Was eigentlich will Hamburg mit dem Gelände der Bahn in Altona, das die Stadt gerade für 38 Millionen Euro gekauft hat? Wohnungen bauen. Die Frage ist nur: was für eine Art von Wohnungen und für wen?

Es geht um nicht weniger als einen neuen Stadtteil. 3600 Wohnungen sollen dort entstehen, es gibt schon einen Namen für das Quartier – Neue Mitte Altona. Es gibt einen Masterplan für Bebauung und Verkehrsanbindung. Es gibt eine Aufteilung: ein Drittel Sozialwohnungen, ein Drittel Eigentum, ein Drittel frei finanzierter Mietwohnungsbau.

Acht Jahre soll es dauern, bis die Bahn den Altonaer Bahnhof nach Diebsteich verlegt hat. Den Hamburgern bleibt noch etwas Zeit, sich darüber klar zu werden, was sie mit dieser einzigartigen Gelegenheit anfangen wollen.

Selten hatte das Land so große Freiräume, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. 17 Hektar in zentraler Lage – es brauchte einen Krieg oder ein schweres Erdbeben, um ein weiteres Mal eine solche Baulücke zu schaffen. Auch muss sich das Land diesmal, anders als beim ersten Bauabschnitt des Areals, nicht mit Spekulanten herumschlagen. Hamburg kauft und plant selbst.

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Genauso wichtig: In Zeiten der Euro-Krise und niedriger Zinsen betteln Investoren darum, ihr Geld in Hamburger Wohnungen anlegen zu dürfen. Nie war die Gelegenheit günstiger, Bedingungen zu stellen. Die Frage ist: Was will das Land?

Sicher auch Geld verdienen. Denn Geld füllt Schlaglöcher und bezahlt Polizisten, Radwege, Inklusionslehrer und anderes, was auch jenen am Herzen liegt, die dem Gedanken der Profitmaximierung sonst wenig abgewinnen können.

Vernünftig wäre es trotzdem nicht. Der schnelle Profit, erzielt durch den Verkauf von Grundflächen an Immobiliendealer, hätte Folgen: Hamburg würde auf Gestaltungsmöglichkeiten verzichten, die sich so nie wieder bieten werden.

Was also könnte besser sein? Dass Hamburg Wohnraum braucht, ist eine Binsenwahrheit. Aber für wen? Vor einigen Monaten hat die Bertelsmannstiftung im ganzen Land nach Wohnraum für arme Familien gesucht. Das Ergebnis war eine Karte, die an die Indianerreservate in den USA erinnert: winzige bewohnbare Areale in einem weithin unzugänglichen Land. Dass Wohnungen für Geringverdiener fehlen, ist nur die eine Hälfte des Problems. Die andere ist ihre Konzentration an wenigen Orten.

Jede dritte Wohnung in der Neuen Mitte ist als Sozialwohnung konzipiert. Das sind zwölfhundert Sozialwohnungen auf einmal. Das ist noch keine Großsiedlung, aber immerhin fast ein Viertel vom Osdorfer Born, einer armen Hochhaussiedlung im Nordwesten Hamburgs. Ist es wirklich eine gute Idee, so etwas noch einmal zu bauen? Den Mietern und dem Land wäre mehr gedient, wenn diese Sozialwohnungen in ganz Hamburg verteilt würden. So gesehen, ist jede neue Stadtvilla in Winterhude, Marienthal oder Volksdorf eine verpasste Gelegenheit.