Gustl Mollath lauert. Sein Blick huscht von der Richterbank zum psychiatrischen Sachverständigen Norbert Nedopil und zurück. Immer wieder hin und her, wie bei einem Tennisspiel. "Herr Nedopil soll den Raum verlassen, jetzt sofort", sagt Mollath. Er traut hier keinem über den Weg, schon gar nicht dem Psychiater. "Seine Anwesenheit ist unerträglich, ich bekomme Angstzustände." Der Prozess ist noch keine Stunde alt, da brandet schon im Publikum Applaus auf.

In Saal 104 des Landgerichts Regensburg läuft derzeit die neue Hauptverhandlung gegen Gustl Mollath. An 17 Prozesstagen soll mithilfe von 44 Zeugen geklärt werden, ob er vor 13 Jahren seine Frau geschlagen, getreten und gebissen hat, ob er sie bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und eingesperrt hat, ob er Dutzende Autoreifen zerstochen hat oder nicht. Die Vorwürfe hatte das Landgericht Nürnberg 2006 als erwiesen angesehen und Mollath wegen einer "wahnhaften psychischen Störung" und der damit verbundenen Gemeingefährlichkeit in einer Nervenklinik untergebracht.

Das Nürnberger Oberlandesgericht hat vor einem Jahr die Wiederaufnahme des Verfahrens angeordnet, die Hauptverhandlung erneuert und Mollath auf freien Fuß gesetzt – nur zwei Wochen nachdem das Landgericht Regensburg die Wiederaufnahme als unzulässig abgelehnt hatte.

Jetzt will Gustl Mollath seine Unschuld beweisen. Für ihn läuft hier ein ganz anderer Prozess, einer, in dem er selbst der Ankläger ist und die Strafjustiz auf der Anklagebank sitzt. Die habe ihn seinerzeit für siebeneinhalb Jahre in der Psychiatrie verschwinden lassen, weil er einen von seiner eigenen Frau, einer Bankangestellten, angezettelten milliardenschweren Schwarzgeldskandal der HypoVereinsbank ans Licht bringen wollte. "Den womöglich größten und wahnsinnigsten Steuerhinterziehungsskandal", wie Mollath in einem Schreiben an die Bank formulierte.

Die Bank veranlasste daraufhin eine interne Revision. Der Prüfbericht gilt Mollath und seinen zahlreichen Unterstützern als wichtigster Beweis für die Richtigkeit seiner Angaben. Darin steht, "alle nachprüfbaren Behauptungen" Mollaths hätten "sich als zutreffend erwiesen". Allein: Kaum einer der Vorwürfe war tatsächlich nachprüfbar oder strafrechtlich relevant. Der Bankrevisor sagte vor einem eigens eingerichteten Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtags aus, er habe keinerlei Beweise für Schwarzgeldgeschäfte.

Der Fall ist ein Lehrstück: über ein arrogantes Gericht, das sich bei der Verurteilung Mollaths nicht als Anwender des Gesetzes, sondern als das Gesetz selbst begriff. Aber auch über eine hysterische Öffentlichkeit, die sich blind auf die Angaben eines – verhaltensauffälligen – Untergebrachten verließ. Und über die deutschen Medien, die Kampagnen inszenierten und Mollath zum Märtyrer, zum Opfer eines kaputten Systems stilisierten.

Dies Bild zeichnet auch Gustl Mollaths Verteidiger, der Hamburger Rechtsanwalt Gerhard Strate. Er hat dafür Gründe: Über seinen Mandanten war 2006 einfach hinwegprozessiert worden. Das hastig hingehauene Urteil wimmelt von Fehlern. Das Verfahren war schlampig geführt worden, und laut einem damaligen Schöffen hatte der Vorsitzende Otto Brixner in einer Verhandlungspause über den Angeklagten gesagt: "Dem schaut der Wahnsinn aus den Augen." Mit so einem wollte sich das Gericht offenbar nicht lange aufhalten.

Es ist unstrittig, dass Mollath nach dem Urteil unverhältnismäßig lange in der Psychiatrie einsaß. Strittig dagegen ist, ob das Ergebnis nicht doch zutreffend gewesen sein könnte, Mollath sei nicht schuldfähig, aber gefährlich. Drei Gutachter hatten bei ihm eine "wahnhafte Störung" diagnostiziert, darunter Hans-Ludwig Kröber, eine Koryphäe der Kriminalpsychiatrie. Dem besagten Schöffen kam Mollath vor Gericht übrigens selbst verwirrt vor, er habe die eigene Frau gesiezt und angekündigt: "Ich trete jetzt aus dem Rechtsstaat aus."

Mollath hat immer wieder darauf beharrt, er sei nie psychisch krank gewesen – so sagte er es auch vor einem Jahr dem stern. Der ZEIT  liegt allerdings ein Beschluss des Amtsgerichts Nürnberg vor, der das Gegenteil nahelegt. Mollath hatte 2007 in einem Vollstreckungsverfahren Prozesskostenhilfe beantragt und vom Anwalt vortragen lassen, er leide "an einer schweren psychischen Krankheit". Auch von "paranoider Wahnsymptomatik" ist die Rede.

In den ersten beiden Regensburger Wochen malen die meisten Zeugen ein hässliches Bild von Gustl Mollath. Und ein trauriges. Er erscheint als cholerischer Sonderling, der den ganzen Tag bei heruntergelassenen Rollläden im Haus saß. Der eifersüchtig war, streitsüchtig, uneinsichtig, der sich von niemandem helfen lassen wollte. Der das Haus vermüllen ließ. Ein Mann, der den Verlust seiner Ehefrau und seines Geschäfts nicht verkraftete, dem die Welt entglitt.

Da ist seine Schwägerin, die von Mollaths zwei Gesichtern berichtet. Bei einem Streit sei er völlig außer sich geraten. "Den Ausdruck in seinem Gesicht kann man schwer vergessen, er war schweißgebadet, die Handflächen waren ganz weiß, die Hände zu Fäusten geballt. Er war voller Wut." Als sie ihn einige Stunden später wiedersah, "war er plötzlich eine andere Person". Freundlich, zugewandt, hilfsbereit.