Chinesische Arbeiter in einer Textilfabrik in Prato während einer Polizeikontrolle ©  REUTERS/Stefano Rellandini

"Natürlich waren die ersten Jahre nicht schön", sagt Xiao Liao. Aber so schlimm sei es auch nicht gewesen. Die 22-jährige Studentin wurde in Fujian geboren und lebt in Italien. Sie war sechs Jahre alt, als ihr Vater sie mit ihrem Bruder und ihrer Mutter nach Prato holte. Eine Stadt, 20 Kilometer entfernt von Florenz, die für ihre Stoffindustrie bekannt ist. "Ich hatte mich auf das Meer gefreut", erinnert sich Xiao, "meine Mutter auf ein besseres Leben." Doch was sie vorfanden, war ein Leben in einer Produktionshalle.

Sechs Jahre wohnte Xiao mit ihrer Familie in der Fabrik, die Halle war Arbeitsplatz und Heim zugleich. Wohnraum ist in Prato knapp, und nicht jeder vermietet an Chinesen. Xiao ging vormittags in die Schule, nachmittags machte sie ihre Hausaufgaben am Nähmaschinentisch ihrer Mutter, abends legte sie sich auf eine Matratze in einer Ecke der Halle. In dieser Ecke kochte und aß ihre Familie auch. "In einer Fabrik leben meistens zwei oder drei Familien, es waren immer andere Kinder zum Spielen da." Xiao erzählt mit den großen Gesten einer Italienerin. Sie hat Sommersprossen, und ihr Akzent ist eindeutig – toskanisch.

Prato ist eine hübsche Stadt mit schmalen Gassen, einer Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert und einem Dom mit weiß-grüner Marmorfassade. Seit dem Mittelalter werden hier Stoffe hergestellt. Die Wohnviertel außerhalb der Mauer sind durchsetzt von kleineren und größeren Fabrikhallen. Dort leben und arbeiten vor allem die Einwanderer: Von rund 190.000 Einwohnern sind 34.000 Migranten. Knapp die Hälfte von ihnen kommt aus China, so die offizielle Statistik. Die Zahl der nicht angemeldeten Einwanderer ist allerdings weit höher.

Xiaos Vater gehörte zu den ersten Einwanderern, die in den 1990er Jahren aus China hierherkamen, um in den Zulieferbetrieben für die Unternehmen zu arbeiten. Die meisten waren Illegale. Italien war bis dahin Auswanderungsland und auf Immigranten nicht vorbereitet, eine Einwanderungsgesetzgebung existierte nicht. Xiaos Vater musste sechs Jahre warten, bis er im Zuge einer Legalisierungswelle sein Bleiberecht erhielt und den Familiennachzug beantragen konnte.

Die Chinesen arbeiteten schnell und billig. Sie schufen einen neuen Wirtschaftszweig, die pronto moda: Auf Abruf werden innerhalb kürzester Zeit große Mengen an Kleidungsstücken minderer Qualität herstellt. Dass diese Kleidung das Etikett "Made in Italy" tragen darf, ärgert viele Einheimische. Seit der Finanzkrise 2008 mussten viele italienische Stofffabriken schließen, während die Pronto-moda -Branche boomte. Einige Chinesen stiegen zu Unternehmern auf. Kritik an Ausbeutung und Schwarzarbeit wurde laut. In Stammtischdiskussionen und Politikerreden wurden die Chinesen zunehmend zum Sündenbock gemacht.

Manche Chinesen kommen auf einen Stundenlohn von nur einem Euro

"Rassismus kenne ich, seit ich sechs bin", sagt Xiao. "Die alteingesessenen Bewohner von Prato werfen uns vor, dass wir Chinesen uns selbst ausbeuten. Inzwischen kann ich mich dagegen wehren." Sie sagt jedem, der mit solchen Sprüchen kommt, dass sie Steuern zahle und das auch beweisen könne.

Die Vorwürfe haben mit den Zuständen in den etwa 3000 von Chinesen geführten Bekleidungsfabriken zu tun. Oftmals wohnen die Arbeiter in denselben Hallen, in denen sie bis zu 18 Stunden täglich im Akkord arbeiten. Manche kommen auf einen Stundenlohn von nur einem Euro oder weniger. Ein großer Teil ist Schwarzarbeit, aber die haben die Chinesen nicht nach Prato importiert, hier hat die Schattenwirtschaft eine lange Tradition.

Der Kommunalwahlkampf 2009 war geprägt von einem Spruch, den Unbekannte an die Hauswände gesprüht hatten: "Chinesen raus aus Prato." Die Mitte-Rechts-Regierung, die damals zum ersten Mal seit Kriegsende die Mehrheit bekam, erließ sofort Gesetze zur Beschränkung der Arbeits- und Geschäftszeiten, die nur für das chinesische Viertel an der Via Pistoiese gelten. Die Geschäftsleute haben gegen diese Diskriminierung geklagt, mit Erfolg. Seit zwei Monaten hat die Stadt wieder eine Mitte-Links-Koalition.

Die Via Pistoiese ist eine schnurgerade Straße mit niedrigen Häusern und vielen Geschäften. Sie beginnt kurz hinter der Stadtmauer von Prato und durchquert das Einwandererviertel Macrolotto Zero. Hier wohnten und arbeiteten ursprünglich die Beschäftigten der traditionellen Stoffindustrie. Weil heute die Chinesen die Mehrheit bilden, gilt dieses Viertel als größte Chinatown Europas. Über Mode-, Schuh- und Friseurgeschäften hängen Schilder mit chinesischen Schriftzeichen. Auf den Torten in der Konditorei tanzen bunte Drachen.