DIE ZEIT: Frau Schneider, Herr Schneider, Sie beide haben schwere Wochen hinter sich: eine beängstigende Diagnose, einen öffentlichen Rücktritt. Wie geht es Ihnen?

Nikolaus Schneider: (zu seiner Frau) Ich finde, du solltest anfangen.

Anne Schneider: Wir haben heute beim Frühstück gedacht, wie normal unser Leben vor vierzehn Tagen noch schien. Ich hatte nachts zwar das Gefühl, da ist eine Entzündung in meiner Brust, aber ich rechnete überhaupt nicht mit Krebs. An einem Mittwochmorgen bin ich rasch zum Arzt, das war am Tag des Johannis-Empfangs der Evangelischen Kirche in Deutschland, da wollten wir abends zusammen hin. Wir frühstückten also, genau wie heute, dann bin ich los, und mein Mann fuhr ins Amt. Was dann passierte, wird uns erst langsam bewusst. Eine Woche war ich unter Schock.

Nikolaus Schneider: Ich stehe auch noch ein bisschen neben mir. Alles ist unwirklich.

Anne Schneider: Plötzlich musste es ganz schnell gehen, weil der Arzt sagte, dass mein Krebs die höchste Stufe von Brustkrebs-Aggression habe. Sie wollen das Teilen der aggressiven Zellen stoppen, die schon im Lymphsystem sind, damit die nicht in die Organe und ins Skelett gehen. Das erfuhren wir an den ersten beiden Tagen, und in der Nacht darauf überlegten wir, was tun. Wie auch immer die Krankheit verläuft: Es liegt ein hartes therapeutisches Jahr vor uns, mit massiver Chemotherapie, OP und Bestrahlung. So oder so wollten wir die Zeit zusammen haben. Noch bin ich fit. Nur dass die kranke Brust jetzt demoliert ist von den Biopsien und die andere Seite vom Legen eines Ports. Fast kommt es mir vor, als würde ich jetzt krank gemacht.

ZEIT: Herr Schneider, Sie haben sehr rasch entschieden, vorzeitig Ihr Amt als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland aufzugeben. Fiel Ihnen das schwer?

Nikolaus Schneider: Nein, auch wenn ich in der Nacht nach der Diagnose überlegt habe, wie ich das sinnvoll gestalte. Ich will nicht in einen permanenten Kampf kommen, wie viel Zeit habe ich für meine Frau, wie viel Zeit brauche ich für den Dienst. Ich wollte meiner Frau ein Signal geben, dass sie jetzt dran ist. Das haben mir mein Verstand, mein Herz und mein Bauch gesagt.

ZEIT: War es für Sie auch gleich klar, dass Sie den Grund des Rücktritts nennen?

Anne Schneider: Wir sagen, wie es um uns steht. So war es schon beim Sterben unserer Tochter. Über Theologie zu reden, ohne über sich selbst zu reden, das geht bei uns nicht.

Nikolaus Schneider: Da sind wir uns einig. Ich möchte aber noch mal auf die Frage kommen, wie es mir geht. Ich erlebe meine Frau ja zurzeit nicht als massiv erkrankt, sondern als sehr lebendig. Da klafft ein Zwiespalt zwischen objektivem Befund und subjektivem Empfinden. Ich genieße, was jetzt für uns möglich ist, und muss mich zugleich darauf einstellen, abzugeben. Zwei Phasen laufen für mich parallel: die Begleitung meiner Frau und der Abschied aus der öffentlichen Verantwortung im Herbst.

Anne Schneider: Wir hatten diesen Abschied aus der öffentlichen Verantwortung ganz anders geplant. Dein Kalender war voll bis November 2015, und 2016 sollte ein absolutes Sabbatjahr werden. Wir wollten nach so vielen arbeitsreichen Jahren einfach mal vier Monate durch Italien fahren und in den Tag hineinleben. Insofern ist das für dich jetzt doppelt blöd.

Nikolaus Schneider: Ich erlebe es nicht so. Für mich ist unser Miteinander jetzt prioritär, von den anderen Prioritäten verabschiede ich mich ohne Bedauern.

ZEIT: Sie haben nach dem Tod Ihrer Tochter ein Buch mit dem Titel Vertrauen geschrieben. Darin geht es um Gottvertrauen, aber auch um das Vertrauen in Ihre gegenseitige Liebe.

Anne Schneider: Von unserer Tochter Meike weiß ich, dass man eine Chemo nicht allein durchsteht. Freundinnen haben mir sofort Hilfe angeboten, meine Schwester und unsere Töchter ...

Nikolaus Schneider: ... nein, ich mache das! Ich habe ja Pflegeerfahrung. Ich kann dich pflegen, da bin ich sicher.

Anne Schneider: Ich weiß aber noch nicht, ob ich das will. Für die ganz intime Pflege würde ich vielleicht lieber professionelle Hilfe annehmen, und du liest mir vor.

Nikolaus Schneider: Wie du willst. Ich bin sehr sicher, ich kann das beides.

ZEIT: Sie wurden gleich am ersten Tag mit der ganzen Brutalität der Diagnose konfrontiert. Hat Sie das zornig gemacht?

Anne Schneider: Dafür war keine Zeit. Der Arzt machte einen Ultraschall und sagte mir gleich, vergessen Sie alle Hoffnungen auf eine harmlose Entzündung. Und dann hat er die anderen Patienten warten lassen und sofort Biopsien von der Brust und der Achselhöhle gemacht und für den nächsten Tag weitere Untersuchungen, Radiologie, Mammografie und so weiter, veranlasst. Am Tag darauf, als die Laborbefunde die Krebsdiagnose bestätigt hatten, war ich eine Stunde lang bei einer Pharmazeutin, die mir den Behandlungsplan und die Nebenwirkungen der notwendigen Chemo erklärte. Da war mir plötzlich das Leid von Meike ganz nah, deren Quälerei am Ende nichts genützt hat. Direkt nach ihrem Tod hätte ich diesen Behandlungsplan für mich nicht unterschrieben.

ZEIT: Warum haben Sie es jetzt doch getan?

Anne Schneider: Ich will nicht sterben, ich hänge am Leben. Und ich vertraue darauf, dass diese Chemo mir bei meinem Kampf hilft.