Für Sahra Wagenknecht ist Politik oft am anstrengendsten, wenn alle anderen sich entspannen. Auf dem Parteitag der nordrhein-westfälischen Linken ist es so weit, als fast dreihundert Delegierte aus einer großen braun getäfelten Mehrzweckhalle in die Mittagspause strömen. Eben hat sie in einer typischen Wagenknecht-Rede die Regierung der Ukraine, die deutsche Sozialdemokratie und den Kapitalismus im Allgemeinen attackiert. Jetzt sind alle in Bewegung, nur Wagenknecht steht in einem ihrer roten Kleider am Rande des Saals, kerzengerade und konzentriert. Sie muss jetzt zeigen, dass sie menscheln kann, hier in Siegen und auch sonst.

"Doll, Sahra, wie du dich neulich beim Lanz geschlagen hast", sagt ein Mann mit Lederweste und legt seine Hand auf ihren Arm. Der Fernsehmoderator Markus Lanz hatte Wagenknecht während einer Sendung so oft unterbrochen, dass hinterher die Zuschauer rebellierten. Bevor sie antworten kann, streckt ein anderer Delegierter ihr sein Handy entgegen und fotografiert sie. Ein paar andere Delegierte wollen Selfies, ein Mädchen hält dafür seinen Kopf dicht an Wagenknechts Gesicht. Die lächelt, aber fröhlich sieht sie nicht aus.

Eine junge Frau bittet sie, einen Goethe-Band zu signieren. Faust ist eines von Wagenknechts Lieblingswerken, ein aus ihrer Sicht "durch und durch antikapitalistisches Buch", aber das will hier niemand wissen. Stattdessen fragt eine Schülerin, ob Wagenknecht ihr vielleicht eine Haarsträhne von Oskar Lafontaine mitbringen könnte. Ist das jetzt ein Witz oder was?, fragt ihr Blick. "Also, da müsst ihr mit Oskar reden", erwidert sie, schiebt die Handtasche über die Schulter und geht schnell in Richtung Saalausgang.

Lange galt Wagenknecht in ihrer Partei als notorische Solistin, hochintelligent zwar, aber unzugänglich, ein menschenscheuer Nerd. Alte Parteitagsfotos zeigen sie oft allein zwischen leeren Stühlen, umgeben nicht etwa von Parteifreunden, sondern nur von Kameras. In einem Interview wurde sie kürzlich gefragt, ob sie die 19-jährige Sahra Wagenknecht von einst als Praktikantin einstellen würde. Sie verneinte das. "Ich war damals nicht besonders kommunikativ", sagt sie.

Seitdem ist viel Zeit vergangen, aber reserviert ist Wagenknecht immer noch. Als Anfang des Jahres Gabi Zimmer von der Linken zur Spitzenkandidatin für die Europawahl gekürt wurde, stürzten mehrere Vertreter des Parteivorstands auf die Siegerin zu, sie überreichten ihr Blumen und umarmten sie. Von der Zuschauertribüne aus erschien die Parteiführung der Linken als ein buntes Knäuel. Nur Wagenknecht blieb auf ihrem Platz in der ersten Reihe sitzen. Sie wartete und schüttelte Zimmer dann höflich die Hand.

Sie verkörpert das Gegenbild zum Klischee des schwatzhaften Politikers

Freunde nennen sie schüchtern, Gegner bezeichnen sie gar als Autistin. Unstrittig ist, dass sie wie ein Gegenmodell zum Klischee des schulterklopfenden und immer etwas zu schwatzhaften Berufspolitikers wirkt: ernsthaft, introvertiert, nie jovial, fast immer ohne Ironie.

Das ist eine Stärke, weil viele Wähler dem üblichen Politikertyp misstrauen. Es ist aber auch eine Schwäche, weil gerade die zerstrittene Linke Spitzenpersonal braucht, das Nähe schaffen und kommunizieren kann. Ganz ohne diese Soft Skills, das ist auch Wagenknecht klar, wird sie in ihrer Partei nicht die Macht bekommen, die sie will. Deshalb versucht sie seit einiger Zeit, nicht nur den Kapitalismus zu bezwingen, sondern auch die einzelgängerische Seite an sich selbst.

Vom Erfolg dieses Versuchs könnte viel abhängen. Zum Beispiel, ob in absehbarer Zeit ein Sozialdemokrat mit den Stimmen der Linken Kanzler werden kann. Rechnerisch wäre eine rot-rot-grüne Regierung heute schon möglich, politisch ist sie das nicht. Sozialdemokraten und Grüne würden sich auf so ein Abenteuer wohl nur einlassen, wenn sie mit jemandem aus der Spitze der Linken verbindliche Absprachen treffen könnten. Manche von deren Abgeordneten gelten schlicht als "Spinner", und Wagenknecht steht einigen von ihnen nahe. Wenn jemand aus der Führungsriege deren Bereitschaft zum Kompromiss beeinflussen kann, dann wohl sie.