Israelische Friedensdemonstranten in Jerusalem am 17.7.2014 © Andrew Burton/Getty Images

Drei ermordete israelische Teenager, ein palästinensischer: Es brauchte nur Zorn und Trauer um die vier, um in dieser fluchbeladenen Gegend einen Krieg zu entzünden. Die Abstände werden kürzer. Zur Jahreswende 2008/2009 marschierte Israel erstmals in den Gazastreifen ein, nachdem die Raketen von Hamas Zehntausende in die Bunker getrieben hatten. Drei Jahre später der zweite Entwaffnungsschlag aus der Luft. Nur zwanzig Monate danach der Julikrieg 2014. Diesmal reichten die vom Iran gelieferten Geschosse bis nach Tel Aviv, Eilat und Jerusalem.

Ein ominöses Echo der "Julikrise 1914", die am 3. August den Ersten Weltkrieg auslöste? Die besonnene Antwort lautet: Nein. Gewiss: Auch vor hundert Jahren ging es nicht wirklich um den Terroranschlag der "Schwarzen Hand", obwohl der bange Vergleich zwischen Gaza 2014 und Sarajevo 1914 sich aufdrängt. Auf dem Spiel stand damals die nackte Vorherrschaft in Europa: hier der Aufsteiger Deutschland plus Wien; dort England und Frankreich; dazwischen die zerfallenden Reiche Türkei und Russland.

Richtig an derlei Analogien ist allein, dass der winzige Streifen zwischen Mittelmeer und Jordan wie weiland der Balkan nur einen Ausschnitt der Bühne bildet, die sich nunmehr von Ankara bis nach Afghanistan zieht. Israel/Palästina ist nicht "der" Nahostkonflikt, schon gar nicht ein Großmachtduell, wie es 1914 den Weltenbrand entfachte. Mehr noch: Israel/Palästina ist im Verlauf stetig an den Rand gerückt. Die Großen haben gelernt, ihre Klienten zu zähmen, wenn es brenzlig wurde. Das ist die Lehre aus allen israelisch-arabischen Kriegen.

Die Großen, zumal die USA, lernen auch immer wieder, dass dieser Konflikt nicht "reif" für eine Lösung ist – siehe zuletzt den vergeblichen Versuch von US-Außenminister John Kerry, der zu schaffen glaubte, woran ein halbes Dutzend seiner Vorgänger gescheitert war: Israelis und Palästinenser in einen Kompromiss um Land und Legitimität zu drängen.

Das teuflische Paradox lässt sich in aller Kürze und Schärfe ausdrücken: Für beide Seiten ist der Status quo unhaltbar, aber noch riskanter ist ein Frieden, der beide dazu zwänge, Träume zu opfern und Albträume abzuschütteln. Zum Beispiel wollen fast zwei Drittel der Palästinenser Israel nicht als jüdischen Staat anerkennen. Hamas will nicht einmal eine Zweistaatenlösung. Umgekehrt riskierte Netanjahu einen Bürgerkrieg, wollte er Jerusalem zweiteilen und Hunderttausende Siedler aus dem Westjordanland vertreiben. Lieber die Hölle, die man kennt ...

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Das ist die Tragik eines Konflikts, der bald ins hundertste Jahr geht. Auch der dritte Gaza-Krieg wird mit einem labilen Waffenstillstand enden. Frieden? Dieser Autor war beim legendären Händedruck Rabin/Arafat im Rosengarten des Weißen Hauses dabei. Niemand, der im September 1993 nicht eine neue Morgenröte zu erkennen wähnte; im Oktober folgte der erste Terrorangriff auf israelischem Boden. 1994 war dieser Reporter dabei, als Jassir Arafat als Präsident der Autonomiebehörde in Gaza einzog. Selbst abgehärtete Beobachter glaubten damals an die Geburt eines palästinensischen Protostaates, der zu einem richtigen in Gaza und am Westufer heranreifen würde. Es sollte nicht sein. Arafat war stark, aber nicht willens. Sein Nachfolger Abbas ist willig, aber zu schwach.

Probieren wir den kühnsten Traum: Rückzug, Gebietstausch, Verzicht auf Rückkehr nach Jaffa und Haifa, eine Palästinenser-Hauptstadt in Jerusalem, Versöhnung. Trotzdem wäre und bliebe Mittelost die gefährlichste Arena der Weltpolitik. Das ist die neue Tragik, die sich weit über die alte hinauswölbt.

Früher herrschte die schlichte, allzu schlichte Vorstellung: Knack den "Kern" des Nahostkonflikts, und alle anderen lösen sich im Gefolge ebenfalls auf. Diese Erwartung ist heute falscher denn je. Die übelste Feindschaft, die noch jahrzehntelang die Welt peinigen wird, ist auch nicht der "clash of civilizations", den der Harvard-Politologe Samuel Huntington vor zwanzig Jahren vorausgesagt hat. Anders als der große Denker wähnte, verläuft die blutigste Front nicht zwischen dem Westen und dem Islam, sondern innerhalb der muslimischen Welt.