Für Frank Dopp sind das gute, fast große Momente, wenn er hört, wie offen seine Siebtklässler über die Situation in ihrer Klasse reden. Dass sie in Englisch hinterherhängen, stimme so nicht mehr, sagt er. In der fünften Klasse hatte er den Eltern zwar beichten müssen, nicht mal die Hälfte des Stoffes geschafft zu haben, den der Lehrplan vorsah, aber er hat aufgeholt. Dass er das erste gemeinsame Schuljahr zum "sozialen Jahr" erklärt und viel Unterricht für Konfliktlösung und Krisengespräche geopfert hatte, hat er bis heute nicht bereut. Er wollte diese Schicksalsgemeinschaft zu einer echten Gemeinschaft machen, einer sozialen, solidarischen. Habe es im letzten Jahr noch viele Tränen der Wut, des Verletztseins, Beleidigungen, auch Mobbing gegeben, so sei das jetzt vorbei. "Beleidigt wird hier keiner mehr", sagt Sarah, und alle, die mit ihr am Tisch sitzen, nicken heftig. \Eine Klasse voller pubertierender Jugendlicher, in der es kaum noch Konflikte gibt? Schwer zu glauben. "Theater" heißt Dopps simple Erklärung für diese Entwicklung. Im Februar stand die gesamte Klasse auf der Bühne im Theatersaal der Schule. Dreams hieß ihr Stück. Sie hatten sich alles selbst überlegt, den Namen, den Inhalt, die Szenen, die Kostüme, die Musik. Sie spielten auf Englisch, fast eine Stunde lang. Schon gegen Ende der fünften Klasse hatte Frank Dopp diese Idee. Fast anderthalb Jahre hat die Umsetzung dann gedauert. Eine harte Geduldsprobe für alle Beteiligten.

Dreams ist ein Stück über den Wert von Freundschaft, über Mobbing und Ausgrenzung geworden. Und während die Schüler probten und entwickelten, verwarfen und verzweifelten, sich zerstritten und wieder versöhnten, merkten sie gar nicht, wie eng sie dabei zusammengewachsen waren.

Die erste Stimme, die in Dreams auf der Bühne zu hören ist, kommt von Murat, dem autistischen Jungen. "In my dreams I can fly", sagt er. Laut, fehlerfrei und souverän. Den fiesen Mobber spielt Alex. Seine Ticks und Grimassen hat er perfekt in die Rolle integriert. So wird auf der Bühne manches Handicap in ein Talent verwandelt. Man könnte auch sagen: Wer glaubt, Inklusion könne nicht gelingen, der schaue sich Dreams an – und lasse sich zumindest für einen Moment vom Gegenteil überzeugen.

Heißt das nun: Das Experiment ist geglückt? "Wir bewegen uns immer noch zwischen Gelingen und Scheitern", sagt Frank Dopp. Aber er habe sich schon lange nicht mehr so überfordert und verzweifelt gefühlt wie am Anfang. "Jede Stunde ist immer noch ein großes Ausprobieren, ich krieg sie zwar irgendwie rum, aber ich müsste einfach viel mehr auf jeden Einzelnen eingehen können", sagt Dopp. Während Inklusionskinder wie Elena oder Alex regelrechte Entwicklungsschübe machten, verliere man gleichzeitig andere aus den Augen. "Wer nicht aufmuckt und still vor sich hin arbeitet, bekommt wenig Aufmerksamkeit", sagt Dopp. "Ich hätte gern mal für die Stärkeren mehr Zeit, würde gern mehr aus denen herauskitzeln."

Fast übersehen haben die Lehrer in den letzten Monaten Tuna. Der Junge kam mit großen Verhaltensauffälligkeiten und Lernschwierigkeiten in die Klasse. Dass er Potenzial hatte, merkten Dopp und der Sonderpädagoge Siebo Donker schnell. Tuna begann Kontrabass zu spielen, ging regelmäßig zu den Proben, und sogar im Unterricht strengte er sich an. Doch es muss einen Moment gegeben haben, in dem sein Lerneifer verloren ging. Die Lehrer haben zu spät auf diese Entwicklung reagiert – und jetzt steht vieles auf der Kippe. Tunas Leistungen werden schlechter, große Lust auf Kontrabass und Orchester hat er nicht mehr. Er fällt wieder mehr auf im Unterricht, seine schlechten Leistungen machen ihm schlechte Laune. Aufgaben des unteren Niveaus zu lösen – das gefällt einem wie ihm, der vor Kraft und Muskeln nur so strotzt, nicht. "Wie das ausgeht, ist nicht klar", sagt Dopp.

Ein paar Jahre noch, und die Frage wird sein: Schaffen die fünf Inklusionskinder einen Schulabschluss? Die Bremer Bildungssenatorin hat gerade beschlossen, Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die keinen Abschluss hinbekommen, ein "Allgemeines Zeugnis" auszustellen. Darin sollen die in den einzelnen Fächern erreichten Kompetenzen in Worten beschrieben werden. Wird das reichen für einen Ausbildungsplatz? Man wolle auf diese Weise "flexible, individuelle Bildungsverläufe" ermöglichen, heißt es aus der Behörde. Dopp genügt das nicht. "Die Inklusion müsste Schule doch wirklich verändern", sagt er. Aber immer noch werde erwartet, dass die Kinder in das vorhandene Raster passen. Englisch zum Beispiel sei ein großes Problem. "Die meisten Förderschüler hatten das nie in der Grundschule. Die schaffen den Anschluss an die anderen nicht, bekommen die geforderten Transferleistungen nicht hin. Allein daran scheitert es schon, dass sie einen Abschluss bekommen."

Die Konsequenz wäre, die Schüler in der neunten Klasse in Deutsch, Mathematik und den Fremdsprachen separat zu unterrichten, auch damit sie die anderen nicht bei der Vorbereitung auf ihre Prüfungen stören. Dopp will das auf keinen Fall. "Weil die Inklusion spätestens an dieser Stelle gescheitert wäre." Es sei ein "ganz starker Wunsch" von ihm, dass alle Kinder seiner Klasse einen Abschluss schaffen, sagt Dopp. Auch die Inklusionskinder. Er werde alle Tricks und Möglichkeiten ausschöpfen, um ihnen dabei zu helfen.

Das Gefühl, auf einer wirklich großen Bühne angekommen zu sein, hat er seinen Schülern vergangene Woche schon einmal gegeben. Die Klasse war zum Landesschultheatertreffen eingeladen und spielte in der Bremer Shakespeare Company. Murat und die anderen standen im Rampenlicht und riefen, jeder einzeln, nacheinander, laut hörbar für alle: "I have a dream!"

*Die Namen aller Kinder wurden geändert