Harry Potter brettert am Londoner Bahnhof gegen eine Absperrung, um zum geheimen Gleis 9 ¾ zu gelangen. Und während Pippi Langstrumpf in einer kleinen Stadt in Schweden ihr Pferd in die Luft stemmt, segelt ihr Seeräuber-Papa über die Weltmeere. Pippi und Harry nehmen uns, die Lesenden, mit in fremde Länder und fantastische Welten. Das Erstaunliche ist, dass beide eine gemeinsame Heimat haben: Hamburg.

Und nicht nur sie, auch viele andere Kinderbuch-Berühmtheiten sind Hamburger: Lindgrens Michel und Karlsson vom Dach; Petzi, Conni und Ritter Rost; Cornelia Funkes wilde Hühner und die in einen Vampir verliebte Bella aus den Twilight-Romanen; Erich Kästners Kinderdetektiv Emil und James Krüss’ Timm Thaler; der tiefbegabte Rico und der hochbegabte Oskar genauso wie die verrückten Olchis, Willi Wiberg, das Sams, Tim und Struppi, Pettersson und Findus, die mutige Katniss aus den Tributen von Panem und Kirsten Boies kleiner Ritter Trenk.

Natürlich sind nicht all diese Figuren von Hamburger Autoren oder Zeichnern erdacht, doch mit der Verlagsgruppe Friedrich Oetinger und dem Carlsen Verlag sind zwei der größten und renommiertesten deutschen Kinderbuchhäuser in Hamburg ansässig. Hinzu kommt die Kindersparte rororo des Rowohlt Verlags in Reinbek, und auch in Sachen Hörbuch ist die Stadt stark aufgestellt. Ebenso mit einer großen Zahl an überregional bekannten und ausgezeichneten Autoren und Illustratoren.

Es entsteht unglaublich viel Literatur für junge Leser in Hamburg. Aber in der Stadt wird sie kaum wahrgenommen

Hamburg, so formuliert es der Leseförderungsverein Seiteneinsteiger, ist die "Hauptstadt der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur". Auch Margit Müller, Geschäftsführerin des Fachverbands AVJ, der Arbeitsgemeinschaft der Kinder- und Jugendbuchverlage, sagt: "In Hamburg gibt es eine Konzentration von reinen Kinder- und Jugendbuchverlagen wie in keiner anderen Stadt." Bemerkenswert seien nicht nur die traditionellen Großverlage. Als Beleg für eine lebendige Szene sieht Müller vor allem, dass immer noch neue Häuser dazukämen – etwa der Aladin Verlag im Jahr 2012.

Schade ist nur: Die Hamburger machen kaum etwas aus dieser Marke. Sie leben in der "Musical-Hauptstadt", das wissen alle. Aber "Kinderbuch-Hauptstadt"? Das wissen nur Insider. Eine verpasste Chance.

Heidi Oetinger, die bis zu ihrem Tod vor fünf Jahren das Kinderbuch in Deutschland geprägt hat, war überzeugt davon, dass ein gutes Verlagsprogramm auch neue Erzähler und Zeichner anziehe. "Sie sollten die Menschen kennenlernen, um neue Talente zu entdecken", riet sie den Kollegen anderer Häuser. Natürlich können Autoren dank moderner Technik schon lange Bücher im Urwald tippen, sie dem Illustrator in die Wüste schicken, und der Verlag in Norddeutschland bekommt dennoch alle Daten fristgerecht.

Aber wo eine lebendige Verlagsszene ist, da siedeln sich auch die zugehörigen Künstler an. Autoren wie Harry Rowohlt, Kirsten Boie und Isabel Abedi leben in der Metropolregion Hamburg und treffen auf Illustratoren wie Sabine Wilharm, Peter Schössow, Stefanie Harjes, Jutta Bauer und Ole Könnecke.

Gerade die Illustrationsszene ist vielfältig und wird international beachtet. "Hamburg hat eine Dichte und Güte von Illustratoren wie keine andere deutsche Stadt", sagt Maria Linsmann. Sie sagt das mit einem durchaus neidvollen Unterton, denn Linsmann ist Direktorin des Bilderbuchmuseums in Troisdorf. Ihr Haus ist einzigartig in Europa, und sie hätte eine solche Ballung an Zeichnern lieber in einer Stadt wie Köln, näher an ihrem Museum. "Besonders in der Bilderbuchillustration hat Hamburg jedoch deutlich mehr zu bieten", sagt sie. Die Erklärung liegt für Linsmann in der HAW. Der dortige Studiengang Illustration, der einzige seiner Art in Deutschland, sei eine Talentschmiede.