DIE ZEIT: Herr Hollein, als Direktor von Städel, Schirn und Liebieghaus haben Sie in Frankfurt viel bewegt. Die Elogen auf Sie sind Legion. Kann Erfolg gefährlich werden?

Max Hollein: Natürlich freue ich mich über die sehr positive Resonanz. Den Häusern stehen dadurch viele Möglichkeiten offen, zum Beispiel bei Kooperationen mit anderen Partnern. Andererseits verschließen sich aber auch Wege. Das Umfeld reibt sich, setzt sich ab. Eine Folge ist, dass ich heute kaum mehr in das Atelier eines Künstlers gehen und mir etwas anschauen kann, ohne sofort Erwartungen zu wecken. Das geht bis hin zu Künstlern, die Freunde sind.

ZEIT: Ist es für Sie auch zum Problem geworden, andere Museen zu besuchen?

Hollein: Nein, das hieße, meinen Bekanntheitsgrad vollkommen zu überschätzen. Was mich in anderen Museen oft schmunzeln lässt: Ich werde dort bei meinem Besuch oft nach dem Weg zur Toilette gefragt. Ich trage meist Anzug und Krawatte, deshalb nehmen andere Besucher immer wieder an, dass ich zum Haus gehöre. Das finde ich großartig. Weiß ich es, weise ich den Weg.

ZEIT: Können Sie in anderen Städten überhaupt an Museen vorbeigehen?

Hollein: Andere Museen zu besuchen ist für mich ein Vergnügen, gehört aber auch zum Job dazu. Ich sehe mir dann die Sammlung an, die Ausstellungen, auch den Shop. Vor allem aber schaue ich, aus welchen Sammlungen die Ausstellungsstücke geliehen wurden.

ZEIT: Zücken Sie das Handy und fotografieren die Schilder der Kunstwerke ab?

Hollein: Ja, genau das mache ich.

ZEIT: Nach 13 Jahren in Frankfurt fühlen Sie sich heute freier denn je. Warum?

Hollein: Der Druck ist geringer, Erfolg erweitert den Handlungsspielraum. Das lässt einen offener sein für das, was sich noch entwickeln kann. Wobei weniger Freiheit nicht schlecht sein muss. Ich habe es immer als eine Stärke empfunden, aus einer leichten Überforderung heraus zielgerichtet zu handeln. Wenn etwas leicht ins Strudeln gerät, wenn es zu viele Projekte sind oder zu komplexe: Das ist immer der prekäre Moment, in dem ich am klarsten sehe. In dem ich weiß: So kriegen wir es hin. Diese Situation habe ich stets als interessant empfunden. Wenn sich danach alle an einem Ziel ausrichten – das empfinde ich als ungemein beglückend.

ZEIT: Ihr großes Ziel, die Erweiterung des Städel-Museums, ist geschafft. Droht jetzt Langeweile?

Hollein: Nein. Seit fast zwei Jahren befassen wir uns hier mit einer massiven digitalen Expansion des Museums und seiner Aufgaben. Wir verfolgen dazu mehr als ein Dutzend Projekte. In den nächsten Monaten entscheiden wir, welche wir realisieren, dann wird das Maß an Freiheit wieder geringer und die Zielorientierung größer. Kulminieren wird das alles im nächsten Jahr, wenn das Städel 200 Jahre alt wird. Dann werden wir alles präsentieren. Für das Haus wird das ein ähnlich großer Sprung werden wie die bauliche Erweiterung.

ZEIT: Hängt ihr persönliches Glück vom Erfolg ihrer Häuser ab?

Hollein: Natürlich nicht allein. Aber es verschafft mir Zufriedenheit, wenn die Institutionen, die mir am Herzen liegen, sich strukturell weiterentwickeln. Die Expansion des Museums in den digitalen Raum ist eine Frage von grundsätzlicher Bedeutung. Dabei geht es nicht darum, unsere Sammlung online zu stellen. Es geht um neue Formen der Bildung, um die Vermittlung von Kunst und Kultur an große Zielgruppen, und da trägt das Städel eine Verantwortung – als Museum, als Bürgerstiftung, als gemeinnützige Institution.

ZEIT: Inwiefern?

Hollein: Steve Jobs hat auf dem Totenbett gesagt: The next big thing is education, Bildung ist das nächste große Ding. Wollen wir, dass nur Unternehmen dieses Feld besetzen? Wir arbeiten an digitalen Kunstbüchern, Onlinekursen zur Kunstgeschichte, Computerspielen für Kinder, an neuen Erzählformen. Kann ein kommerzieller Anbieter das auch? Sicher. Aber dessen Computerspiel sieht wahrscheinlich anders aus und hat andere Zwecke.

ZEIT: Sie wollen in der Bildung also Freiräume abseits des Kommerzes erhalten?

Hollein: Wir wollen mitreden, und ich sehe da eine große Chance für das Städel. Wer die führenden großen Museen weltweit sind, das ist verhandelt und durch Historie und Umfang der Sammlungen festgeschrieben: das Metropolitan Museum in New York, der Prado in Madrid, der Louvre in Paris. Wer aber die weltweit führenden Museen im digitalen Bereich sind, das ist noch nicht ausgemacht. Wir können da international eine wichtige Rolle einnehmen. Das ist eine große Aufgabe, aber auch ein sehr großes Ziel.