Die Rede ihres Lebens hält Michelle Garcia in einer Sprache, die sie nicht versteht: auf Deutsch. Garcia ist Amerikanerin. Deutsch klinge in ihren Ohren "wie Kehlkopfkrebs", sagt sie. Die krächzenden "Ch"-Laute und dann die Buchstaben, die völlig durcheinandergingen. Ein W wird ausgesprochen wie ein V, ein V wie ein F. Wochenlang hat Garcia deutsche Wörter geübt, endlose Buchstabenketten wie "Verhütungsmethode", "Eileiterschwangerschaft", "Gebärmutterentfernung". Immer und immer wieder. Bis die Aussprache saß.

Dann, an einem Dienstag Ende April, tritt Garcia ans Rednerpult. Vor ihr sitzen die Aktionäre der Bayer AG, die der Pharmakonzern zur Hauptversammlung in die Messehalle in Köln-Deutz geladen hat. Ein paar Hundert sind tatsächlich bis zu den kritischen Reden am Nachmittag geblieben. Sie schauen auf die große Videoleinwand, die Garcias Gesicht in den Saal überträgt. Noch nie hat sie vor einem so großen Publikum gesprochen – schon gar nicht auf Deutsch. Und doch wirkt Michelle Garcia in diesem Moment ganz ruhig. Sie stellt ihre Füße nebeneinander, verteilt das Gewicht auf beide Beine, faltet die Hände vor dem Becken. Genau so, wie die Rhetoriktrainerin es ihr beigebracht hat.

Nichts an ihrem Auftritt hat Garcia dem Zufall überlassen. Nicht die Frisur, bei der sie ihre langen blonden Strähnen mit viel Haarspray über ihrer linken Schulter fixiert hat, damit sie nicht dauernd ins Haar fasst – das wirke unseriös, meinte die Trainerin. Nicht die dezenten Perlenohrringe, die sie sich von ihrer Tochter geborgt hat, weil die eleganter aussehen als die Kreolen, die sie sonst trägt. Und auch nicht den roten Lippenstift, den sie mit dem winterweißen Anzug und dem korallenblauen Shirt abgestimmt hat.

Garcia hebt den Blick zu den Bayer-Vorständen, die links neben ihr auf dem Podium sitzen, und sagt mit fester Stimme: "Ich könnte tot sein."

Dann erzählt sie ihre Geschichte. Wie sie das Sterilisierungsprodukt Essure der Firma Bayer fast das Leben gekostet habe. Wie eine kaputte Spule ihren Eileiter durchbohrt habe und ein Teil der Spirale bis in den Bauchraum gewandert sei. Doch, sagt Garcia, sie sei heute nicht hier, um von sich zu erzählen. "Ich bin eine Stimme von Tausenden. Ich stehe vor Ihnen mit einer starken Botschaft. Essure ist gefährlich, und Essure gehört nicht auf den Markt."

Dieser Auftritt auf der Hauptversammlung ist der vorläufige Höhepunkt eines Kampfs, bei dem die Kräfte kaum ungleicher verteilt sein könnten. Auf der einen Seite steht ein milliardenschwerer Pharmakonzern mit einem Heer von Anwälten, Lobbyisten und PR-Beratern. Auf der anderen Seite steht Michelle Garcia, 42 Jahre alt, alleinerziehende Mutter aus Miami, Florida, die seit 22 Jahren in der IT-Abteilung eines Kreuzfahrtveranstalters arbeitet.

Garcias Kampf wäre wahrscheinlich aussichtslos, stünde ihr nicht eine berühmte Kombattantin zur Seite, deren Name zu einer David-gegen-Goliath-Chiffre geworden ist: Erin Brockovich.

Obwohl bloß Anwaltsgehilfin, zwang diese Frau 1996 den Energieriesen Pacific Gas and Electric Company in die Knie, nachdem der jahrelang das Grundwasser im kalifornischen Wüstenort Hinkley verseucht hatte. Brockovich erreichte die bis dahin höchste Schadensersatzsumme in einem Haftpflichtfall: 333 Millionen Dollar. Hollywood setzte ihr 2000 mit dem Film Erin Brockovich ein Denkmal und machte ihren Namen einem Millionenpublikum bekannt. Julia Roberts gewann für die Hauptrolle den Oscar.

Und so kämpfen nun diese beiden Amerikanerinnen gegen den deutschen Pharmariesen Bayer. Beiden gemein ist ihre Furchtlosigkeit, sich mit den ganz Großen anzulegen, und ein vielleicht entscheidender Vorteil: von anderen unterschätzt zu werden. Doch bevor wir uns in Miami aufs Sofa von Michelle Garcia setzen, bevor wir nach Los Angeles reisen und uns mit Erin Brockovich in ihrem kalifornischen Garten unterhalten, muss die Geschichte ganz von vorn erzählt werden.

Im Zentrum des Konfliktes steht das Produkt Essure, eine Methode zur Sterilisierung der Frau. Sie besteht aus vier Zentimeter langen Polyester-Nickel-Titan-Edelstahl-Spiralen, die direkt in die beiden Eileiter eingepflanzt werden. Dort sollen sie mit dem Gewebe verwachsen und die Eileiter für immer verschließen. Spermien können dann nicht mehr zu den reifen Eizellen gelangen. Auf den ersten Blick eine einleuchtende Idee.

Anders als bei anderen Sterilisierungsmethoden ist bei Essure keine Operation erforderlich. Der Eingriff erfolgt ohne Narkose, direkt beim Frauenarzt, und ist in einer Mittagspause zu erledigen. Innerhalb von ein, zwei Tagen könnten die Frauen wieder zu ihrem normalen Alltag zurückkehren, heißt es in der Patientenbroschüre. Das Verfahren sei schnell, sicher und "hochgradig wirksam".

Für die Frauen in der Facebook-Gruppe "Essure Problems" ist das Produkt die Hölle. "E-hell" nennen sie es, und sich selbst bezeichnen sie als "E-sisters". Schwestern, verbunden im Leid. Mehr als 9.000 Mitglieder zählt die Gruppe inzwischen. Die Frauen klagen über Zyklusstörungen, Unterleibskrämpfe, Blähungen, Blutstürze, Rückenschmerzen, Abgeschlagenheit, eigenartige Gewichtszunahmen – Leiden, von denen sie behaupten, dass sie erst aufgetreten seien, seitdem sie Essure im Leib hatten.

In der Gruppe kursieren Fotos von Hautausschlägen, hinter denen die Frauen allergische Reaktionen auf das Nickel in den Spiralen vermuten. Andere zeigen Röntgenaufnahmen von maroden Spulen, die zu Wanderungen durch die inneren Organe aufgebrochen und an allen möglichen Stellen im Körper aufgetaucht sein sollen: nahe der Leber, im Dickdarm, hinter der Blase. Hunderte Frauen sagen, sie hätten operiert werden müssen. So wie jene junge Frau aus Kalifornien, die sich nach der Geburt ihres dritten Kindes für Essure entschied und deren Gebärmutter angeblich von einer gebrochenen Spule durchbohrt wurde und komplett entfernt werden musste. Eine andere klagt, dass sie in mehreren Operationen fast alle inneren Geschlechtsorgane verloren habe – mit 26 Jahren.

Die Frauen behaupten überdies, Essure garantiere gar keine sichere Verhütung, und teilen im Internet zum Beweis Ultraschallfotos von Föten. Ein Foto zeigt ein Ungeborenes, an dessen Nacken ein Metallstäbchen steckt, offenbar Teil einer gebrochenen Spule. Und dann ist da die Geschichte von Baby Julius, der trotz Essure im Bauch seiner Mutter heranwuchs, bis eine Spirale die Fruchtblase verletzte und eine vorzeitige Geburt verursachte. Julius, heißt es, sei noch am selben Tag gestorben.