Mario Draghi hat bereits einen eindrucksvollen Lebenslauf: Gouverneur der italienischen Notenbank, Direktor bei der Investmentbank Goldman Sachs, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Möglicherweise kommt in den nächsten Monaten noch ein Job hinzu – und das könnte in Europa und darüber hinaus allerhand Verwicklungen auslösen.

Es geht um den wohl prestigeträchtigsten Posten in Draghis Heimatland Italien: das Amt des Staatspräsidenten.

Im Moment hat es Giorgio Napolitano inne, ein angesehener Politiker, der erst im vergangenen Jahr für weitere sieben Jahre im Amt bestätigt wurde. Doch Napolitano ist vor wenigen Tagen 89 Jahre alt geworden, und es gilt als unwahrscheinlich, dass er bis zum Ende seiner regulären Amtszeit weitermacht. Deshalb werden in Rom, Brüssel und Berlin derzeit verschiedene Szenarien diskutiert. Denkbar ist, dass Napolitano sich zurückzieht, wenn Italiens ehrgeiziger Regierungschef Matteo Renzi einen Großteil der von ihm geplanten ambitionierten Reformen umgesetzt hat – also irgendwann in der ersten Hälfte des kommenden Jahres. Und an dieser Stelle kommt Draghi ins Spiel, denn er wäre aus italienischer Sicht ein Kandidat für die Nachfolge Napolitanos.

Für Draghi wäre es eine schwere Wahl. Seine Heimat ist die internationale Finanzwelt, er will Freunden und Gegnern beweisen, dass er mit den umstrittenen Maßnahmen, die er an der Spitze der EZB ergriffen hat, die Krise endgültig besiegen kann. Doch wie zu hören ist, würde er sich in der Pflicht sehen, wenn die Heimat nach ihm riefe. Dem Vernehmen nach wurde im Kreise Vertrauter über das Für und Wider eines solchen Schrittes schon gesprochen. Entschieden ist aber wohl noch nichts – und keiner der Beteiligten will sich offiziell äußern. In den Handelsräumen der großen Banken wird trotzdem bereits eifrig über die verschiedenen möglichen Varianten spekuliert.

Würde Draghi wirklich gehen, wäre einer der einflussreichsten Posten in Europa neu zu besetzen – und damit wäre die einflussreichste Politikerin des Kontinents am Zug: Angela Merkel. Deutschland hatte bereits vor drei Jahren einen Kandidaten für den Spitzenjob bei der EZB ins Rennen geschickt – den damaligen Bundesbankpräsidenten Axel Weber. Weber aber wechselte lieber zur Schweizer Großbank UBS, und Deutschland ging leer aus. Merkel würde sich sehr bald mit Forderungen konfrontiert sehen, vor allem aus der eigenen Partei, dass die Deutschen diesmal zum Zuge kommen.

Das wiederum brächte die Kanzlerin in erhebliche Schwierigkeiten. Der natürliche Kandidat wäre Bundesbankpräsident Jens Weidmann, ein angesehener Geldpolitiker mit internationaler Erfahrung, mit intimer Kenntnis der Finanzmärkte und der europäischen Politik. Weidmann hat jedoch Draghis Rettungspolitik scharf kritisiert – und im Rat der Notenbank sogar gegen das umstrittene Programm zum Kauf von Anleihen gestimmt, mit dem die EZB vor zwei Jahren den Zerfall der Währungsunion bekämpfte.

Die jüngste Zinssenkung der EZB hat Weidmann zwar mitgetragen, aber in Südeuropa sitzt das Misstrauen tief. Aus diesem Grund wäre Weidmann im Rest des Kontinents wohl nur schwer durchzusetzen – und wer Präsident der EZB wird, das entscheiden die Staats- und Regierungschefs. Angela Merkel müsste also für ihren Kandidaten kämpfen und Konflikte mit ihren Partnern riskieren, und die bisherige Personalpolitik der Kanzlerin deutet darauf hin, dass sie genau das scheut. Weber jedenfalls beschwerte sich nach seinem Rückzug im kleinen Kreis über die mangelnde Unterstützung aus dem Kanzleramt.

Hinzu kommt, dass Merkel von Draghis Geldschwemme profitiert. Weil die Investoren an den Finanzmärkten dank der Unterstützung durch die EZB den Krisenländern inzwischen wieder günstig Geld borgen, konnte es sich Merkel leisten, auf innenpolitisch weitaus heiklere Krisenmaßnahmen wie das Auflegen von Eurobonds – gemeinschaftlich garantierte Staatsanleihen – zu verzichten. Würde sich Weidmann bei der EZB weniger pragmatisch zeigen, könnte die Debatte über solche Instrumente wiederaufleben. Und wie einst Weber hätte Weidmann das Problem, dass er einem Zentralbankrat vorsitzen würde, der in vielen Fragen eine andere Position hat als er selbst.

So könnte es am Ende auf einen Kompromisskandidaten hinauslaufen – womöglich einen Notenbanker aus einem kleineren Land wie den Finnen Erkki Liikanen. Wenn Draghi tatsächlich geht.