Kurz vor seinem Tod erwacht das Kaufhaus noch einmal zum Leben. Mühsam und widerspenstig wie ein altersschwaches Wesen, das sich ein letztes Mal aufrafft. Mit einem Seufzen zieht die Rolltreppe an, sucht und findet ihren Takt. Die Lüftung beginnt zu atmen. Flackernd erhellt Licht das Erdgeschoss, den ersten Stock, den zweiten und gibt den Blick frei auf Hemden und Hosen, auf Jacken und Jeans, auf "20 Stück Gardinen-Faltenhaken" für 1,50 €, auf Strümpfe "Falke seidenglatt 15 kniehoch transparent" für 8,00 €, auf die Fußmatte "Welcome" für 11,99 €, auf den Eierkocher von Severin für 29,95 €, auf das Piratenschiff von Playmobil für 49,95 €. Auf hundertfaches Habenwollen und Habenmüssen. Auf die ganze Grundausstattung eines deutschen Lebens.

Es ist ein Freitag im Mai, 8.25 Uhr. Im Kaufhaus Hibbe haben die Verkäuferinnen hinter Kassen, vor Regalen, an Wühltischen Position bezogen. Frau Nölle bei den Socken, Frau Bülow bei Uhren und Schmuck, Frau Autsch bei den Spielwaren. Alles ist wie immer an diesem Morgen – und nichts ist, wie es war. Von der Decke baumeln knallrote Schilder wie übergroße Teebeutel, Plakate voller Ausrufezeichen und Großbuchstaben: WIR SCHLIESSEN! ALLES MUSS RAUS! INSOLVENZVERKAUF! %! %! %! Unten am Eingang steht Klaus Hibbe, 46 Jahre alt, der Inhaber. Er knetet die Hände. Er lugt durch die Schaufenster in die Fußgängerzone, wo ein Trupp Rentner wartet. Kurz treffen sich die Blicke von Kaufmann und Kunden. Durch das Glas starren sie ihn an wie einen kranken Fisch im Aquarium.

"Tja", sagt Hibbe. "Ein Laden stirbt nicht still und heimlich. Ein Geschäft stirbt immer laut."

In 31535 Neustadt am Rübenberge, Niedersachsen, schließt das Kaufhaus Hibbe. 115 Jahre nachdem der Urgroßvater es begründete, macht der Urenkel es dicht. Wie hundert andere Geschäfte in hundert anderen deutschen Innenstädten stirbt es einen öffentlichen Tod. Stirbt am Internet. Stirbt an Geiz. Stirbt an Gleichgültigkeit. Stirbt auch an eigener Trägheit, von der noch zu reden sein wird. Doch nicht jetzt, um 8.30 Uhr, da sich die Türen öffnen und zehn, zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig Kunden an Klaus Hibbe vorbei ins Kaufhaus drängen, grußlos, mit grimmigen Schnäppchenjägergesichtern. "Wenn ihr alle früher mal gekommen wärt", flüstert Hibbe.

So beginnt der erste der letzten Tage. Mit 20 Prozent auf alles.

Es waren zwei Zahlen, die zu Klaus Hibbe und seinem Kaufhaus führten. Im Winter hatte der Handelsverband Deutschland gemeldet, dass der Anteil der klassischen Warenhäuser am Gesamtumsatz des Einzelhandels nur noch 2,7 Prozent ausmache. Zugleich war der Marktanteil von Onlinehändlern wie Amazon, eBay und Zalando auf neun Prozent gestiegen.

2,7 zu 9. In der Differenz verbarg sich das Drama: Am 18. März 2014, um neun Uhr früh, ging im Amtsgericht Neustadt der Insolvenzantrag der Kaufhaus Hibbe GmbH & Co. KG ein und bekam das Aktenzeichen 907 IN 199/14 – 0 –. Fünf Tage später schrieb die Lokalzeitung: Stadt bangt um ihr Kaufhaus. Es war nur eine dieser immergleichen Wirtschaftsnachrichten. Und Klaus Hibbe war zunächst nicht mehr als eine Stimme am Telefon. In diesem flapsigen Niedersächsisch, das man noch von Gerhard Schröder kennt, sagte er: "Meinetwegen, komm’ Se vorbei."

In der Marktstraße 27 stand dann – zwischen Rossmann rechts und Apollo-Optik links – ein grauer Klotz, in dem jeder Schritt nach vorn zurück in die Vergangenheit führte. Zurück auf Linoleumboden wie in Schulturnhallen. Zurück zwischen parfümumwölkte Verkäuferinnen. Zurück vor ein Informationsschild am Fuß der Rolltreppe, das sich jetzt wie eine Museumstafel voller Wirtschaftswunderwörter las: "Süßwaren", "Lederwaren" und "Strumpfmode" im Erdgeschoss. "Bademoden", "Mode & Wäsche" und "Spielwaren" in der ersten Etage. "Elektrogeräte", "Glas/Porzellan" und "Korbwaren" in der zweiten.

In der dritten Etage stand Klaus Hibbe in seinem Büro am Fenster, schlank, grauhaarig schon und mit einer Weitsichtigen-Brille, die seine Augen groß machte und seinem Blick einen staunenden Ausdruck verlieh. Mit seiner zerbeulten Jeans, seinem karierten Kurzarmhemd und seinem Handy in der Hosentasche hinten rechts sah er aus wie sein eigener Hausmeister. Hibbe nannte sein Kaufhaus einen "Vollsortimenter", sprach von 40.000 Artikeln und 3.300 Quadratmetern Verkaufsfläche. "Wir sind 50 Prozent der Innenstadt", sagte er.

Abgelaufene braune Teppiche und Raufasertapeten in seinem Büro ließen erahnen, dass die Familie einst hier oben im Kaufhaus gewohnt hatte. Eher schroff erzählte Hibbe, als Junge sei er morgens die Rolltreppe hinunter zur Schule gehüpft, habe abends mit einer Taschenlampe unter den Kassentischen nach Münzen gesucht und sonntags in der leeren Spielzeugabteilung Dampfmaschinen fahren lassen.

"Hilft mir jetzt auch nicht", sagte er.

Draußen vor dem Fenster: die Stadt, auf flaches Land gestreut. Fachwerk, Backstein, rote Dächer. In guten Zeiten ein Burgherrenblick auf ein treues Kundenvolk von 18.000 Menschen. In schlechten Zeiten? Eine Welt voller Abtrünniger, in der jetzt alle alles im Internet bestellen und sich nach Hause liefern lassen: Bücher und Blusen, Kameras und Kaffeekapseln, Luftmatratzen und Legosteine. Hibbe sieht ja andauernd die Paketboten an seinen Schaufenstern vorbeihasten, wie Gesandte aus einem unsichtbaren Reich.

Hätte er diese Entwicklung verhindern können? Oder ist sie so mächtig und unumkehrbar wie die Kontinentalverschiebung? Seit Jahren habe er keinen Gewinn mehr gemacht, sagte Hibbe, im vergangenen Jahr zählte er 50.000 Euro Verlust.

Wer verdient jetzt dieses Geld?

Ein paar Tage nachdem bei Hibbe der Ausverkauf begonnen hat, klickt 700 Kilometer weiter südlich, in Zürich, ein Mann auf eine Computermaus. Vor seinen Augen wächst eine Weltkarte aus Pixeln, entfalten sich Tabellen, entsteht ein Firmenname: Blacksocks.com.