Die DIVI schlägt lediglich eine zweijährige Notfallmedizin-Weiterbildung vor, von der ein Jahr sofort angerechnet werden kann, sollte man in den klassischen Fächern einen Facharzt erworben haben. Diese Weiterbildung wäre zudem nur für die Leiter einer Notaufnahme obligatorisch – und für den täglichen Betrieb damit so gut wie wirkungslos.

Statt einem Notfallmediziner müssen mehrere Spezialisten Nachtschicht schieben

Auch bei der Bundesärztekammer ist man angesichts der Einführung eines eigenen Facharztes skeptisch – und führt angebliche wirtschaftliche Gründe an. "Eine Besetzung von Notaufnahmen mit Fachärzten für Notfallmedizin dürfte sich in Anbetracht der ökonomischen Bedingungen gerade für kleinere Krankenhäuser als problematisch erweisen", sagt die Bundesärztekammer. Doch auch dieses Argument erscheint nicht überzeugend. "Die kleinen Häuser müssen jede Nacht in jeder dort angebotenen Fachdisziplin ihre Spezialisten vorhalten, obwohl es pro Fach oft nur eine Handvoll Notfälle gibt. Da warten sieben Ärzte und haben kaum was zu tun", sagt Patrick Dißmann vom Klinikum Lippe. Würde man stattdessen ständig einen Facharzt für Notfallmedizin einsetzen und die anderen nur auf Abruf bereithalten, "sparte man sich das sinnlose Schaulaufen der einzelnen Disziplinen".

Politisch umsetzbar scheint der Facharzt derzeit nicht. Auch die DGINA versucht es deshalb nun mit einem weniger weitreichenden Vorschlag: einer zumindest dreijährigen Weiterbildung. Einen ersten Erfolg haben die Vorkämpfer des Facharztes Notfallmedizin vor vier Wochen in Berlin erzielt. Die dortige Landesärztekammer hat die Einführung einer 36-monatigen Zusatzweiterbildung Klinische Notfall- und Akutmedizin beschlossen.

Es klingt nach bitterer Ironie: Unisono sprechen Ärzte in den Ambulanzen davon, dass die Notfallmedizin in erster Linie zeitkritisch sei. Nichts sei so wichtig, wie schnell zu reagieren, die wichtigen von den unwichtigen Fällen zu unterscheiden. Doch wenn es um Modernisierung geht, um die Verbesserung von Missständen, scheint die Zeit keine Rolle zu spielen.

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