Gleich zwei neu entwickelten Eissorten aus der Molekularküche sollen auf den Markt kommen. Die Gründer streiten darüber, wer bei wem die Idee geklaut hat.

In der Werbung nimmt Kyl den Mund ziemlich voll: Nicht weniger als die "wohl größte Eis-Evolution seit der Erfindung des Speiseeises" verspricht die junge Firma, deren Namen man programmatisch "Kühl" ausspricht. Ihr Produkt ist ein Eis in futuristischer Form, gefertigt mit den Kniffen der Molekularküche. Außerdem beinhalte Kyl wenig Fett und Zucker, sei wahlweise auch vegan oder alkoholisch erhältlich, natürlich bio und in bisher nicht gekannten Geschmäckern zu haben.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit hat Kyl bereits probiert, und auch sonst ist die Begeisterung groß. Denn ebenso berlinerisch cool wie die Geschäftsidee des Werbers David Marx ist deren Finanzierung: Jedermann kann sich am möglichen Erfolg des Produkts beteiligen. Schon mit fünf Euro kann man sich über die Crowdfunding-Plattform Companisto an dem Start-up beteiligen, das das futuristische Eis demnächst auf den Markt bringen will. Mehr als 1.700 Investoren haben schon Geld gegeben, oft kleinere Beträge bis 250 Euro, manchmal sogar mehr als 10.000 Euro. Mehr als 750.000 Euro Kapital kamen so zusammen.

So gesehen, ist Kyl ist eine weitere Erfolgsgeschichte aus der schönen neuen Internetwelt. Mit nur einem Haken: Sie ist womöglich zu schön. Denn seit einiger Zeit tobt ein erbitterter Streit um die Frage, wer der wahre Schöpfer der neuen Eis-Idee ist – und ob den Kleininvestoren von Kyl womöglich unternehmerische Risiken verschwiegen wurden.

In einem Großraumbüro in Berlin-Kreuzberg sitzen Manu Kumar, Stefan Gandl, Ali Erfani und Christian Arfert und präsentieren E-Mails, digital datierte Dokumente und Grafiken. Die sollen zeigen, dass sie um ihre Idee betrogen wurden. Kumar interessierte sich als Künstler früh für die molekulare Küche, heute beliefert er Biosupermärkte mit einem handgefertigten Eistee. Gandl ist ein bekannter Grafiker. Arfert ist Marketingberater, unter anderem für die Radeberger-Gruppe in den USA, und stieß später zum Team. Zusammen haben sie eine GmbH gegründet und arbeiten seit einiger Zeit an der Markteinführung von Nuna – einem neuartigen Molekular-Eis am Stiel. David Marx, der Gründer von Kyl, ist für die Nuna-Macher kein Unbekannter: Er war zwischenzeitlich einer ihrer Kollegen. 2009 kümmerte er sich beim Projekt Nuna um das Marketing.

Die Nuna-Macher präsentieren in ihrem Büro Eis-Konzepte, die denen von Kyl sehr ähneln – gesundes statt schweres Bio-Eis auf der Basis der Molekularküche als eine Art Cocktail am Stiel. Aber: Die Konzepte von Nuna sollen gemäß den Dokument-Daten bereits Monate vor Marx’ Eintritt in das Projekt entstanden sein. Die Zusammenarbeit habe damals aber nicht harmoniert. Sollte man die Idee schnell zur Marktreife bringen und sie gegebenenfalls an eine Branchengröße verkaufen? Oder das Eis doch lieber im Geheimen entwickeln und es zusammen mit einem großen Hersteller auf den Markt bringen? Nuna entschied sich für Letzteres, das soll nun nach fünf Jahren passieren. "Wir sind mit einem größeren europäischen Hersteller in der abschließenden Phase, Nuna industriell zu fertigen", sagt Arfert. In der Lebensmittelindustrie dauern Produktentwicklungen öfter lange. An Red Bull, das als Getränk bereits existierte, tüftelte Dietrich Mateschitz noch fünf Jahre lang bis zum Markteintritt. Bionade brauchte acht Jahre.

Marx trat 2010 aus dem Projekt aus. Nuna ließ sich ihr zackiges Eis und das kristallförmige Logo 2010 und 2011 markenrechtlich schützen. Doch die Nuna-Macher staunten nicht schlecht, als im Herbst 2011 das renommierte Technikmagazin Wired über ein neuartiges Eis berichtete, das aussah wie, nun ja: Nuna. Doch als Entwickler der "Sci-Fi am Stiel" präsentierte sich dort: David Marx. Zahlreiche Berichte über sein "Molekyleis" folgten.

Auch Companisto war von Marx’ heißen Eisen überzeugt. Das junge Berliner Unternehmen organisiert Crowdinvestments für Start-ups – es sammelt von einer großen Zahl Laien also kleinere und größere Beträge ein, mit denen Gründungen finanziert werden. Und tatsächlich: Kyl erwies sich als idealer Lockstoff für Anleger, kein Start-up sammelte bei Companisto mehr Geld ein. Allein die Optik zieht in bildhungrigen Sozialen Netzwerken sofort. Und Eis mag jeder.

Die ZEIT trifft David Marx am Rande einer Berliner Öko-Food-Messe. "Dämlich" nennt er die Geschichte mit Nuna. Ähnlichkeiten zwischen Kyl und Nuna will er keine erkennen. "Wir verwenden eine ganz andere Form", sagt Marx. "Deren Form, die geschützt ist, besteht aus vier mal drei Tafelsegmenten, sieht aus wie eine Schokoladentafel an einem breiten Stiel. Mit dieser Form haben wir nichts zu tun. Und selbst wenn wir die verwenden würden, wäre das noch lange kein Streitpunkt."