Als Anouk an ihrem ersten Schultag im August 2013 die Lenau-Schule in Berlin-Kreuzberg betritt, hat das zierliche Mädchen viel Gepäck: die Schultüte, den Ranzen – und einen politischen Auftrag.

Anouk, weißblond und im Herzchenkleid, geht durch Flure mit Klogeruch, an bunt bemalten Wänden entlang. In der Aula setzt sie sich in die erste Reihe und blickt gebannt auf die Bühne, wo die Mädchen aus der sechsten Klasse sich zum Tanz aufstellen. Hinter Anouk sitzen Frauen in afrikanischen Gewändern, Frauen mit Kopftuch – und Anouks Mutter Dörte Heilmann* mit ihrem blonden Pagenkopf, einer schneeweißen Folklorebluse und dem vier Monate alten Baby im Arm.

"Um lesen und schreiben zu lernen, geht Anouk nicht in die Schule", wird Dörte Heilmann nach der Einschulungsfeier sagen. Ein erstaunlicher Satz. Wozu sonst ist Anouk hier?

Bei der Wahl der Grundschule für das älteste ihrer drei Kinder haben Anouks Eltern sich darauf besonnen, dass die Schule einem Kind nicht nur Wissen vermitteln, sondern es auch in die Gesellschaft einführen soll – und zwar in die Gesellschaft, in der es lebt, hier in Berlin-Kreuzberg. Anouks Eltern stört es nicht, dass die Lenau-Schule keinen besonders guten Ruf hat. Sie wollen, dass die Kreuzberger miteinander leben, nicht nebeneinander. Deshalb haben sie Anouk hierhergeschickt.

Auf der Bühne redet jetzt Schulleiterin Karola Klawuhn gegen den Trubel in der Aula an. Kleinkinder laufen zwischen den Stuhlreihen herum, türkische, arabische und albanische Sätze fliegen durch den Raum. Das Publikum an diesem Tag verkörpert ein altes Kreuzberg-Klischee: Migranten und Hartz-IV-Empfänger, dazwischen nur ein paar wenige Besserverdienende wie Anouks Eltern.

Die Kinder schwärmen in ihre Klassen aus, für die Eltern gibt es Kaffee und Kuchen. Verstohlene Blicke gehen hin und her. Freundliches, aber verhaltenes Lächeln. Es wird schnell klar: Hier treffen Menschen aufeinander, die bisher nichts miteinander zu tun und wenig gemeinsam hatten. Eine deutsche Mutter murmelt, sie habe sich schon beim Elternabend vor der Einschulung gefragt: Was soll ich hier eigentlich? "Man will doch nicht das Multikulti-Opfer sein."

In Berlin gilt wie in den meisten Bundesländern das Sprengelprinzip. Jede Straße, jedes Haus ist einer bestimmten Schule zugeteilt. Wer sein Kind dort nicht hinschicken will, muss sich bei einer anderen Schule bewerben – und weiß nicht, ob es klappt. Oder er macht es wie die meisten Nachbarn aus der Straße von Anouks Eltern und meldet sich kurz vor dem Einschulungstermin anderswo unter der Adresse von Freunden an.

Auch wenn es niemand so direkt aussprach: Die Eltern, die eigentlich das Unkonventionelle und Wilde an diesem Stadtteil schätzen, störten sich am hohen Ausländeranteil der Lenau-Schule. "Schüler nichtdeutscher Herkunftssprache" heißen sie im Fachjargon, abgekürzt: ndH. Das bedeutet: Zu Hause sprechen sie eine andere Sprache als Deutsch. An der Lenau-Schule lag ihr Anteil vor Kurzem bei 75 Prozent, obwohl in Kreuzberg nur 50 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund haben. Im Bergmannkiez, in dem die Schule liegt, in diesem Viertel mit all seinen Bioläden und Mieten, so hoch wie im bürgerlichen Charlottenburg, dürften es noch weniger sein.

Anouks so wichtiges erstes Schuljahr spielt sich in Berlin ab. Das Problem aber betrifft Großstadtschulen in ganz Deutschland: Die soziale Mischung ihrer Schüler stimmt nicht mehr. So kommt es, dass Großstadteltern vor der Einschulung ihrer Kinder recherchieren, welche Schule die beste Klientel hat, welche dem Kind am meisten zu bieten hat – und wie man einen Platz an dieser Schule ergattert. Die Eltern lassen sich in Auswahlgesprächen von Direktoren durchleuchten, schicken ihre Fünfjährigen zu Qualifikationstests an Privatschulen. Auch Anouks Eltern haben Bücher über Pädagogik gekauft, sie waren auf zig Elterntreffen, sie haben eine Waldorfschule angeschaut und die Deutsch-Skandinavische Privatschule. Am Ende verzichteten sie, so würden es wohl viele sehen, auf die bestmögliche Förderung für ihr Kind. Zum Wohl – ja, von wem eigentlich? Der Gesellschaft? Von Anouk? Ihnen selbst?

Die Nachbarn haben die Heilmanns gewarnt. Anouk werde auf der Lenau-Schule zu wenig lernen, sagte die Mutter aus dem zweiten Stock. Die aus der Parterrewohnung meinte, Anouk könnte gemobbt werden, es gebe an dieser Schule auch Gewalt. Keiner hatte Konkretes zu erzählen, jeder hatte nur etwas gehört, und dieses Etwas waberte nun durchs Treppenhaus. Anouks Eltern blieben gelassen – bis kurz vor der Einschulung, als eine Bekannte sich bei Dörte Heilmann beklagte: Ihr Sohn wolle nach der vierten Klasse an der Lenau-Schule aufs Gymnasium wechseln, und seit den Osterferien müsse sie mit ihm Mathe pauken, damit er noch rechtzeitig das Multiplizieren und Dividieren lerne.

Das leichte Unbehagen, das Anouks Eltern beschlich, ging vorüber. Für sie ist die Schulwahl auch ein politisches Statement. "Diese Schule kann sich nicht alleine aus der Abwärtsspirale retten, da müssen die Eltern mithelfen", sagt Dörte Heilmann.

Man könnte fragen: Sind diese Eltern bewundernswert altruistisch oder schlicht wahnsinnig? Leben sie ihre eigenen Multikulti-Fantasien auf Kosten ihres Kindes aus? Andererseits: Sind nicht auch die Eltern, die ihr Kind auf eine Eliteschule schicken, oft vor allem dem eigenen Ehrgeiz verpflichtet, viel mehr noch als dem Wohl ihres Kindes?

Anouk wohnt mit ihren Eltern in einem neu gebauten Quartier, die Mehrfamilienhäuser reihen sich um einen großen Garten. Anouk schiebt ihre kleine Schwester Siri in einem Leiterwagen zwischen Bäumen hindurch, längst sind sie außer Sichtweite der elterlichen Terrasse. "Das ist okay", sagt Anouk, "sie wissen ja, dass ich auf Siri aufpasse." Von außen kommt man hier nicht rein. Anouks Eltern haben sich ein wenig Kleinstadt in die Großstadt geholt. Aber abschirmen wollen sie sich auf keinen Fall.

Sie wollen nicht, dass Anouk in einer Zweiklassengesellschaft aufwächst, und sie finden das Konzept der Lenau-Schule, einer Ganztagseinrichtung, in der sich Unterrichts- und Freizeitphasen abwechseln, gut. "Es darf nicht der Trend sein, dass die Dichte an Privatschulen immer höher wird", sagt Dörte Heilmann. So denken viele Eltern, die die Heilmanns kennen, theoretisch. Praktisch ist ihnen das eigene Kind näher, als es die vielen anderen Kinder sind. "Links reden, rechts handeln", nennt das ein Erzieher, der an der Lenau-Schule das Freizeitprogramm organisiert. Hier im Viertel haben die Grünen so viele Wähler wie kaum irgendwo. Doch jahrelang blieben an der Schule die schwächeren Kinder, die ärmeren und die mit den schlechten Deutschkenntnissen, fast unter sich. "Das ist für niemanden gut", sagt Dörte Heilmann. Am Ende bezahlen alle dafür.