Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass jede deutsche Schulklasse diese Filme sehen sollte. Weil sie erzählen, was die DDR war, wie in ihr gelebt, geliebt und gearbeitet wurde, wie sie funktionierte oder eben nicht. Tatsächlich ist Volker Koepps Wittstock-Projekt, das nun zum 70. Geburtstag des Regisseurs erstmals komplett auf DVD erscheint, eine der spannendsten Langzeitbeobachtungen der deutschen Filmgeschichte. Sieben Dokumentarfilme hat der Regisseur über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg in Wittstock gedreht. 1974 besuchte er zum ersten Mal die Kleinstadt nördlich von Berlin, um von den Arbeiterinnen der dort gerade neu gegründeten Textilfabrik zu berichten. Das Werk, dem auch eine Plattenbausiedlung angegliedert war, zog Tausende junger Frauen nach Wittstock an der Dosse. Mädchen in Wittstock, der bei diesem Aufenthalt entstandene Kurzfilm, war der Anfang, und 1997 schloss Koepp das Projekt mit Wittstock, Wittstock ab. Dazwischen liegt eine Erzählung der DDR aus der Perspektive gelebten Lebens, liegt der Fall der Mauer, liegen Heirat, Kinder, der Verlust der Arbeit und schließlich der Neuanfang.

Edith, Elsbeth und Renate heißen die drei selbstbewussten Frauen, deren Leben Volker Koepp von den Anfängen des Arbeitslebens bis in die Wendejahre begleitet. Elsbeth, die keinen Mann aus Wittstock wollte, weil sie das "Schlagen und Trinken" störte, und die dann doch einen heiratete. Renate, die einst aus Thüringen kam und die heute als Zimmerfrau in einem Wittstocker Hotel arbeitet. Edith, die als Brigadierin immer sagte, was sie dachte, die nie wegwollte aus Wittstock und nun in Süddeutschland lebt. In den ersten Filmen wehren sich die drei gegen die Chefs und die Starre des Produktionssystems, machen sich auch lustig über die Erzeugnisse ihrer Fabrik: "Wer soll diese Pullover denn tragen?" 1989 gehörten sie zu denen, die auf der Straße den Wandel herbeidemonstrierten. Nach der Wende verloren sie, so wie 1.950 ihrer einst 2.000 Kolleginnen, ihre Arbeit – "eingeschätzt" wurden sie von denselben Chefs, deren schlechte Betriebsführung sie zu Zeiten der DDR kritisierten.

Auch wenn hier ein Regisseur zu hören und zu sehen ist, der bei einer der Betriebsfeiern sogar mit einem Geschenk bedacht wurde, hält sich Koepp angenehm zurück. Seine sanfte, aber stets beharrliche Fragetechnik macht uns zum Komplizen dieser Biografien. Stets greift er auf das Material der ersten Filme zurück, ruft so die Vergangenheit in Erinnerung, kontrastiert die Geschichte mit der Gegenwart. Am Ende sind wir alle ein wenig heimisch in Wittstock.

Der Wittstockzyklus – Langzeitbeobachtung 1974–1996 (absolut medien)