Wolfgang Schäuble kokettiert gern mit seiner vermeintlichen Ohnmacht. Der Finanzminister habe in einem Kabinett der Geldausgeber nicht viel zu melden, sagt er dann. Dabei ist Schäuble in Wahrheit mächtiger als alle seine Vorgänger. Denn unlängst hat – öffentlich weitgehend unbemerkt – im Bundesfinanzministerium an der Wilhelmstraße eine kleine Expertenrunde mit großen Ambitionen die Arbeit aufgenommen.

Das neue Gremium hat den Auftrag, die nächste Finanzkrise zu verhindern. Um dieses Ziel zu erreichen, darf es tief in das Wirtschaftsgeschehen eingreifen. Auf seine Empfehlung hin kann den Unternehmen und Verbrauchern der Zugang zu Krediten erschwert werden. Ökonomisch betrachtet, heißt das: Der Wohlstand sinkt.

Schäubles heimliche Wirtschaftsregierung ist Teil eines internationalen Netzwerks, das die Weltwirtschaft stabiler machen soll. In fast allen Industrieländern stehen inzwischen Spezialisten bereit, um Spekulationsblasen frühzeitig einzudämmen. Und angesichts immer neuer Preisrekorde an den Börsen und auf den Immobilienmärkten haben die Vorbereitungen für einen großflächigen Einsatz der neuen Instrumente begonnen. Die britische Notenbank ist bereits vorgeprescht und hat besonders riskante Immobilienkredite untersagt.

So wird die Welt in diesen Wochen Zeuge eines einzigartigen wirtschaftspolitischen Experiments. Wenn alles gut geht, gelingt ein entscheidender Schlag gegen die Launen an den Finanzmärkten. Doch wie bei jedem Experiment besteht auch hier die Gefahr, dass es außer Kontrolle gerät.

Am Beginn dieses Experiments steht ein Mann, der einmal als der beste Währungshüter aller Zeiten gefeiert wurde: Alan Greenspan. Der ehemalige Chef der amerikanischen Federal Reserve vertrat die Ansicht, dass die Märkte sich selbst überlassen werden sollten, weil Banker besser als Bürokraten beurteilen könnten, ob der Preis einer Aktie oder einer Immobilie angemessen ist. Greenspans Ansatz setzte sich international durch. Bis der amerikanische Immobilienmarkt kollabierte und die große Krise begann. Auf einmal galt Greenspan als der schlechteste Notenbanker der Welt, und niemand mochte sich mehr auf das Urteil der Banken verlassen.

Mario Draghi traut den Bankern nicht – er war ja selbst einer

Auch Mario Draghi nicht, der heutige Chef der Europäischen Zentralbank (EZB). Vielleicht weil Draghi früher selbst einmal Banker bei Goldman Sachs war. Als an der Wall Street das Investmenthaus Lehman Brothers kollabierte, leitete Draghi noch das Forum für Finanzstabilität, ein eher unbedeutendes Gremium von Finanzexperten aus aller Welt – bis es von den Staats- und Regierungschefs der G 20 den Auftrag erhielt, eine Alternative zur Greenspan-Doktrin auszuarbeiten.

Seither ist Draghi weltweit ein gefragter Mann, und er hat seine Auftraggeber nicht enttäuscht. Das Forum für Finanzstabilität ist inzwischen zu einer eigenen Behörde aufgewertet worden und koordiniert die internationalen Bemühungen zur Abwehr neuer Finanzblasen.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

In Deutschland gehören der Eingreiftruppe zehn Mitglieder an, unter ihnen Schäubles Finanzstaatssekretär Thomas Steffen, dazu Elke König, die Chefin der Finanzaufsicht BaFin, und die neue Bundesbankvizepräsidentin Claudia Buch. Sie sitzen mindestens viermal im Jahr in einem schmucklosen Besprechungszimmer im dritten Stock des Bundesfinanzministeriums an einem hufeisenförmigen Tisch, um sich über die Lage an den Märkten auszutauschen und über mögliche Gegenmaßnahmen zu beraten.

Es gibt inzwischen eine Vielzahl solcher Maßnahmen. So kann die Aufsicht den Banken zum Beispiel vorschreiben, nur noch einen gewissen Prozentsatz einer Immobilie zu finanzieren – den Rest des Kaufpreises müssten die Kunden dann selbst aufbringen. Damit kämen Hauskäufer mit wenig eigenem Geld nicht mehr zum Zug, und die Preise würden langsamer steigen.

Sie kann die Institute aber auch dazu zwingen, bei der Vergabe von Immobilienkrediten mehr Eigenkapital vorzuhalten, wodurch Immobilienkredite teurer werden. Einen solchen Zuschlag hat die Schweiz im vorigen Jahr eingeführt, um den boomenden Immobilienmarkt abzukühlen. Auch im deutschen Finanzministerium ist darüber diskutiert worden, den Banken mehr Kapital abzuverlangen. Am Ende hat man sich dagegen entschieden, weil die Lage hierzulande als noch nicht bedrohlich genug eingeschätzt wird.