DIE ZEIT: Frau Domscheit-Berg, was hat sich bei Ihnen verändert?

Anke Domscheit-Berg: Der NSA-Skandal hat viel verändert, er erinnert mich im Grunde täglich an früher, an die DDR. Und vor allem erinnert er mich daran, dass wir 1989 Veränderungen erzwungen haben. Die Wendezeit war sehr wichtig für mich, sie prägt mich bis heute. Deswegen auch habe ich mich neulich über einen Text in Ihrer Zeitung geärgert.

ZEIT: Welchen denn?

Domscheit-Berg: Sie geben darin Tipps für das anstehende Mauerfall-Jubiläum. In einer Rubrik zählen Sie Leute auf, die den Mauerfall verschlafen hätten und daher lieber nicht als Zeitzeugen in Talkshows zu dem Thema eingeladen werden sollen. Ich tauche auch in dieser Liste auf ...

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe von ZEIT im Osten, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

ZEIT: ... weil Sie uns in einem früheren Interview erzählt hatten, dass Sie erst am Morgen des 10. November 1989 vom Mauerfall erfuhren.

Domscheit-Berg: Das stimmt eben nur zum Teil.

ZEIT: Die Sache war allerdings auch humorvoll gemeint.

Domscheit-Berg: Mir ist sie trotzdem wichtig.

ZEIT: Wie haben Sie den 9. November erlebt?

Domscheit-Berg: Ich habe damals in Schneeberg im Erzgebirge Textilkunst studiert und war in einem Studentenwohnheim untergebracht. Am Abend des 9. November war ich allein in meinem Zimmer, ich zeichnete Selbstporträts für das Fach Naturstudium. Nebenbei lief das Radio, einen Fernseher hatte ich im Wohnheim nicht. Ich hörte irgendeine DDR-Welle, Westsender konnte ich nicht empfangen. In den Nachrichten hieß es dann: DDR-Bürger genießen ab sofort Reisefreiheit, jeder Bürger darf eine Besuchsreise in die BRD beantragen. Voraussetzung für die Ausreise sei ein Visum. Ich konnte das damals gar nicht glauben, ich dachte: Hast du dich jetzt verhört? Kann das wirklich sein?

ZEIT: Und wie ging es Ihnen an diesem Abend?

Domscheit-Berg: Anfangs war ich gar nicht besonders euphorisch. "Alles bricht zusammen", schrieb ich ins Tagebuch. Die Selbstporträts, die ich zeichnete, sahen sehr schräg aus. Ich hatte ganz ambivalente Gefühle an diesem Abend.

ZEIT: Sie hatten sich in den Monaten vor dem Mauerfall in der DDR-Opposition engagiert. Warum waren Sie ausgerechnet in der Stunde des größten Triumphs enttäuscht?

Domscheit-Berg: Ich träumte damals davon, dass die DDR ein demokratisches, aber sozialistisches Land werden könnte, ich kämpfte für große Reformen. Diese Reformen, dachte ich, würden wir nur erzwingen können, wenn weiterhin möglichst viele Leute gemeinsam dafür kämpften. Dann ging die Mauer auf, und ich ahnte, dass nun viele Menschen fliehen würden und dass selbst denen, die blieben, von nun an ganz anderes wichtig werden würde. Meine große Vision war gestorben, der Kampf dafür war verloren.