Verstimmt: HSV-Fans während des Relegationsspiels Hamburger SV - SpVgg Greuther Fürth © dpa

Der Sport hat das schöne Wort "Sommerpause" hervorgebracht. Es bezeichnet schlicht den Zeitraum zwischen dem Ende der einen und dem Beginn der neuen Saison. In der Sommerpause turteln die Spieler, die nicht bei den großen Meisterschaften für ihr Land im Einsatz sind, gerne an den Stränden der Südsee mit ihren Freundinnen. Das alles ist auf den Panoramaseiten der Zeitungen zu bestaunen. Auf den Sportseiten werden ein paar Transfers verkündet, sonst herrscht Ruhe. Eigentlich.

In Hamburg gibt es keine Sommerpause. In Hamburg, so scheint es in diesen Monaten, verlagern sich das Spiel, seine Rivalitäten und Kämpfe vom Sportplatz auf die Plätze in den Logen. Auf die Menschen, die den Verein führen, wobei das Wort "führen" vielleicht ein Euphemismus ist. Denn in Hamburg führt niemand die großen Vereine. Und das ist das Problem. Wer sich anschaut, was bei den drei größten Clubs der Stadt, bei den Fußballern des HSV, beim HSV Handball und bei St. Pauli, in den vergangenen Wochen geschah, fühlt sich eher an den Verlauf einer griechischen Tragödie als an modernen Hochleistungssport erinnert.

Es herrscht Streit zwischen Kommerz und Charakter. Zwischen Tradition und Erfolg. Zwischen Männern, die sich hassen. Ja, es sind nur Männer, die sich duellieren – es geht nicht um Frauen, wie in der Antike, sondern um Sport. Doch beim Sport sind die Argumente bekanntlich oft noch irrationaler.

Die Rolle der tragischen Helden übernimmt in jedem Verein eine einzelne, einsame Figur.

Dietmar Beiersdorfer, verzögerter Vorstandsvorsitzender bei den Fußballern des HSV.

Martin Schwalb, geschasster Trainer der HSV-Handballer.

Stefan Orth, Noch-Präsident des FC St. Pauli.

Alle drei wissen, was sie wollen. Aber es gehört zum Wesenskern der Tragödie, dass ihre Figuren nur selten so handeln können, wie sie wollen.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der aktuellen ZEIT. Sie finden die Hamburg-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Seit vergangener Woche ist Dietmar Beiersdorfer offiziell Chef beim HSV. Endlich. Zuvor musste er sich mit seinem Ex-Verein St. Petersburg einigen, er musste die Klage eines HSV-Mitglieds gegen die neue Vereinsform abwarten. Jetzt geht es los – mit den eigentlichen Kämpfen: Gerade ein paar Tage im Amt, hat Beiersdorfer den ersten prominenten Hierarchen erledigt. Am Montag wurde bekannt, dass Sportchef Oliver Kreuzer mit sofortiger Wirkung gehen muss. Am Dienstag legte Beiersdorfer nach: Bernhard Peters, bisher in Hoffenheim äußerst erfolgreich für den Nachwuchs zuständig, soll in Hamburg eine zentrale Rolle bei der Neupositionierung des Vereins einnehmen.

Weitere Fragen sind offen: Es gibt beim HSV einen Mäzen, der in einem Interview öffentlich die Bedingungen für seine Unterstützung diktierte. Der HSV hat durch einen gerade öffentlich gewordenen 50 Millionen Deal mit Adidas in den kommenden zehn Jahren etwas mehr finanziellen Spielraum. Nimmt Beiersdorfer das Geld von Klaus-Michael Kühne an und wird abhängig von seinen Launen, oder sucht er neben dem Sportartikelhersteller andere Optionen, den verschuldeten Verein fit zu machen? Beiersdorfer muss in kürzester Zeit mit möglichst wenig Geld eine möglichst konkurrenzfähige Mannschaft formen. Nur wie?

Beim HSV Handball sieht die Lage kaum besser aus. Der eiserne Mäzen Andreas Rudolph hat seinem Herzensverein ein zweites Leben geschenkt. Er gab dem Club eine Garantieerklärung von 4,5 Millionen Euro und hielt ihn damit in der ersten Liga. Martin Schwalb, der Erfolgstrainer, soll beim Neustart keine Rolle spielen. Er gewann mit dem Verein die Deutsche Meisterschaft und die Champions League, mit Rudolph aber versteht er sich nicht. Einen Tag nach seiner Kündigung erlitt Schwalb einen Herzinfarkt. Vier Stunden lang wurde er operiert. Es gehe ihm besser, sagt er nun. Und Rudolph, dessen Herz erweichte, sagt, er werde Schwalb nicht im Stich lassen. Soll Schwalb in dem Verein bleiben, der ihn bis zum Herzinfarkt trieb, in dem Wissen, dass er nur bleiben darf, weil er einen Herzinfarkt erlitt? Oder soll er wechseln und den Verein im Stich lassen, bei dem er seit 2005 große Erfolge feierte?