Kulturschiff MS Stubnitz in Hamburg ©Tobias Johanning

Urs Blaser steht in der Messe und kocht einen Kaffee. "Dieser Standort ist für uns ein Glücksfall", sagt der hagere Schweizer. "Und wir sind auch ein Glücksfall für den Standort." Blaser ist treibende Kraft und Seele des Kulturschiffs MS Stubnitz . Über zwanzig Jahre lang hat er seine Energie dem eisernen Ungetüm gewidmet. Nun hat er schlaflose Nächte, denn das alte DDR-Schiff droht in Hamburg auf Grund zu laufen. "Wir sind ein Unikat! Es gibt kein anderes zugelassenes Seeschiff, das für öffentliche Veranstaltungen genehmigt ist."

Am ovalen Holztisch in der Mitte der Messe sitzt ein Teil der Besatzung: ein englischsprachiger Dreadlock-Typ, ein älterer Filipino, eine junge Frau mit Punkhaaren und Tattoos. Nicht gerade die Leute, die man häufig in der HafenCity antrifft. Als die MS Stubnitz zur Jahrtausendwende zum ersten Mal vor Anker ging, war der Baakenhöft noch ein verwunschener Anleger im urbanen Off, versteckt hinter einem alten Hafenschuppen, und die HafenCity nicht viel mehr als eine bunte Powerpoint-Präsentation. Seither hat das Schiff alle zwei Jahre für ein paar Monate dort festgemacht.

Inzwischen ist es fast schon ein Teil des neuen Stadtteils geworden. Vis-à-vis liegt die HafenCity-Universität, am benachbarten Baakenhafen sollen demnächst Wohnungen gebaut werden. Doch je näher die Baugruben rücken, desto deutlicher wird, dass das realsozialistische Kühl- und Transportschiff eine unwiederbringliche Chance ist für die HafenCity. Brechend volle Clubveranstaltungen, ausgerichtet von Hamburgs hippsten Clubs, Jazz-, Avantgarde- und Rockkonzerte im liebevoll ausgebauten Bauch des Schiffes, Festivals, Lesungen und Filmnächte – die Stubnitz bringt das in die Retortenstadt, was diese so bitter nötig hat: Rauheit, Experiment und Ekstase. Und ein junges Publikum, für das die HafenCity häufig ein Synonym für gepflegte Ödnis ist.

Der Motorschiff Stubnitz e. V. produziert sein Programm und erhält das denkmalgeschützte Schiff ohne einen Cent struktureller Förderung. Die kleinen Konzerte, bei denen sich eine Schar von Connaisseuren thailändischen Molam-Rock anhört oder dänischen Jazz-Noise, werden querfinanziert durch Partys am Wochenende, für die das Uebel & Gefährlich seine DJs kurzerhand an den Hafenrand karrt oder das Gängeviertel seine Community exiliert. Motto: "Zu breit zum Kentern." Dann feiern bis zu 700 Leute auf dem 80 Meter langen DDR-Schiff. "Nicht zuletzt ist die Stubnitz auch ein riesiges Musikarchiv", erklärt Blaser mit Stolz. Die über 3000 Konzerte in den 22 Jahren ihres Bestehens sind alle mit mehreren Kameras und in bester Soundqualität aufgezeichnet worden.

Für die HafenCity ist der schwimmende Subkulturort eigentlich ein Geschenk. Ohnehin will die städtische Entwicklungsgesellschaft den verwitterten Schuppen 29 am Baakenhöft, wo das Schiff liegt, in den nächsten Jahren als Kulturstandort etablieren. Man würde es "begrüßen, wenn ein Verbleib der MS Stubnitz am jetzigen Standort langfristig möglich wäre", heißt es daher auch aus der Zentrale der HafenCity GmbH an der Osakaallee.