Als Anouk an ihrem ersten Schultag im August 2013 die Lenau-Schule in Berlin-Kreuzberg betritt, hat das zierliche Mädchen viel Gepäck: die Schultüte, den Ranzen – und einen politischen Auftrag.

Anouk, weißblond und im Herzchenkleid, geht durch Flure mit Klogeruch, an bunt bemalten Wänden entlang. In der Aula setzt sie sich in die erste Reihe und blickt gebannt auf die Bühne, wo die Mädchen aus der sechsten Klasse sich zum Tanz aufstellen. Hinter Anouk sitzen Frauen in afrikanischen Gewändern, Frauen mit Kopftuch – und Anouks Mutter Dörte Heilmann* mit ihrem blonden Pagenkopf, einer schneeweißen Folklorebluse und dem vier Monate alten Baby im Arm.

"Um lesen und schreiben zu lernen, geht Anouk nicht in die Schule", wird Dörte Heilmann nach der Einschulungsfeier sagen. Ein erstaunlicher Satz. Wozu sonst ist Anouk hier?

Bei der Wahl der Grundschule für das älteste ihrer drei Kinder haben Anouks Eltern sich darauf besonnen, dass die Schule einem Kind nicht nur Wissen vermitteln, sondern es auch in die Gesellschaft einführen soll – und zwar in die Gesellschaft, in der es lebt, hier in Berlin-Kreuzberg. Anouks Eltern stört es nicht, dass die Lenau-Schule keinen besonders guten Ruf hat. Sie wollen, dass die Kreuzberger miteinander leben, nicht nebeneinander. Deshalb haben sie Anouk hierhergeschickt.

Auf der Bühne redet jetzt Schulleiterin Karola Klawuhn gegen den Trubel in der Aula an. Kleinkinder laufen zwischen den Stuhlreihen herum, türkische, arabische und albanische Sätze fliegen durch den Raum. Das Publikum an diesem Tag verkörpert ein altes Kreuzberg-Klischee: Migranten und Hartz-IV-Empfänger, dazwischen nur ein paar wenige Besserverdienende wie Anouks Eltern.

Die Kinder schwärmen in ihre Klassen aus, für die Eltern gibt es Kaffee und Kuchen. Verstohlene Blicke gehen hin und her. Freundliches, aber verhaltenes Lächeln. Es wird schnell klar: Hier treffen Menschen aufeinander, die bisher nichts miteinander zu tun und wenig gemeinsam hatten. Eine deutsche Mutter murmelt, sie habe sich schon beim Elternabend vor der Einschulung gefragt: Was soll ich hier eigentlich? "Man will doch nicht das Multikulti-Opfer sein."

In Berlin gilt wie in den meisten Bundesländern das Sprengelprinzip. Jede Straße, jedes Haus ist einer bestimmten Schule zugeteilt. Wer sein Kind dort nicht hinschicken will, muss sich bei einer anderen Schule bewerben – und weiß nicht, ob es klappt. Oder er macht es wie die meisten Nachbarn aus der Straße von Anouks Eltern und meldet sich kurz vor dem Einschulungstermin anderswo unter der Adresse von Freunden an.

Auch wenn es niemand so direkt aussprach: Die Eltern, die eigentlich das Unkonventionelle und Wilde an diesem Stadtteil schätzen, störten sich am hohen Ausländeranteil der Lenau-Schule. "Schüler nichtdeutscher Herkunftssprache" heißen sie im Fachjargon, abgekürzt: ndH. Das bedeutet: Zu Hause sprechen sie eine andere Sprache als Deutsch. An der Lenau-Schule lag ihr Anteil vor Kurzem bei 75 Prozent, obwohl in Kreuzberg nur 50 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund haben. Im Bergmannkiez, in dem die Schule liegt, in diesem Viertel mit all seinen Bioläden und Mieten, so hoch wie im bürgerlichen Charlottenburg, dürften es noch weniger sein.

Anouks so wichtiges erstes Schuljahr spielt sich in Berlin ab. Das Problem aber betrifft Großstadtschulen in ganz Deutschland: Die soziale Mischung ihrer Schüler stimmt nicht mehr. So kommt es, dass Großstadteltern vor der Einschulung ihrer Kinder recherchieren, welche Schule die beste Klientel hat, welche dem Kind am meisten zu bieten hat – und wie man einen Platz an dieser Schule ergattert. Die Eltern lassen sich in Auswahlgesprächen von Direktoren durchleuchten, schicken ihre Fünfjährigen zu Qualifikationstests an Privatschulen. Auch Anouks Eltern haben Bücher über Pädagogik gekauft, sie waren auf zig Elterntreffen, sie haben eine Waldorfschule angeschaut und die Deutsch-Skandinavische Privatschule. Am Ende verzichteten sie, so würden es wohl viele sehen, auf die bestmögliche Förderung für ihr Kind. Zum Wohl – ja, von wem eigentlich? Der Gesellschaft? Von Anouk? Ihnen selbst?

Die Nachbarn haben die Heilmanns gewarnt. Anouk werde auf der Lenau-Schule zu wenig lernen, sagte die Mutter aus dem zweiten Stock. Die aus der Parterrewohnung meinte, Anouk könnte gemobbt werden, es gebe an dieser Schule auch Gewalt. Keiner hatte Konkretes zu erzählen, jeder hatte nur etwas gehört, und dieses Etwas waberte nun durchs Treppenhaus. Anouks Eltern blieben gelassen – bis kurz vor der Einschulung, als eine Bekannte sich bei Dörte Heilmann beklagte: Ihr Sohn wolle nach der vierten Klasse an der Lenau-Schule aufs Gymnasium wechseln, und seit den Osterferien müsse sie mit ihm Mathe pauken, damit er noch rechtzeitig das Multiplizieren und Dividieren lerne.

Das leichte Unbehagen, das Anouks Eltern beschlich, ging vorüber. Für sie ist die Schulwahl auch ein politisches Statement. "Diese Schule kann sich nicht alleine aus der Abwärtsspirale retten, da müssen die Eltern mithelfen", sagt Dörte Heilmann.

Man könnte fragen: Sind diese Eltern bewundernswert altruistisch oder schlicht wahnsinnig? Leben sie ihre eigenen Multikulti-Fantasien auf Kosten ihres Kindes aus? Andererseits: Sind nicht auch die Eltern, die ihr Kind auf eine Eliteschule schicken, oft vor allem dem eigenen Ehrgeiz verpflichtet, viel mehr noch als dem Wohl ihres Kindes?

Anouk wohnt mit ihren Eltern in einem neu gebauten Quartier, die Mehrfamilienhäuser reihen sich um einen großen Garten. Anouk schiebt ihre kleine Schwester Siri in einem Leiterwagen zwischen Bäumen hindurch, längst sind sie außer Sichtweite der elterlichen Terrasse. "Das ist okay", sagt Anouk, "sie wissen ja, dass ich auf Siri aufpasse." Von außen kommt man hier nicht rein. Anouks Eltern haben sich ein wenig Kleinstadt in die Großstadt geholt. Aber abschirmen wollen sie sich auf keinen Fall.

Sie wollen nicht, dass Anouk in einer Zweiklassengesellschaft aufwächst, und sie finden das Konzept der Lenau-Schule, einer Ganztagseinrichtung, in der sich Unterrichts- und Freizeitphasen abwechseln, gut. "Es darf nicht der Trend sein, dass die Dichte an Privatschulen immer höher wird", sagt Dörte Heilmann. So denken viele Eltern, die die Heilmanns kennen, theoretisch. Praktisch ist ihnen das eigene Kind näher, als es die vielen anderen Kinder sind. "Links reden, rechts handeln", nennt das ein Erzieher, der an der Lenau-Schule das Freizeitprogramm organisiert. Hier im Viertel haben die Grünen so viele Wähler wie kaum irgendwo. Doch jahrelang blieben an der Schule die schwächeren Kinder, die ärmeren und die mit den schlechten Deutschkenntnissen, fast unter sich. "Das ist für niemanden gut", sagt Dörte Heilmann. Am Ende bezahlen alle dafür.

Was aber hat Anouk davon?

Nachfahren von Migranten sind in Deutschland dem Mikrozensus zufolge etwa doppelt so häufig erwerbslos wie Deutschstämmige – und damit viel häufiger abhängig von staatlichen Geldern. Ein Grund dafür ist ihre mangelnde Schul- und Berufsausbildung. Um in der Schule mitzukommen, brauchen die Kinder die Sprache. Nur: Wenn in einer Klasse die Mehrheit eine andere Sprache als Deutsch spricht, wie sollen sie es dann richtig lernen? Und Deutschland mit seiner schwindenden Bevölkerung und dem Fachkräftemangel braucht diese Kinder ja. Sie sollen die Azubis und Studenten von morgen sein.

Anouks Eltern wollen heute im Kleinen die große Ungleichheit von morgen bekämpfen. Vielleicht hat diese Art der lokalen Entwicklungshilfe auch etwas mit ihren Berufen zu tun. Die Mutter ist Hochschulprofessorin und beschäftigt sich unter anderem mit der Rettung des Regenwalds am Amazonas, der Vater arbeitet bei einer Entwicklungshilfeorganisation. Normalerweise forschen und helfen sie im Ausland, ihre Tochter übernimmt nun eine ähnliche Aufgabe in ihrer eigenen Stadt.

Was aber hat Anouk davon? Was kann sie an der neuen Schule lernen?

Anouk sieht nicht nur zart aus, sie ist auch schüchtern, zurückhaltend. Sie ist gern für sich – sie malt, oder sie buddelt im Gemeinschaftsgarten verstorbenen Würmern eine Ruhestätte mit handgeschriebenem Grabstein. Schon als Vierjährige hat sie zu Hause mit dem Lesen und Schreiben begonnen. Weil sie es unbedingt wollte, wie die Eltern versichern, haben sie ihr eine Kinderfibel gekauft und manchmal abends mit ihr darin geübt. Nun, glauben die Eltern, könne Anouk auf der Lenau-Schule vor allem im sozialen Umgang Fortschritte machen. Lernen, auf andere zuzugehen. Sich zu behaupten. Die Eltern hoffen auch, dass Anouk sich mit Kindern anderer Herkunft und aus anderen Schichten anfreunden wird. Anouks Eltern haben lange in Brasilien gelebt. Sie fürchten sich nicht vor anderen Kulturen.

Die Heilmanns sind nicht ohne Ehrgeiz. Es sind sogar sehr viele Ansprüche, denen sie gerecht werden wollen. Einer davon lautet: Ihr Kind soll selbstbestimmt leben. Sie wollen Anouk nichts vorschreiben. Deshalb haben sie zu ihr gesagt: "Wenn die Schule nicht gut ist für dich, dann wechselst du eben." Es ist ein Satz, der Anouk noch beschäftigen wird in diesem Jahr. Einem Jahr, das ein Experiment ist, bei dem wir sie begleiten. Einem Jahr, in dem es für die Heilmanns, die sich ein Zusammenrücken der Schichten und Nationalitäten erhoffen, einige Überraschungen geben wird. Sie werden ganz anderer Natur sein, als es sich die skeptischen Nachbarn der Heilmanns vorstellen.

Beim Elternabend haben Dörte Heilmann und ihr Mann sich zu Elternvertretern wählen lassen. Um die Scheu der ersten Treffen zu durchbrechen, hängt Anouks Mutter in der zweiten Unterrichtswoche einen Zettel neben die Klassenzimmertür: Alle Eltern mögen sich mit ihrer E-Mail-Adresse eintragen. Weil die Resonanz gering ist, geben die Heilmanns den Kindern Zettel in die Ranzenpost. Trotzdem werden sich in den kommenden sechs Wochen nur 10 von 25 Elternpaaren zurückmelden, nicht mal die Hälfte. Zum ersten Mal ärgert sich Dörte Heilmann ein wenig: "So schwer ist das doch nicht!"

Was einigen Eltern an Engagement fehlt, macht Anouks Klassenlehrerin Martha Schneider wett. In den Ferien hat sie eine Baumlandschaft an die Wände des Klassenzimmers gemalt, das Aquarium geputzt. Sie ist 60 und geht bald in Rente – sie hat sich noch mal eine erste Klasse gewünscht. Von nun an unterrichtet sie 25 Kinder, von denen 16 ausländische Eltern haben. Zwölf sprechen zu Hause mit ihren Eltern kein Deutsch, zwei können es zum Schuljahresbeginn gar nicht.

Ein Herbstmorgen, draußen regnet es in Strömen. Martha Schneider steht an der Tafel und sieht aus, als habe sie einen Sportwettkampf vor sich: T-Shirt, Turnschuhe, Gürteltasche. Im Klassenzimmer haben sich schon Allianzen gebildet. Es gibt einen Gruppentisch, an dem nur arabischstämmige Mädchen sitzen. Anouk teilt sich einen Tisch mit einer neuen Freundin und zwei Jungen. Sie haben deutsche Eltern. Die vier, das hat sich schnell gezeigt, gehören zu den Stärkeren in der Klasse. "Manchmal tauschen wir aber auch die Plätze", sagt Anouk. Die Lehrerin wird im Laufe des Schuljahres noch öfter die Sitzordnung ändern, damit Schwächere neben Stärkeren sitzen und die Schüler sich gegenseitig helfen.

Heute lernen sie das T. Sie sitzen im Kreis und gehen ihre Vornamen durch. Wer ein T in seinem Namen hat, setzt sich in die Mitte. So lernen sie, den Buchstaben herauszuhören. Am Ende sagt die Lehrerin: "Stellt euch bitte hinter euren Stuhl." Einige Kinder gucken ratlos, sie wissen nicht, was gemeint ist. Überhaupt muss Martha Schneider ihnen oft Wörter erklären. "Abendbrot" zum Beispiel kennen viele nicht.

In den ersten zwölf Wochen nimmt die Lehrerin sieben Buchstaben durch. Zu wenig, finden manche Eltern. Sie vergleichen den Lernfortschritt ihrer Kinder mit dem von deren Freunden an anderen Schulen – und sehen, dass die Freunde einen Monat Vorsprung haben. Eine Mutter aus der Klasse übt jetzt mit ihrer Tochter jeden Abend eine halbe Stunde Lesen, Schreiben, Rechnen. Eine andere denkt darüber nach, ihr Kind von der Schule zu nehmen. "Wochenlang Basteln und Spielen, das reicht nicht", sagt sie. "Die werden hier nicht auf das Gymnasium vorbereitet."

Anouks Mutter glaubt, dass man den Lernfortschritt nicht zu ernst nehmen sollte. An einem Winterabend steht sie im Wohnzimmer ihrer Maisonettewohnung, das inzwischen acht Monate alte Baby auf dem Arm. Der Raum ist in einem warmen Rot gestrichen, aus einer Muschellampe strahlt gedämpftes Licht. Es ist halb acht, Dörte Heilmann ist gerade von der Arbeit gekommen. Sie hat ihr Baby gestillt und durch die Wohnung getragen. Sie hat Anouks kleinem Bruder zugehört, der vom Fußball zu erzählen hatte. Sie hat sich von Anouk berichten lassen, was sie in der Schule erlebt hat: "Anna und Leila haben heute Jonas geküsst." Später, wenn die Kinder schlafen und die Reporterin gegangen ist, will die Mutter noch arbeiten. Ihr Mann steht an der Kochinsel und backt Pfannkuchen für die Kinder. Er ist seit Kurzem in Elternzeit, aber auch er muss nebenbei noch ein Projekt abschließen. Am Nachmittag hat er die beiden älteren Kinder abgeholt und eingekauft.

Auch Anouks Eltern haben viel Gepäck in ihrem Ranzen. Für ihre Kinder aber wollen sie vor allem eins nicht: zu viel Leistungsdruck. Es ist die moderne Variante des alten "Meine Kinder sollen es einmal besser haben".

"Ich kenne so viele Leute, die nahe am Burn-out sind", sagt Dörte Heilmann. So soll es ihren Kindern später nicht gehen. Sie findet es gut, dass es in der Klasse keine Hausaufgaben gibt. "Bis wann sie alle Buchstaben durchhaben, ist doch egal." Nun müsse erst mal diese Gruppe von Kindern aus verschiedensten Kulturen zusammenwachsen.

Dörte Heilmann unterhält sich jetzt oft mit einer anderen Mutter, die Sekundarstufen-Lehrerin an einer beliebten Privatschule ist. Auch sie hat ihre Tochter bewusst an die Lenau-Schule geschickt, weil sie ihren Kiez unterstützen will. "Sie sagt immer, wenn die Kinder Freude am Lernen haben und sich sozial gut entwickeln, dann werden sie sich auch auf der weiterführenden Schule zurechtfinden."

Die Pfannkuchen sind gegessen, die beiden großen Kinder gehen nach oben. Frank Heilmann hat seiner Frau lange zugehört, jetzt setzt er sich zu ihr aufs Sofa. Er sieht nachdenklich aus. "Man braucht ja schon ein bestimmtes Niveau, um aufs Gymnasium zu gehen", sagt er.

"Da mache ich mir bei Anouk keine Sorgen", sagt seine Frau.

"Aber wären wir auch so entspannt, wenn wir eine Tochter hätten, die nicht so gut lernt?"

"So ist sie ja nicht", sagt Dörte Heilmann, "außerdem geht es darum, etwas zu verändern."

"Ich finde, wir sollten unsere politischen Ansprüche aber nicht auf Kosten von Anouk ausleben."

Kinderfreundschaften folgen keinem politischen Eltern-Wunschtraum

Während sich die Eltern unten unterhalten, sitzt Anouk in ihrem Zimmer inmitten von Spielzeugpferden und liest. Es macht ihr Spaß, sagt sie. Die Lehrerin hat für sie ein Heft mit Extraaufgaben angelegt. Sie habe schon fast das Niveau einer Zweitklässlerin, hat die Lehrerin den Eltern gesagt. Anouk macht sich trotzdem Sorgen. Es ist dieser Satz der Eltern, sie könne – oder müsse? – die Schule im Zweifel wechseln. Das will Anouk auf keinen Fall. Zu ihrer Lehrerin, die sie sehr mag, sagt sie "Martha". Von der Erzieherin wird sie zur Begrüßung oft in den Arm genommen. Anouk hat außerdem zwei neue Freundinnen gefunden, Sahra und Leila. Es seien Mädchen, die sie auch so kennengelernt hätte, sagt Dörte Heilmann etwas entschuldigend. Noch sucht sich Anouk die Freundinnen unter ihresgleichen: Beide haben zwar ausländische Wurzeln, aber sie sind Akademikerkinder wie Anouk, eine von ihnen hat dieselbe Geigenlehrerin.

"Wir hatten gehofft, dass es sich auf der Schule etwas mehr öffnet", sagt Anouks Mutter. Aber Kinderfreundschaften folgen offenbar keinem politischen Eltern-Wunschtraum.

Dabei trifft Anouk an der Lenau-Schule viele Kinder, die sie normalerweise nicht kennenlernen würde. Die Schule hat es über Jahre nicht geschafft, die bildungsnahe Mittelschicht anzulocken. Andere Schulen im Umkreis warben mit Nachmittagsangeboten im Schülerladen und mit Französisch als erster Fremdsprache um das linksalternative Bildungsbürgertum. "Elternfishing" nennt sich das. Vor allem eine Schule, die sich mit der gelungenen Integration behinderter Schüler einen Namen gemacht hat, ist sehr beliebt. Etwas überspitzt könnte man auch sagen: Die linksorientierte Mittelschicht schickt ihre Kinder lieber in eine Klasse zur Integration von Kindern mit Downsyndrom als in eine zur Integration arabischer Kinder mit Sprachdefizit. Während man in den einen eine Bereicherung für das eigene Kind sieht, empfindet man die anderen offenbar als Bedrohung für den Lernfortschritt.

Damit die Lenau-Schule keine Resterampe wird, entschied man sich dort 2010, Gruppenanmeldungen zuzulassen – bessergestellte Eltern sollten sich zusammenschließen können, damit ihre Kinder gemeinsam in eine Klasse gehen. So kam es an der Lenau-Schule im Sommer 2012 zu einem kleinen Skandal: In der Presse war die Rede von "Deutschenklassen", und auf einmal schien die Schule, die doch nur die Integration fördern wollte, ein Hort des Rassismus zu sein. Bei Anouks Anmeldung durften sich jetzt nur noch maximal acht Elternpaare zu einer Gruppe zusammenschließen.

Es sind nicht nur deutsche Mittelschichteltern, die ihr Bild von Migrantenkindern pflegen, die schlecht oder gar kein Deutsch sprechen. Ein palästinensischer Vater, Akademiker, der seine Tochter nun schweren Herzens doch an der Lenau-Schule angemeldet hat, wollte sein Kind ursprünglich am ersten Schultag in die Nachbarschule mit dem niedrigeren Ausländeranteil bringen. Er wollte so lange einen Sitzstreik abhalten, bis man sein Kind aufnehmen würde. Man will sich die eigene Integration nicht von angeblich ungebildeten oder allzu religiösen Landsleuten vermasseln lassen. Es ist also weniger die Angst vor den Ausländern, die die Eltern umtreibt, als die Angst vor der Unterschicht – man könnte auch sagen: Es ist eine Art Sozialrassismus.

Entwicklungsunterschiede sind normal für eine Grundschulklasse, einzelne Kinder können zwei bis drei Jahre auseinanderliegen. Deshalb ist die Binnendifferenzierung in einer Klasse so wichtig: Die Schwachen sollen gefördert werden, aber auch die Starken.

Um das zu gewährleisten, unterrichten Martha Schneider und die Schulleiterin zum Teil gemeinsam. Aber es gibt auch viele Tage, an denen von diesem schönen Plan nichts übrig bleibt. Tage wie diesen Montagmorgen, an dem Martha Schneider alleine vor 25 Kindern steht, weil die Schulleiterin zum Lehrercasting musste, um für das nächste Jahr eine von fünf offenen Stellen zu besetzen. Tage, an denen Martha Schneider keine Zeit hat, Joyce den Unterschied zwischen d und b zu erklären, den sie einfach nicht versteht. An denen sie zur Vertretung in eine andere Klasse abkommandiert wird. An denen sie Hofaufsicht hat und ihr Mittagessen im Gehen einnehmen muss, weil Eltern, das Jugendamt, Kollegen dringend mit ihr reden wollen. Es sind Tage wie dieser, an denen das Schulhaus vom Lärm der Kinder zu brummen scheint, an denen Martha Schneider merkt, dass auch sie eine Menge Ansprüche an sich stellt – und dass sie den eigenen Ansprüchen doch immer nur hinterherläuft. Tage, an denen sie in ihr Internet-Blog, das Anouks Eltern so gerne lesen, schreibt: "Ich bin mit den Nerven völlig runter und wollte nur noch wegwegweg."

Das erste Schulhalbjahr ist fast vorbei, die Eltern aus Anouks Klasse sind zur Weihnachtsfeier eingeladen. Die Kinder aus dem christlichen Religionsunterricht führen ein Krippenspiel auf, allerdings kommen Maria und Josef aus einer Parallelklasse, weil es in Anouks Klasse nur sechs Kinder gibt, die christlichen Religionsunterricht haben. Die muslimischen Eltern und Kinder sehen dem Schauspiel schmunzelnd zu.

Anouks Vater, der mit seinen beiden kleineren Kindern gekommen ist, zieht ein erstes Fazit: Er findet das Engagement der Lehrer und der vielen ehrenamtlichen Helfer enorm. Nur die Ausstattung der Schule sei wirklich schlimm.

Am Tag der Weihnachtsfeier ist wie so oft eine der Toiletten verstopft, diesmal ist es das Jungenklo, in dem Wasser über den Boden rinnt. Es gibt seit Monaten keinen Hausmeister. Im Klassenzimmer stapeln sich im Schuhregal Klopapierrollen und Seifenspender, die Schüler nehmen sie mit, wenn sie aufs Klo müssen. Knappes Personal und Hygienemängel sind an vielen Berliner Schulen ein Problem. Hätten sich Anouks Eltern für eine Privatschule entschieden, wäre die Ausstattung sicher besser. Dort würden ihnen vielleicht auch keine Mädchen begegnen wie diese drei Elf- oder Zwölfjährigen, die sich vor der Bibliothek zuerst übers Augenbrauenzupfen unterhalten und dann über die "Schlampe" in ihrer Klasse, die "alle Jungs anfickt". Aber muss man, wenn man in Kreuzberg wohnt, sein Kind vor der Sprache schützen, die ihm auf der Straße sowieso begegnet?

Ist eine behütete Kindheit in einer Metropole überhaupt möglich? Oder auch nur erstrebenswert?

"Von der Gossensprache hat noch keiner einen Schaden an der Seele genommen", sagt der Erziehungswissenschaftler Jörg Ramseger, "eher von eiskalten Lehrern." Ramseger ist Professor für Schulpädagogik an der FU Berlin. Er findet aber auch, dass die Schule eine allzu raue Umgangssprache nicht dulden sollte. Die Frage ist also eher: Reagiert ein Lehrer schnell und konsequent, wenn er hört, dass eine Schülerin als "Schlampe" beschimpft wird? Denn vom Klima an einer Schule, vom Umgang miteinander hängt viel ab.

Was muss ein Kind in der Grundschule eigentlich lernen? Wenn man das Jörg Ramseger fragt, erinnert er an die Schulpflicht, die in Preußen im Februar 1794 staatlich festgeschrieben wurde. "Es ging dabei nicht nur um die Einführung in die Schriftkultur, sondern vor allem auch um die staatsbürgerliche Bildung", sagt er. Für den demokratischen Staat von heute heißt das, dass die Schule Kinder dazu befähigen soll, später einmal Staat, Gesellschaft und Kultur mitzugestalten. Die klassischen Fächer Deutsch und Mathematik machten in der Schulbildung "nur etwa die Hälfte des Geschäfts" aus.

Ramseger hat gerade den renommierten Grundschulpreis gewonnen, den der Grundschulverband vergibt. Er hat etliche Schulversuche ins Leben gerufen. Für Eltern wie die von Anouk, bildungsnah, egal welcher Herkunft, hat er eine beruhigende Botschaft: "Das kulturelle Kapital einer Familie wird nahezu unverändert weitergegeben und bestimmt den Werdegang des Kindes weit mehr als die Schule." Anders gesagt: In welche Grundschule sie ihr Kind schicken, ist nicht so wichtig – solange sie ihm die Lernfreude nicht mit Leistungsdruck nehmen und es keine empathielosen Lehrer hat.

Wie gut oder schlecht ist die Lenau-Schule tatsächlich?

"Ganz anders", sagt Ramseger, "sieht es für Kinder aus Familien mit geringem Bildungskapital aus." Sie seien für ihren Werdegang besonders abhängig von der Pflichtschule und brauchten eine intensive Förderung.

Nach dem ersten Halbjahr können in Anouks Klasse neun von 25 Kindern noch kein Wort lesen. Anouk selbst schreibt schon kleine Naturgeschichten in ihr Heft. Unter der Überschrift "Der Vogel" steht dort: "Der Vogel zwitschert um seine Frau anzuloken. Die 1. Frau hat keine Interese. Die 2. Frau hat Interese. Zusamen bauen sie das Nest." Darunter hat sie mit Buntstiften zwei Vögel mit Zweigen im Schnabel gemalt.

Ihr Schreibheft zeigt Anouk immer mal wieder ihrer Lehrerin. Dafür darf sie die Aufgaben im Arbeitsheft weglassen, die ihr wenig Spaß machen. Die Kinder selbst entscheiden lassen, was sie lernen wollen – Anouks Mutter ist begeistert von der Methode. Andere Eltern aus der Klasse finden, dass ihr Kind so sein Potenzial vergeudet.

Aber wie gut oder schlecht ist die Lenau-Schule tatsächlich im Vergleich zu den Nachbarschulen? Wie verlief zum Beispiel der Test, den die Drittklässler in allen Bundesländern absolvieren, damit Eltern und Schule wissen, wo die Klassen stehen? Die Senatsverwaltung veröffentlicht die Ergebnisse nicht, sie will ein Ranking der Schulen vermeiden. Die Schulleiterin zieht ein Zitat zur Aussagekraft solcher Tests zurück. Klar bleibt nur: Offenbar taugen die Ergebnisse nicht zur Werbung für die Schule.

Wenn man Anouks Eltern erzählt, dass die Kinder an einer der Nachbarschulen im Mai schon bis 20 rechnen, während Anouks Klasse erst bis 10 kommt, wenn man ihnen erzählt, dass die anderen Schüler schon im Deutsch-Arbeitsheft Nummer sechs sind, während Anouk erst in Heft drei ist, hören sie sich das in Ruhe an. Aber ernsthaft beunruhigt scheinen sie nicht. Die Lehrer machten eben viel anderes mit den Kindern, sagen sie – Dinge, die ihnen als Eltern wichtiger seien. Der ausgiebige Morgenkreis, die Ausflüge ins Museum und zu den Schafen, die die Schule außerhalb der Stadt hält.

Das alles ist doch nicht wertlos.

Das Wichtigste, sagen Anouks Eltern: Ihr Kind sei glücklich auf der Lenau-Schule. Anouk habe noch mehr Freunde gefunden. Joyce zum Beispiel, die neulich in der Schulkantine keinen Teller bekam, weil ihr Vater den Caterer nicht mehr bezahlen konnte. Außerdem gibt es einen pakistanischen Jungen in ihrer Klasse, den Anouk sehr mag. "Sie ist ein bisschen verliebt", sagt ihre Mutter schmunzelnd. Es hat gedauert, aber nun wächst die Klasse zusammen. Eine Weile lang sieht es so aus, als laufe alles so, wie die Heilmanns es sich gewünscht haben.

Im zweiten Halbjahr haben die Lehrerinnen auch fast alle Eltern auf ihrer Seite, die bisher fanden, dass die Klasse zu langsam vorankommt. Das liegt vor allem daran, dass sie die Schüler in drei Gruppen aufgeteilt haben, von denen jede in einem anderen Tempo lernt. Auch die Schwächeren profitieren davon: Ende Mai haben alle in der Klasse zumindest begonnen zu lesen. Die beiden Kinder, die anfangs kein Deutsch konnten, sprechen es nun fast fließend. Und Anouk will jetzt Türkisch lernen, die Muttersprache ihrer Erzieherin. "Können wir nicht ein Türkisch-Buch kaufen?", hat sie ihre Eltern gefragt.

Ist also alles gut, ist das Experiment geglückt?

So einfach ist es nicht.

Eines Tages im März sieht Anouk, wie sich auf dem Schulhof ein Kreis von älteren Schülern bildet. Sie fragt sich, was da los ist. Dann kommt eine ihrer Freundinnen angelaufen und ruft aufgeregt, dass etwas mit Freddy sei, Joyce’ Bruder. Zwischen den Jungs, das wird sich später herausstellen, hat es Streit gegeben, Beleidigungen fliegen hin und her. Irgendwann liegt der zehnjährige Freddy am Boden. Die drei anderen schlagen und treten zu, bis Lehrer dazwischengehen. Freddy schleppt sich mit Bauchschmerzen zurück in den Unterricht.

Die Schulleitung ist sicher, dass er wegen seiner Hautfarbe angegriffen wurde – die älteren Schüler sind selbst Einwandererkinder, nur eben mit hellerer Haut.

Die Schulleiterin setzt nun eine Fülle von Ordnungsmaßnahmen in Gang: Sie suspendiert die Angreifer vom Unterricht, sie informiert das Jugendamt und die Präventionsbeamten der Polizei. Für Dörte Heilmann sind die Schläge gegen Freddy bloß der Gipfel in einer Reihe rassistischer Beleidigungen. In Anouks Klasse gehen vier Kinder mit Vorfahren aus Afrika und der Karibik. Drei von ihnen wurden schon wegen ihrer Hautfarbe beleidigt von Schülern anderer Klassen. Deshalb schreibt Dörte Heilmann eine lange Mail an die Klassenlehrerin und an einige Eltern, Betreff: "Umgang mit Mobbing/Gewalt/Rassismus an der Lenau-Schule". Sie schreibt, ihr seien die Reaktionen auf den Vorfall zu leise, und sie schlägt Anti-Gewalt-Seminare für die Klasse vor.

Wenn man Anouk fragt, ob sie seit dem Vorfall auf dem Schulhof Angst habe vor den älteren Schülern, dann sagt sie: Nein, sie nicht, aber ihre Freundin Sahra, die habe Feinde in der sechsten Klasse. "Die sagen immer ›du Kackawurst‹ zu ihr oder ›du eklige braune Schokolade‹." Sahras Vater ist Afrikaner.

Zumindest kommt in den Wochen nach den Tritten auf dem Schulhof einiges in Gang: Anouks Klasse hat jetzt einmal die Woche zwei Stunden Selbstbehauptungstraining. In Rollenspielen lernen die Kinder, ihre Gefühle und die der anderen besser zu deuten. Das scheint etwas zu bringen. Mitte April hören auch die Beleidigungen gegen Sahra auf.

Ende Mai, kurz vor Schuljahresschluss, lädt die Klasse die Eltern zu einem gemeinsamen Nachmittag ein. Fatos Aydil, die Erzieherin, hat türkische Süßigkeiten und Geschenke mitgebracht. Die Eltern stehen beisammen, fast in den gleichen Gruppen wie am Tag der Einschulung. Viele sind sich noch immer fremd. Wenn man die Mutter, die anfangs Sorge hatte, das Multikulti-Opfer zu sein, fragt, wer denn die elegante Frau mit dem beigen Kopftuch sei, gibt sie eine ehrliche Antwort: "Ich habe keine Ahnung, ich kenne die alle nicht."

An der Wand im Freizeitraum fehlen noch immer die Fotos von neun Familien. Die Erzieherin sagt, sie sei ein wenig enttäuscht darüber. Auch den Elternvertretern fehlen noch immer die Kontaktdaten von sechs Elternhäusern. Erst hat sich Dörte Heilmann darüber geärgert, dann sagte Anouks Lehrerin zu ihr: "Es gibt auch ein Recht, nicht zu kommunizieren."

Dörte Heilmann schaut etwas erschöpft in die Runde. Es ist nicht immer einfach, die Welt zu verbessern. Und nicht immer will die Welt verbessert werden. Auch wenn sie ihren Traum nicht aufgeben wollen: Das ist die Lektion, die die Heilmanns selbst im ersten Schuljahr ihrer Tochter gelernt haben.

Und Anouk, um die es hier doch eigentlich geht?

An einem Abend Ende Juni sitzt sie am Küchentisch, ihr Heft mit den Vogelgeschichten vor sich, und weint. War die Lehrerin nicht zufrieden mit ihr? Anouk will es nicht sagen und blickt zu ihrer Mutter. Die erzählt, dass die Erzieherin den Kindern heute gesagt hat, dass sie an eine andere Schule wechseln werde. Anouk ist schon seit Stunden traurig. Ihre Mutter blickt sie von der Seite an, mitfühlend, aber auch überrascht, wie sehr es die Sechsjährige mitnimmt.

Anouk, auch das zeigen die Tränen, ist angekommen an der Schule, vor der die Nachbarn so gewarnt hatten.

Als Anouk am letzten Schultag vor den Ferien aus dem Schulgebäude tritt, raus in den Kiez, geht sie mit dem guten Gefühl, dass sie ihre Freunde sechs Wochen später wiedersehen wird. Anouk hat in ihrem ersten Schuljahr gelernt, Geschichten zu schreiben. Sie kann addieren und subtrahieren, und sie hat gelernt, was Rassismus ist. Gemobbt wurde sie nicht, weil sie blond ist und helle Haut hat. "Das ist unfair", sagt Anouk.

Man kann es so sagen: Anouk ist in diesem Jahr politisiert worden. Sie hat nicht so viel Stoff gelernt wie andere Kinder an anderen Schulen. Fürs Leben in Kreuzberg hat sie einiges gelernt. Den Auftrag ihrer Eltern hat sie erfüllt.

*Der Nachname der Eltern, alle Vornamen der Mitschüler und der Name der Klassenlehrerin wurden geändert