 13-jährige Max und blickt ernst. Der rotblonde Junge ist erst seit einem Jahr in der Klasse. Davor war er im Kinderheim und in einer Förderschule. "Hier sind die Aufgaben schwieriger", sagt er. "Aber ich hatte auch schon mal eine Eins auf dem Zeugnis." Sein Mitschüler Felix sitzt auf dem Teppichboden des Klassenzimmers und hört Max zu, während er die Fußballwetten seiner Freunde auswertet. "Wir kennen die Macken der anderen inzwischen ziemlich genau", sagt er abgeklärt. Er sitze neben dem Inklusionskind Alex, der nun mal mehr Hilfe brauche als andere. "Aber ich gehe nicht mehr so sehr auf ihn ein wie früher", sagt Felix. "Ich sag: Konzentrier dich, und dann macht er eigentlich gut mit."

Ach, ihr seid ja die I-Klasse! Das müsse man sich draußen in den Hofpausen immer anhören, erzählt Sarah, die zu den guten Schülern in ihrer Klasse gehört. "Wenn ich sage, ich hab ’ne Eins in Mathe, dann zählt das gar nicht. Das nervt." Sarah mag es auch nicht, wenn ihre Mutter anderen Leuten erzählt: "Meine Tochter geht in eine ganz besondere Klasse." Die würden sich dann seltsame Sachen denken, obwohl Sarah doch eine ganz normale Schülerin sei. "Und in Englisch hängen wir total weit hinterher", ruft Kornelius dazwischen. "Die Lehrer müssen ja auch immer alles zigmal erklären."