Geht es nach den Dschihadisten im Irak und in Syrien, so soll sich ihr jüngst ausgerufenes Kalifat vom Maghreb bis zum Kaukasus ausdehnen. Großzügigere Träume von einer islamischen Renaissance wagen sogar den Sprung nach Europa. Und wie jeder Wiedergeburts-Mythos beruht auch dieser auf dem Glauben, Geschichte lasse sich rückgängig machen: Die Islamisten haben die Illusion, das Kalifat könne die Spuren der Kolonialzeit im ehemaligen Mesopotamien tilgen, von denen die heutigen Staatsgrenzen zeugen.

Vor 100 Jahren projizierten sich auf das Kalifat und den Heiligen Krieg schon einmal Machtfantasien kontinentalen Ausmaßes. Doch damals waren es nicht fanatisierte Muslime, die sich einen Gottesstaat erträumten, sondern deutsche Intellektuelle und Politiker, die den Islam für ihre Zwecke einspannen wollten. Ein Kalifat mussten sie dafür nicht erst herbeiwünschen: Es existierte bereits in Gestalt des Osmanischen Reichs, das mit diesem Titel den Anspruch erhob, Schutzmacht des Islams zu sein.

Wilhelm II. hatte in dem muslimisch regierten Imperium schon viele Jahre vor dem Ersten Weltkrieg den "letzten Trumpf des Deutschen Reiches" für einen kommenden Konflikt erblickt. Als Deutschland sich im Herbst 1914 tatsächlich im Krieg mit den europäischen Großmächten befand, trieb diese Vorstellung skurrile Blüten: Mit einer ganzen Reihe teils abenteuerlicher Unternehmungen versuchten die Deutschen, Muslime im Nahen und Mittleren Osten zu einem Dschihad an der Seite des osmanischen Kalifats gegen Russland und die westlichen Kolonialmächte aufzuwiegeln.

Die Geschichte dieser Mesalliance beginnt im Oktober 1914 mit der Denkschrift Über die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde. Ihr Autor, Max von Oppenheim, verfocht darin die Ansicht, dass der Islam "eine unserer wichtigsten Waffen" im drohenden Konflikt mit England werde. Als kaiserlicher Diplomat, Amateurarchäologe und Nachrichtendienstler in Kairo war Oppenheim ein Kenner des Orients. Eine angemessenere Laufbahn war ihm verwehrt geblieben: Die jüdische Herkunft seines Vaters stellte im Auswärtigen Amt ein ernsthaftes Karrierehindernis dar. Zu Kriegsbeginn wurde er mit der Zuständigkeit für die islamische Welt betraut.

Seine "Nachrichtenstelle für den Orient" plante, im muslimischen Hinterland Aufstände zu entfachen: Im Verein mit den Rebellen sollten türkische Truppen das Zarenreich bedrängen, via Persien und Afghanistan die britischen Kolonialbesitzungen in Indien bedrohen und via Ägypten Briten und Franzosen in Afrika unter Druck setzen. Nicht zuletzt stellten die türkischen Dardanellen, die Durchfahrt zwischen Ägäis und Marmarameer, eine empfindliche Stelle für die "Triple Entente" dar, die es abzuriegeln galt. Bald nach Beginn der Kämpfe sandte der Kaiser daher die dringende Bitte an den Kriegsminister des Osmanischen Reiches, Enver Pascha, die gesamte islamische Welt "zum heiligen Kampf fürs Kalifat" zu mobilisieren.

Oppenheims Denkschrift stieß in Deutschland auf offene Ohren: Die Idee einer islamischen Wiedergeburt gehörte seit dem späten 19. Jahrhundert zum außenpolitischen Repertoire des Kaiserreichs. Das "Türkenfieber" grassierte. 1898 hatte sich Wilhelm II. am Grab des Sultans Saladin in Damaskus zum "Freund" der "dreihundert Millionen Mohammedaner" erklärt. Ein billiges Versprechen, hatte er doch anders als die Herrscher Frankreichs, Russlands und Großbritanniens keine muslimischen Untertanen. In einer Mischung aus wirtschaftspolitischem Kalkül und romantischer Verklärung knüpfte man in den Folgejahren enge Verbindungen zum Osmanischen Reich – in Gestalt von Militärmissionen oder durch den Bau der Bagdad-Bahn.

Dabei waren keineswegs nur Säbelrassler am Werk. Einer der Architekten der deutsch-türkischen Allianz war der schwäbische Liberale Ernst Jäckh. Er konterte die Formel vom "kranken Mann am Bosporus" mit seiner Vision vom "aufsteigenden Halbmond". Der umtriebige Journalist und Hochschullehrer sah sich in der Tradition des Eisenbahnpioniers Friedrich List, der bereits Mitte des 19. Jahrhunderts von einer Verbindung in den Orient geträumt hatte. Jäckh gründete 1912 die "Deutsch-Türkische Vereinigung" zur wirtschaftlichen Erschließung der Gebiete vom Balkan bis Vorderasien. London sah das mit Sorge, wie Jäckh wusste. 1913 notierte er: "Bagdad und die Bahn kann England an seinen wundesten Punkten bedrohen, an den indischen und ägyptischen Grenzen".

Jäckh teilte Oppenheims Ziel, einen Glaubenskrieg gegen die feindlichen Kolonialmächte anzuzetteln. Enthusiastisch berichtete er dem Auswärtigen Amt über seine "Organisation in Konstantinopel zur Revolutionierung feindlicher Gebiete". Gleich 1914 wies auch der Orientalist Carl Heinrich Becker auf die Bedeutung der Allianz mit dem Kalifat hin. In seiner mit Jäckhs Hilfe herausgegebenen Schrift Deutschland und der Islam schrieb er: "Möge der Ausgang dieses großen Krieges es Deutschland ermöglichen, sich nach den Worten seines Kaisers als Freund des Islam durch die Tat zu erweisen."

In der Fachwelt erhoben sich allerdings auch Stimmen, die vor der unberechenbaren Dynamik des "Dschihad made in Germany" warnten, wie es der niederländische Orientalist Christiaan Hurgronje 1915 formulierte. Martin Hartmann, ein bedeutender Arabist und Islamwissenschaftler, hatte schon vor dem Krieg davon abgeraten, "durch Erregung des religiösen Fanatismus Unruhe herbeizuführen. [...] Islam ist eine Religion von Haß und Krieg. Es darf nicht das herrschende Prinzip in einer Nation der zivilisierten Welt werden."

Tatsächlich war das strategische Spiel mit dem Dschihad unberechenbar (wie später auch die USA erfuhren, als ihrem antisowjetischen Bündnis mit den Mudschahedin in Afghanistan Al-Kaida entwuchs). Selbst Oppenheim hatte in seinem Memorandum angemerkt, der erhoffte Flächenbrand berge Gefahren und könne zulasten der nichtislamischen Minderheiten gehen. Als sich das Deutsche Reich durch logistische und ideelle Unterstützung am türkischen Völkermord an den Armeniern beteiligte, zeigte sich, wie berechtigt diese Warnung gewesen war.