Ja!

Hut ab vor diesem fordernden Job! Er entspricht in vielem dem, was Topmanager leisten. Etwa wenn es darum geht, stundenlang Diskussionen zu leiten und dabei Präsenz zu zeigen. Wobei erwachsene Konferenzteilnehmer, so aufmüpfig sie auch manchmal sein mögen, wissen, wie man sich benimmt, und nicht laut durcheinanderschreien. Auch die Verantwortung für zwanzig Menschen tragen sonst Chefs kleiner Unternehmen – und die beeinflussen Lebensläufe selten derart wie Lehrer die von Kindern. Schließlich ist kaum eine Kundengruppe so schwer zufriedenzustellen wie besorgte Schülereltern. Viele Aufgaben eines Lehrers sind die einer Führungskraft.

Leider sind viele Lehrer, was ihre Persönlichkeit anbelangt, überhaupt keine Führungskräfte. Jungen Menschen etwas beibringen zu wollen, das nennen die meisten als entscheidenden Grund für die Wahl ihres Berufes. Dass sie in einem Klassenzimmer voller aufgedrehter Pubertierender allerdings mehr brauchen als diese gute Absicht, scheint ihnen nicht bewusst zu sein.

Das zeigt der Hochschul-Bildungs-Report des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft. Von den befragten Abiturienten, die sich für den Lehrerberuf interessierten, sagten gerade mal 13 Prozent, dass sie sich gut durchsetzen könnten. Ein hohes Selbstvertrauen schrieben sich nur 16 Prozent zu. Ebenso wenige redeten gerne vor größeren Gruppen. Nicht einmal jeder vierte glaubte, er könne andere motivieren. Wie wollen denn derart zurückhaltende Menschen ein Schülerpublikum begeistern?

Es sind auch nicht unbedingt die Einserabiturienten, die Lehrer werden wollen, sondern vor allem die mit mittelmäßigen Noten. Absolventen mit besseren Noten haben wenig Lust, ihre Begabungen an der Tafel einzusetzen. Und wer will es ihnen verdenken? Auch wenn die (Beamten-)Schullaufbahn finanziell nicht unattraktiv ist, ist sie nicht gerade das, was man als Karriere bezeichnen würde. Leistung wird weder gesehen noch angemessen entlohnt – sie wird nicht einmal eingefordert. Wer sich dadurch definiert, ist am Lehrerpult fehl am Platz.

Die Entwicklungsmöglichkeiten an Schulen sind stark begrenzt. In die nächste Gehaltsstufe rutschen Lehrer vor allem durch das Älterwerden, weniger durch neue Herausforderungen. Kein Wunder, dass ehrgeizige Talente lieber richtige Manager werden. Zumal sie als solche Entscheidungsgewalt haben und nicht täglich zerrieben werden zwischen den wechselnden Vorgaben der Kultusbehörden und den wachsenden Ansprüchen der Eltern.

Das Lehrerdasein angenehm macht vor allem die Verbeamtung: Arbeitsplatzsicherheit, Altersversorgung, viel Urlaub und Zeit für die Familie – das halten dem Allensbach-Institut zufolge die Deutschen für die größten Vorteile des Berufs. Mit der Tätigkeit an sich haben diese wenig zu tun. Sie locken eher ungeeignete Bewerber an.

Wer mehr Charismatiker an den Schulen will, muss ihnen entsprechende Anreize bieten: mehr Freiräume, Anerkennung für das, was sie tun – und zwar abhängig von ihrem Engagement, nicht von ihrem Lebensalter. Dann entscheiden sich vielleicht auch mehr Führungstalente, Kinder statt Mitarbeiter anzuleiten. Womöglich finden sie sogar mehr Erfüllung und weniger Stress im Klassenzimmer als diejenigen, die jetzt dort stehen. Bei ihnen könnte man davon ausgehen: sie hätten ihre Schüler im Griff.