Ich gestehe: Ich habe es auch getan. Sogar sehr oft. Wer in einem Dorf wohnt, in dem nur zweimal am Tag ein Bus hält, bestellt schnell mal bei Amazon. Langsam dämmert mir, dass ich da etwas falsch gemacht habe. Das Onlineunternehmen, das wie ein netter Postbote auftritt, der es uns erspart, unsere Lebenszeit beim Einkaufen zu verplempern, ist ein gefährlicher Gigant geworden, der darum kämpft, der Welt die Regeln zu diktieren, nach denen sie in Zukunft Bücher kaufen, lesen, schreiben und vertreiben wird.

Die Geschichte von Amazon ist eine uramerikanische Geschichte: Ein paar Jungs haben sich im Jahr 1994 in einer Garage in Seattle etwas ausgedacht, das zuvor noch niemand vermisst hat und auf das jetzt niemand mehr verzichten kann. Der Erfolg des Versandhändlers, der alles vertreibt, was sich zwischen zwei Pappdeckeln verpacken lässt, ist atemberaubend. Seine überlegene Logistik und seine aggressive Niedrigpreispolitik machten das Garagenunternehmen von Jeff Bezos in nur zwei Jahrzehnten unschlagbar. In Deutschland kontrolliert der Konzern inzwischen 20 Prozent des Buchhandels, etwa 75 Prozent aller Internetbuchkäufe werden bei Amazon getätigt. Das E-Commerce-Netz, mit dem Amazon den Planeten überzogen hat, ist ohne Beispiel.

Aber das ist noch nicht alles: Seit Jahren weiß man, dass Amazon nicht nur ein Postposte, sondern ein freundlicher Diktator ist, der es auf die gesamte Wertschöpfungskette des Buches abgesehen hat. Sein Ziel ist die totale und globale Kontrolle über die Welt der Buchstaben: Auf seiner Self-Publishing-Plattform kann jeder veröffentlichen, aus den Lektürewegen der Kindle-Leser werden Fahrpläne für neue Amazon-Bücher, aus den Nutzerdaten und den Amazon-Rezensionen generieren sich neue Konzernstrategien. Niemand auf der Welt weiß so viel über den Kreislauf des Lesens, Schreibens und Publizierens wie die Rechner in Seattle. Die Buchverlage vergleicht Jeff Bezos mit "Gazellen", die Amazon jagen und zur Strecke bringen wolle. Ein zweifelsohne rabiates, aber im Sinn der Konzernlogik verständliches Geschäftsgebaren.

Unverständlich ist indes, dass die europäischen Regierungen dem Wahnsinn dieser Machtergreifung tatenlos zugesehen haben. Zuerst verschwanden die kleinen inhabergeführten Buchhandlungen aus den Städten, dann starben die kleineren Verlage, inzwischen verschwinden sogar die großen Buchhandelsketten. Im Augenblick erpresst der Gigant die Verlagsgruppen Hachette und Bonnier mit der Forderung, künftig 50 Prozent statt der bisher üblichen 30 Prozent Rabatt bei den elektronischen Büchern einzukassieren. Um seine Gewinnvorstellung zu verdeutlichen, liefert Amazon die Bücher dieser Verlagsgruppen nur noch zögerlich aus.

Auf die Frage, ob die großen deutschen Verlage ihrerseits Amazon boykottieren sollten, antwortet Daniel Kampa vom Verlag Hoffmann und Campe, "an Amazon als größte Versandbuchhandlung und Marktführer bei den E-Büchern geht kein Weg vorbei – und ich möchte sicherlich, dass unsere Bücher auch bei Amazon lieferbar sind. Die Verlage brauchen Amazon, aber Amazon braucht auch die Verlage. Und Amazon braucht Kunden, die sich nicht schämen, dass sie bei Amazon bestellen." Der Chef des Hanser Verlages, Jo Lendle, versichert, dass Hanser "seine Bücher und E-Books selbstverständlich weiter über Amazon anbieten wird, solange sich für alle Seiten verträgliche Bedingungen verabreden lassen". Marcel Hartges vom Piper Verlag setzt auf Verhandlungen und internationale Lösungen. Helge Malchow vom Verlag Kiepenheuer & Witsch sieht im Erpressungsversuch von Amazon "einen neuen Beweis dafür, wie dramatisch wichtig die Buchpreisbindung ist". Wenn die EU-Kommission die Buchpreisbindung für gedruckte und elektronische Bücher nicht antastet, bleibt die Droge Amazon, die die ganze Welt durch Dumpingpreise süchtig macht, hoffentlich kontrollierbar. Doch ohne politische Eingriffe und ohne eine Anpassung des Kartellrechts, das Amazon in die Hände spielt, weil es den vereinten Widerstand der Verlage verbietet, wird es so kommen, wie Jeff Bezos prophezeit: "Es ist nicht so, dass Amazon der Buchbranche passiert. Was der Buchbranche passiert, ist die Zukunft."

Iris Radisch