An diesem Tag sitzt der Rolf auf seiner Bank und sagt, dass irgendwann auch mal Schluss sein müsse. Er hat eine Tasse heißes Wasser in der Hand, hinter sich den Deich und einen Wohnwagen, an dem es Eis gibt, und ein Dixiklo. Vor sich das Watt.

Am Horizont schiebt sich ein Containerschiff von der Nordsee in die Elbmündung. Ein riesiger Karton, der das Wasser zum Rauschen bringt und die Wellen so hoch schlagen lässt, dass die Kinder am Ufer vor Freude quietschen und die Eltern sie besorgt aus dem Matsch ziehen. Es heißt, dass der Fluss Kinder holt, sogar ganze Kerle.

Als es wieder still ist, erzählt der Rolf, dass er hier, hinterm Deich in Otterndorf, geboren sei, 1933, und zur See gefahren sei. Damals, als die Schiffe noch keine fahrenden Hochhäuser waren. Heute sitzt der Rolf fast jeden Tag am Strand, guckt. Jeder hier kennt ihn, nur keiner seinen Nachnamen. Trotzdem nicken alle, wenn er sagt, dass hier noch alles aus den Fugen gerate. "Die Elbvertiefung braucht kein Mensch", findet der Rolf. Dann hängt er einen Teebeutel in seine Tasse.

Einige Hundert Meter weiter steht Harald Zahrte auf dem Deich und versucht zu erklären, was der Rolf meint und warum die Menschen in Otterndorf so aufgebracht sind. Zahrte ist Stadtdirektor von Otterndorf und Bürgermeister des Gemeindeverbunds drum herum, dem Hadelner Land, 100 Kilometer westlich von Hamburg. Eine sattgrüne Ebene, voller Schafe und Touristen.

Zahrte deutet auf das gegenüberliegende Ufer, wo man Windräder erahnt und weites Watt. In Otterndorf ist es zu einem schmalen Streifen geschrumpft. "Früher konnte man doppelt so weit ins Watt laufen", sagt Zahrte. Doch der Fluss vernichte den Strand. Jedes Mal, wenn er vertieft wird, fließt er schneller, reißt noch mehr Sand vom Ufer, drückt noch heftiger gegen die Deiche und Tore. Bis das Ganze vielleicht nicht mehr hält. "Das Wasser frisst das Land."

Seit der letzten Elbvertiefung, 1999, sei es besonders schlimm, sagen die Otterndorfer. Achtmal waren die Bagger schon hier, auf Geheiß Hamburgs. 1818 wurde die Elbe zum ersten Mal vertieft, von zwei auf gut fünf Meter. Dann wurden es neun, zwölf und so weiter. 19 Meter unter Normalnull sollen es künftig sein, an der tiefsten Stelle.

Weil die Schiffe immer größer werden. Jene mit Platz für 6.000 Container galten in den neunziger Jahren als Riesen. Heute passen auf das größte Schiff der Welt mehr als 18.000 Stück. Stellte man all diese Kisten hintereinander auf, ergäbe das eine Schlange von mehr als 100 Kilometern. Und die Nächstgrößeren sind schon in Bau.

Nur können die neuen Superschiffe den Hamburger Hafen kaum noch anfahren, sagen die Hamburger. Sie müssen Stunden auf die Flut warten, das kostet Geld. Und sie passen fast nicht mehr aneinander vorbei, weshalb die nächste Elbvertiefung auch eine Elbverbreiterung sein soll. Rund 40 Millionen Kubikmeter Sand und Schlick müssen aus dem Fluss geholt werden. 500 Millionen Euro waren zuletzt für die Sache veranschlagt, vergangene Woche kam heraus, dass das Projekt viel, viel teuer werden könnte, eines der größten Infrastrukturprojekte Deutschlands. Vielleicht.

Vor zwei Jahren hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig das Vorhaben gestoppt. Kommende Woche verhandeln die Richter, ob die Bauarbeiten weitergehen dürfen. Ob der "Planfeststellungsbeschluss", wie die Elbvertiefung im Behördendeutsch heißt, vor dem Gesetz Bestand hat, ob alle Interessen angemessen berücksichtigt wurden. 13 Klagen liegen vor: von Jägern, Bauern und Fischern, von den großen Umweltverbänden und – von der 7.000-Einwohner-Gemeinde Otterndorf.

Doch in Otterndorf geht es nicht um den bedrohten Schierlingswasserfenchel, nicht um die Löffelente, für die einst beim Ausbau der A 7 ein ganzer Deich versetzt werden musste. Auch nicht um den afro-sibirischen Knutt, nach dessen Befinden das Gericht vor Verhandlungsbeginn extra gefragt hatte. Hinter den Deichen geht es um die Menschen. Um ihr Leben mit dem Fluss. Und ihre Angst vor ihm.