Heute ist Donnerstag, der 10. Juli, fünf Uhr nachmittags: Ich treffe Papst Franziskus zu einem gemeinsamen Gespräch. Worüber? Über sein Pontifikat, das er vor etwas mehr als einem Jahr angetreten hat, und darüber, dass er in so kurzer Zeit bereits eine Revolution in Gang gesetzt hat; über das Zweite Vatikanische Konzil, das vor 50 Jahren zu Ende ging und dessen Beschlüsse bis heute nur zum Teil umgesetzt sind; über die moderne Welt und die christliche Tradition und allem voran über die Figur des Jesus von Nazareth. Wir sprechen aber auch, und besonders, über die zwei brennenden Themen, die der Papst kürzlich zur Sprache gebracht hat: die Pädophilie und die Mafia.

Es war Papst Franziskus selbst, der dieses Gespräch wünschte; denn unter den vielen Menschen aller nur möglichen Religionen, Gesellschaften, Altersstufen, denen er Tag für Tag begegnet, sollte sich auch ein Nichtgläubiger befinden, mit dem er Gedanken und Gefühle austauschen wollte. Und ich bin ein solcher Nichtgläubiger, der dennoch Jesus als humane Erscheinung liebt und seinen Mythos, seine Botschaft, seine Legende mit den Augen dessen zu schätzen weiß, der darin eine außergewöhnliche Menschlichkeit, aber keinerlei Göttlichkeit erkennt.

Der Papst will, dass die Nächstenliebe, zu der sich vor zweitausend Jahren der Sohn von Maria und Josef bekannte, das höchste Gut der menschlichen Spezies werde. Doch leider bricht die Nächstenliebe sich nur selten Bahn, sie wird vielmehr immer wieder vom Egoismus überwältigt und scheitert an dem, was Franziskus die "Gier nach Macht und den Wunsch nach Besitztum" nannte. Er sieht darin die andere, dunkle Seite der Menschheit, und eben in der Dynamik, die zwischen dem Guten und dem Böse entsteht, entwickelt sich die Geschichte der Welt.

Seit einigen Minuten warte ich nun auf ihn in dem kleinen ebenerdigen Zimmer des Hauses Santa Marta, in dem der Papst seine Freunde und Mitarbeiter zu empfangen pflegt. Er erscheint pünktlich, ohne jede Begleitung. Er weiß schon, dass ich in den vergangenen Tagen Probleme mit meiner Gesundheit hatte, und tatsächlich fragt er mich sofort danach. Er legt mir seine Hand auf den Kopf, eine Art Segnung, dann umarmt er mich.

Er schließt die Tür, stellt seinen Stuhl dem meinen gegenüber, und dann beginnen wir.

Sprechen wir also über die Pädophilie.

"Der Missbrauch eines Kindes ist das Schrecklichste und Schmutzigste, was man sich denken kann", sagt er, "vor allem wenn, wie aus Berichten hervorgeht, die ich selbst überprüft habe, diese abscheulichen Vergehen sich größtenteils innerhalb der Familien abspielen oder zumindest in eng vertrauten Gemeinschaften. Die Familie müsste die heilige Stätte sein, in der das zunächst kleine, dann etwas größere und schließlich adoleszente Kind in Liebe zum Guten erzogen und zum Heranwachsen ermutigt wird. Die Kinder sollten dort Anregung zur Bildung der eigenen Persönlichkeit und Gelegenheit zur Begegnung mit Gleichaltrigen finden. Zusammen spielen, zusammen lernen, die Welt und das Dasein zusammen erleben. Das gilt für die Gleichaltrigen. Doch für die Eltern, die sie zur Welt gebracht haben, oder für jene, die sie zur Welt kommen sahen, sollte es sein, als pflegten sie eine Blume, ein ganzes Beet voller Blumen, das man vor Unwetter schützen und von Ungeziefer fernhalten muss. Man erzählt ihnen Märchen vom Leben und erklärt ihnen nach und nach dessen Wirklichkeit. Dieserart sollte die Erziehung sein, die sodann von der Schule ergänzt und von der Religion auf die Ebene des Denkens gehoben wird und sie für das göttliche Empfinden empfänglich macht, wenn es sich in den Seelen regt. Oft verwandelt sich dieses in echten Glauben, doch in jedem Fall hinterlässt es einen Samen, der die Seele in gewisser Weise befruchtet und sie zum Guten wendet."

Er sagt das zu mir, doch es ist, als redete er mit sich selbst, während er dieses Bild der Hoffnung zeichnet. Vielleicht, antworte ich, gehe es ja größtenteils tatsächlich so zu. Er sieht mich an mit Blicken, die hart und traurig geworden sind.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

"Nein, leider ist das nicht der Fall. Jeder ist mit seinen Angelegenheiten beschäftigt, oftmals um der Familie einen angenehmen Lebensstandard zu ermöglichen, manchmal um des persönlichen Erfolgs willen. Die Erziehung als erste Pflicht gegenüber den Kindern scheint geradezu aus den Häusern geflohen zu sein. Dies ist eine schlimme Unterlassung, aber damit haben wir das größte Übel noch nicht erfasst. Wenn es nämlich nicht bei der unterlassenen Erziehung bleibt, sondern der Missbrauch hinzukommt, das Laster, jene abscheulichen Handlungen, denen schon kleine Kinder ausgesetzt sind und die immer aggressiver und einschlägiger ausfallen, je mehr die Kinder heranwachsen und zu Halbwüchsigen werden. Es kommt in den Familien sehr häufig vor, dass Kinder missbraucht werden, von den Vätern, den Großvätern, Onkeln, Freunden. Oft wissen die anderen Familienmitglieder sehr wohl Bescheid, doch sie schreiten nicht ein, weil anderweitige Interessen und Schändlichkeiten sie davon zurückhalten."