DIE ZEIT: Frau Gannuschkina, nach Angaben russischer Medien sind bis zu eine halbe Million Ukrainer nach Russland geflohen – stimmt das?

Swetlana Gannuschkina: Wir sind ein typisch östliches Land: Zahlen spiegeln keine Tatsachen wider, sie sind emotional aufgeladen und werden an eine politische Agenda angepasst. Die russische Regierung übertreibt.

ZEIT: Ihre Mitarbeiter sind an den Grenzübergängen zu Russland im Einsatz. Was berichten sie?

Gannuschkina: Täglich kommen 200 bis 300 Menschen über die Grenze. Ich gehe deshalb von 40.000 bis 50.000 Flüchtlingen aus. Rund 10.000 Ukrainer haben in Russland Asyl beantragt.

ZEIT: Belastet die Situation Russland, oder zieht der Kreml auch Nutzen daraus?

Gannuschkina: Man sollte meinen, dass ein großes instabiles Nachbarland wie die Ukraine nicht im russischen Interesse liegt. Aber innenpolitisch nutzt die Krise den Mächtigen. Nach dem Anschluss der Krim denkt die Mehrheit der Russen, wir seien eine große Nation, die sich verlorenes Territorium zurückholen kann. Außerdem glauben viele der Propaganda, dass in der Ukraine Faschisten herrschten und alle Russen Widerstand leisten müssten. Der Sieg gegen die Nazis ist ein heiliger Moment der russischen Geschichte.

ZEIT: Vor allem das russische Staatsfernsehen hat dieses Motiv benutzt.

Gannuschkina: Was unsere Staatsmedien über die Ukraine berichten, darf man nicht alles glauben. Vor Kurzem erzählten mir eine Frau und ihre Tochter, dass US-Soldaten in ihrer Stadt Menschen entführten. Aber keine Propaganda der Welt bringt Menschen dazu, all ihre Habe zurückzulassen. Sie fliehen, weil sie Angst um ihr Leben haben. Man schießt auf sie oder ganz in ihrer Nähe. Daran hat nicht nur der Kreml Schuld. Die ukrainische Armee überschreitet Grenzen, wenn sie auf ihre Bürger schießt.

ZEIT: Wie kommt Russland mit den vielen Flüchtlingen zurecht?

Gannuschkina: Viele kommen bei Verwandten unter, einige auch in Zeltlagern an der Grenze, in Notunterkünften oder sogar bei Fremden. Der Wunsch, den ukrainischen Flüchtlingen zu helfen, hat unsere Gesellschaft vereint. Viele spenden Kleidung und Möbel. Ich sah sogar, wie arme Rentner Geldscheine in die Spendendosen stopften. Dass Menschen helfen wollen, statt – wie sonst – Einwanderer und Flüchtlinge zu verteufeln, ist eine gute Seite dieser ansonsten traurigen Geschichte.

ZEIT: Warum spendet die russische Gesellschaft bereitwillig für Ukrainer, aber nicht für andere?

Gannuschkina: Viele sehen die Ukrainer als Brüder, als Nachbarn, als Teil unserer Kultur, unseres Volkes. Andere Flüchtlinge sind für sie Fremde.

ZEIT: Einige flüchten in den Westen der Ukraine. Wer aber flieht nach Russland?

Gannuschkina: Die meisten kommen aus dem Südosten der Ukraine, ganz wenige aus dem Westen. Für alle ist Russisch Muttersprache, viele haben Verwandte oder Freunde in Russland, sie sehen die russische Kultur als ihre an.

ZEIT: Sie unterstützen die Separatisten?

Gannuschkina: Einige haben an dem Referendum für den Anschluss an Russland gar nicht teilgenommen. Sie wollten nur innerhalb der Ukraine mehr Rechte. Von Anfang an fühlten sie sich von der neuen Macht in Kiew nicht vertreten und fürchteten, dass die Beziehung zu Russland sich verschlechtert, von der sie im Donbass wirtschaftlich abhängig sind. Aber die meisten, mit denen ich gesprochen habe, wollen zu Russland gehören und haben auf ein Krim-Szenario gehofft. Sie haben sich nie darüber Gedanken gemacht, dass die Weltgemeinschaft das als Bruch des Völkerrechts ansehen und schon die Annexion der Krim nicht anerkennen würde.

ZEIT: Wollen viele in Russland bleiben?

Gannuschkina: Die meisten wollen zurück nach Hause. Aber einige wollen eben, dass ihre Heimat zu Russland gehört. Nun, da sich abzeichnet, dass Donezk und Luhansk ukrainisch bleiben, wissen sie nicht, wie es weitergehen soll.

ZEIT: Warum wollen sie auf einmal zu Russland gehören?

Gannuschkina: Hinter dem Wunsch steckt meist die Sehnsucht nach den Sowjetzeiten, als die Bergarbeiter des Donbass als Helden galten, mehr verdienten als Akademiker und kostenlos an die besten Urlaubsorte fahren konnten. Aber das ist für immer vorbei. Selbst die Menschen auf der Krim sind enttäuscht. Ich war neulich dort, die Preise sind viel stärker gestiegen als die Renten und Löhne.