Kathrin Passig

1) Kaufen Sie Ihre Bücher bei Amazon?
Alle, seit über fünfzehn Jahren.

2) Finden Sie es richtig, Bücher bei Amazon zu kaufen oder die eigenen dort verkaufen zu lassen?
Ich lese viel auf Englisch, und das wäre ohne Amazon bis heute ein großes Problem. Vor Amazon gab es nur zwei Importeure englischsprachiger Bücher. Bei beiden war die Auswahl winzig, und die Preise fingen bei ungefähr 200 Prozent des Originalpreises an. Neulich sagte mir ein Buchhändler, dass er englischsprachige Bücher für Kunden, die nicht bei Amazon kaufen wollten, heimlich selbst dort bestelle und seinen Buchhändleranteil auf den Amazon-Preis aufschlage.

3) Würden Sie als Autor gerne Ihren Verlag anweisen, die Bücher nicht mehr über Amazon zu vertreiben?
Nein. Amazon macht aus Kundensicht sehr vieles richtig, was andere Onlinebuchhändler, der stationäre Buchhandel und Verlage nicht können. Das war schon vor fünfzehn Jahren so, und an diesem Vorsprung hat sich wenig geändert. Wenn man als Autor Verlage zu irgendwas anweisen könnte – was nicht der Fall ist –, lägen mir E-Books ohne digitale Nutzungsbeschränkung mehr am Herzen (wobei O’Reilly das bereits anbietet). Das wäre ein echter Vorsprung vor Amazon.

4) Was halten Sie von der Nachricht, dass Amazon die Bücher mancher Verlage nur verzögert liefert, wenn diese Verlage sich den Rabattforderungen von Amazon widersetzen?
Wer ein Monopol oder Quasimonopol hat, nutzt diese Position häufig aus, das ist nicht nur bei Amazon so. Und Amazon hat dieses Monopol ja nicht durch einen Pakt mit dem Teufel erworben, sondern durch Innovationen, und zwar solche, die den Lesern zugutekamen.

5) Was halten Sie von den Nachrichten über die Arbeitsbedingungen bei Amazon?
Amazon steht wegen seiner Größe im Fokus der Kritik, während vergleichbare Praktiken bei kleineren Unternehmen unkommentiert bleiben. Es ist richtig, diese Kritik zu üben, aber bevor Einzelhändler und Verlage Amazon als Bedrohung ernstgenommen haben, war davon nicht die Rede, obwohl sich an den Arbeitsbedingungen vermutlich wenig geändert hat. Ich halte das für einen Nebenkriegsschauplatz. Um nicht über das reden zu müssen, was Amazon richtig macht, wird über das geredet, was das Unternehmen falsch macht.

6) Alles zusammen genommen, mit wie vielen Sternen (von fünf möglichen) würden Sie Amazon bewerten?
Vor ein paar Jahren hätte ich fünf von fünf gesagt, jetzt sind es noch drei von fünf. Solange keine ernstzunehmende Alternative in Sicht ist, bleibt Unzufriedenheit mit Amazon folgenlos. Eines Tages wird eine auftauchen – Amazon kam ja selbst auch aus dem Nichts –, und dann werden wir dieselben Diskussionen wie heute führen, nur mit Amazon auf der anderen Seite. So geschehen mit der Kette Thalia: Jahrzehntelang der Lieblingsfeind der Buchbranche (übrigens aus ganz ähnlichen Gründen wie Amazon: Gleichgültigkeit gegenüber dem Kulturgut Buch und erpresserische Ausnutzung von Marktmacht), wird sie mittlerweile ganz unironisch als Opfer Amazons beklagt.