DIE ZEIT: Herr Baas, die gesetzlichen Krankenversicherer haben zusammen mehr als 16 Milliarden Euro Rücklagen aufgebaut. In diesem Jahr hat es erstmals seit 2008 wieder Quartalsverluste gegeben. Ist das die Wende zum Schlechteren?

Jens Baas: Eine Wende ist das nicht. Das Minus zeigt, dass sich grundlegend nie etwas geändert hatte. Es sah nur so aus, weil man einfach allen Versicherten zu viel Geld abnahm. Nach der Finanzierungsreform mussten alle Kassen denselben Beitragssatz von 15,5 Prozent nehmen, und das war viel mehr, als man bei der guten Konjunktur gebraucht hätte. Es gab also einen Einnahmensprung, doch die Kosten sind ungebremst weitergewachsen und haben die Einnahmen nun wieder eingeholt. Eine Zeit lang hat man nur verschleiert, dass die Ausgaben schneller steigen als die Einnahmen.

ZEIT: Jetzt geht es mit dem Minus so weiter?

Baas: Ja. Im Moment sieht es so aus, als stiegen die Kosten ungehemmt weiter. Jetzt wird zwar laut diskutiert, wie wir zum Beispiel die Kosten im Krankenhaus senken können, aber erste Politiker warnen schon davor, diesem Sektor viel Geld zu entziehen. Und was die ambulante Versorgung angeht, war das Lobbying für die Ärzte ohnedies erfolgreich. Die Ausgaben haben deutlich zugenommen.

ZEIT: War die Reform ein Fehler?

Baas: Ein niedriger Beitragssatz wäre klüger gewesen, dann hätten alle Kassen einen Zusatzbeitrag genommen, die einen 8 Euro, die anderen 20 Euro. Der Wettbewerb wäre sichtbar geworden. Jetzt kommt das mit Verspätung: Die Politik legt für 2015 einen relativ niedrigen Beitragssatz fest, mit dem praktisch keine Kasse auskommen wird.

ZEIT: Auch Ihre nicht?

Baas: Nein. Gleichzeitig werden die Mitglieder im Schnitt weniger bezahlen als jetzt – das ist verwirrend. Es gibt nun einen prozentualen Beitrag und einen dann ebenfalls prozentual bemessenen Zusatzbeitrag. Das wird in Ihrer Gehaltsabrechnung auch getrennt ausgewiesen werden. Wir müssen verrückterweise sogar die Versicherten anschreiben und ihnen mitteilen, wie hoch unser zusätzlicher Beitragssatz und wie hoch der Durchschnitt ist. Liegt man darüber, muss man hinzufügen, dass es billigere Kassen gibt und die Mitglieder problemlos wechseln können! Ich kenne keine andere Branche, in der es das gibt. Es kostet übrigens viel Geld, 60 Millionen Versicherte anzuschreiben.

ZEIT: Und, tritt die Techniker Krankenkasse mit einem Kampfpreis an?

Baas: Wir werden wie immer einen soliden Beitragssatz nehmen. Die langfristige Perspektive ist besser, als wenn man es einmal ganz billig versucht. Wir sind eine preiswerte Kasse, aber eine Billigkasse waren wir nie und wollen wir auch nie sein!

ZEIT: Werden jetzt wieder viele Krankenkassen untergehen oder fusionieren?

Baas: Der Prozess wird weitergehen. Die Kosten steigen, und kleine Kassen können nur überleben, wenn sie glücklich in einer Nische sind – in einer passenden Region oder eng verbunden mit einem großen Unternehmen.

ZEIT: Könnten Sie sich vorstellen, über Fusionen ihre schon große Versicherung weiter zu vergrößern?

Baas: Wenn wir, flapsig gesagt, eine schöne Braut finden, dann ja. Wir würden nicht der Größe wegen fusionieren, die haben wir schon. Aber sinnvoll kann es sein, wenn wir interessante Versichertengruppen hinzugewinnen oder uns Märkte erschließen würden, in denen wir unterrepräsentiert sind.

ZEIT: In diesem merkwürdigen Semi-Wettbewerb der Kassen ...

Baas: Unser Wettbewerb ist scharf! Mitglieder können jederzeit ohne Nachteil wechseln, wo gibt es das sonst in der Versicherungsbranche? Viele wissen das nur nicht. Sie denken, ich bin schon 20 Jahre bei meiner Krankenkasse, und wenn ich krank werde, dann werden die netter zu mir sein. So ticken Versicherungen aber nicht ...

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

ZEIT: Trotzdem ist es nur ein halber Wettbewerb, weil die allermeisten Leistungen von allen angeboten werden müssen.

Baas: Stimmt, aber in Service und Selbstverständnis gibt es einen exorbitanten Unterschied. Und bei den rund zehn Prozent der Leistungen, bei denen wir flexibel sind, gibt es auch große Unterschiede. Für mehr Wettbewerb müsste man den Leuten aber klarmachen, dass sie ohne Nachteile wechseln können. Zudem muss man überlegen, ob es nicht doch möglich ist, die gesetzlichen und die privaten Krankenversicherungen in einem Wettbewerb zusammenzuführen.

ZEIT: Heute ist der Wechsel von der privaten zur gesetzlichen Kasse in den meisten Fällen versperrt. Sie wollen ihn erleichtern?

Baas: Ja, aber ein reines Rückkehrrecht funktioniert nicht, weil die Leute dann mit 20 zu den Privaten gehen und mit 60 zurückkommen, wenn sie dort viel zahlen müssen. Man müsste also das System ändern und wirklich einen gemeinsamen Markt schaffen nach den Regeln der Gesetzlichen, einschließlich der Solidarität zwischen Beitragszahlern. Dann entstünde wahrer Wettbewerb.