Ein elf Monate alter Wollschwein-Eber

Das Wollschwein ist ein geselliges und soziales Wesen. Für die Tierpflegerin Cornelia Regner, die sich mit Cowboyhut und Allwetterjacke um Gerda, Pumba, Suri und Alf kümmert, ist das ein Problem. Die vier Wollschweine trotten im Tierpark Kunsterspring im Norden Brandenburgs zum Unterschlupf. "Wenn ich mal ein Ferkel rausholen muss und das quiekt, kommen sie alle angerannt. Und ich muss schnell aus dem Gehege raus", sagt Regner, zieht ihre Augenbrauen hoch und senkt die Stimme: "Langsam sind die nicht." Sogar über einen Meter weit können die springen, behauptet sie.

Man hört ihr zu und sieht, wie die Wollschweine im Matsch umherstampfen, schaut auf die dichten, lockigen Borsten, die dem Tier eine Ähnlichkeit mit einem moppeligen Schaf verleihen, betrachtet verwundert den runden Körper, der von einer zentimeterdicken Fettschicht geformt wird, und glaubt Regner kein Wort. Springen? Diese Karikatur von einem Schwein?

In Deutschland gibt es nur rund 400 reinrassige Wollschweine, die sich für die Zucht eignen. Sie kommen in den Farbschlägen rot, "schwalbenbäuchig" (schwarz mit weißem Bauch) und blond vor, die nach den Zuchtrichtlinien nicht vermischt werden sollten und deshalb de facto eigene Rassen sind. Die Tiere stammen ursprünglich aus Ungarn, wo sie Mangalitza heißen und als nationales Kulturgut gelten. In Deutschland sind sie bedroht, weil sich keiner so richtig für sie interessiert. Warum auch? Ein Schwein aus Intensivhaltung ist nach rund sechs Monaten schlachtreif, ein Wollschwein braucht drei- bis viermal so lange. Nur fünf oder sechs Ferkel bringen die Tiere auf die Welt, deutlich weniger als die neun bis zehn Nachkommen einer Zuchtsau. Das Fleisch der Tiere ist viel fetter als das ihrer Artgenossen, was im Massenverkauf ein Makel ist.

Das Fleisch ist saftig und nicht trocken und zäh

Und doch arbeiten Tierliebhaber, Schweinezüchter und Marketingexperten daran, die Rasse in Deutschland zu retten. Zum Beispiel in Woltersdorf, einem Dorf im Speckgürtel von Berlin. In einer Reihenhaussiedlung versteckt sich das Restaurant Schönblick. Wer von der Aktionskarte das "Beste vom Wollschwein" bestellt, bekommt eine kleine Roulade serviert, dazu ein Stück geschmorten Schweinebauch, kräftiges Gulasch und ein Stück zartes Filet. Ein erster Grund, die Mangalitza-Rasse zu erhalten, erschließt sich nach ein paar Bissen: Das Fleisch schmeckt kraftvoll und saftig, nicht so trocken und zäh wie das Massenprodukt aus dem Supermarkt.

Das Restaurant hat an einer Studie der Uni Kassel teilgenommen, die untersucht, ob sich Restaurantgäste dafür interessieren, wenn alte Nutztierrassen und Pflanzensorten auf der Speisekarte stehen. Die Idee dahinter: Wer das Wollschwein retten will, muss es essen.

Die Studienleiterin, Christina Bantle, ist noch mit der Auswertung der 700 Fragebögen beschäftigt, doch ein Trend ist offensichtlich: "Für die meisten Gäste sind alte Pflanzensorten oder Haustierrassen auf der Speisekarte ein Grund, in einem Restaurant essen zu gehen. Sie sehen darin einen Beitrag, ihre Region und Heimat zu unterstützen. Sie wollen wissen, woher die Produkte kommen und wer sie hergestellt hat."

Landet das Wollschwein regelmäßig als Abendessen in der Pfanne, lohnt es sich für Leute wie Jan Bartholdy, sich jeden Freitag und Samstag in die Kreuzberger Markthalle 9 zu stellen. Dort flanieren Besserverdiener in Vintageklamotten vor dem Landwirt, der in einem kleinen Wagen mit Kühlvitrine hockt. Der Mann mit der Nickelbrille verkauft ein Kilogramm Schinken für 35 Euro, Braten für 20. Nicht gerade günstig.

Willkommen im Schweineparadies

Wer sehen will, woher dieser stolze Preis kommt, muss sich zwei Stunden ins Auto setzen und ins Oberhavelland nach Blumenow fahren. Seit 2009 arbeitet Bartholdy, der promovierter Geologe ist, als Schweinezüchter. Über einen schlammigen Pfad folgt man ihm zur Schweineweide. Elektrozäune trennen die einzelnen Gehege, durch die Mitte verläuft der Futtergang. Als Bartholdy das schwere Eisengitter zur Seite gestemmt hat, drängen sich Ferkel um ihn und schnüffeln mit ihren feuchten Rüsselscheiben an seinen Gummistiefeln. Der Himmel ist grau, der Boden aufgeweicht, und braune Duroc-Schweine laufen durcheinander, während die Mangalitzas nebenan gelangweilt im Stroh liegen. Hallo, Schweineparadies!

In der Massenproduktion sieht der Alltag anders aus. Möglichst gleich und einheitlich sollen die Tiere sein. Die Sauen werden mit Hormonen behandelt, sodass sie alle gleichzeitig besamt werden können. Das optimiert den Betriebsablauf. Obwohl Schweine ähnlich intelligent wie Hunde sind, werden sie in Buchten gehalten, in denen sich die Sauen nicht drehen können. Am Ende ihres Lebens werden sie häufig in Großschlachthöfe gefahren, in denen die Produktivität in Schlachtungen pro Stunde gemessen wird. 400 Schweine pro Stunde ist ein guter Wert. Fehler können vorkommen – etwa, dass die Tiere noch am Leben sind, wenn sie abgebrüht und zerteilt werden.

Der Preis diktiert die Zuchtbedingungen

Bartholdy fährt einmal wöchentlich zu einem Landschlachthof. Für den Eigenbedarf tötet er selbst. Wenn die Tiere fressen, drückt er einem Schwein das Bolzenschussgerät an den Kopf. Der Bolzen durchschlägt den Schädel, das Schwein sinkt zu Boden. Bartholdy zieht es an den Hinterbeinen aus der Gruppe, tötet und zerlegt es. "Das ist wie Ausschalten, die anderen Schweine stört das nicht", sagt er.

Natürlich ist es zu einfach, Ökobauern gegen Massenproduzenten auszuspielen. Denn wie ein Schwein lebt und stirbt, ist eine ökonomische Entscheidung, die an der Fleischtheke getroffen wird oder an der Kühltruhe der Discounter. Wer 1,89 Euro für ein Pfund Hackfleisch bezahlt, unterstützt den täglichen Horror in den Mastbetrieben und Schlachthäusern ziemlich direkt.