Ein Sommermorgen am Bodensee. Am Hagnauer Ufer schwappt das Wasser über die Kiesel, es ist klar wie ein Bergkristall und trotzdem warm vom Sommer. Wer hier hineintaucht, erkennt in der Tiefe jeden Stein, so sauber ist der See. Draußen treibt ein Fischerboot.

Darin sitzt Andreas Meichle. Als er zurückkehrt ans Ufer, hört man ihn fluchen. Riesige leere Netze hat er wieder aus dem Wasser gezogen, wie schon so oft. Was der Badegast herrlich findet – keine Algen –, bringt den Hagnauer Fischer zur Verzweiflung. Das Wasser ist nicht sauber, findet er, es ist steril. Es ist keine Nahrung mehr drin, die Fische verhungern. Allen voran der Felchen, der wichtigste Bodenseefisch.

Mit seinem Kummer ist Meichle nicht allein. Schon lange klagen die Berufsfischer über die Nährstoffarmut im See, die ihre Felchenfänge um fast zwei Drittel reduziert hat. Einer nach dem anderen gibt nun auf. Aber nicht lautlos. Ein böser Streit vergiftet die Idylle. Wie soll der Bodensee beschaffen sein? Nährstoffarm und blitzsauber wie im Ursprungszustand? Oder muss er ein Ökosystem mit Fischen und Pflanzen darin sein, gesund und nutzbar, aber eben nicht unangetastet? Das sind die Fragen, um die sich seit Jahren Fischer, Forscher und Politiker streiten.

Die einen wollen, dass die Kläranlagen ihre Leistung ein wenig drosseln. So könnten mehr Nährstoffe ins Wasser gelangen, die der Felchen dringend für sein Wachstum braucht. Vor allem Phosphate. Ohne Phosphat wachsen die Schwebealgen nicht. Auf Schwebealgen ist das Zooplankton angewiesen, das wiederum den Felchen ernährt.

Die anderen sagen: Hände weg vom größten deutschen See! Endlich wird er wieder, wie die Natur ihn geschaffen hat: kalkreich und nährstoffarm. Eine Riesenleistung, denn in den siebziger Jahren hatten Schadstoffe und Düngemittel das Gewässer fast umkippen lassen – zu viele Algen wucherten im Bodensee. Ihre Zersetzung verbrauchte extrem viel Sauerstoff. Auch damals starben die Fische. Wer sich noch traute, im überdüngten See zu schwimmen, stieß oft genug mit dümpelnden Kadavern zusammen. So was will hier keiner mehr erleben.

Doch hat man jetzt den Umweltschutz übertrieben, wie die Fischer sagen? Wer den Konflikt in seiner ganzen Schärfe verstehen will, muss sich mit sperrigen Begriffen auseinandersetzen. Denn die EU ist involviert und bringt jede Menge bürokratische Regelungen mit sich: die Europäische Wasserrahmenrichtlinie, die Gewässerklassifizierung oder das "Verschlechterungsverbot" – das ist die entscheidende Auflage. Sie verlangt, dass einmal erreichte Werte unbedingt zu halten sind. Dahinter zurückfallen darf man nicht mehr. Das fegt die Möglichkeit, den Nährstoffausstoß der Kläranlagen zu erhöhen, erst mal vom Tisch.

Was kann man tun? Vier Fachleute äußern ihre Sicht der Dinge.

Der Politiker Martin Hahn von den Grünen, Landtagsabgeordneter aus Überlingen, zweifelt an Grenzwerten

Martin Hahn hat sich auf die Seite der Fischer gestellt. Der Grünen-Politiker ist nicht nur Landtagsabgeordneter für den Bodenseekreis, sondern auch Landwirt. In seiner Welt gehören Landnutzung und Umweltschutz unbedingt zusammen. Weil er die Fischer versteht, wird der 50-Jährige von einem CDU-Kollegen als Umweltverschmutzer beschimpft. "Es heißt, ich sei der größte Umweltfrevler am See."

Hahn kommt seinem Besuch in Gummistiefeln entgegen. Er wohnt auf einem Demeter-Hof, den er früher mitbewirtschaftet hat. Vor dem Gesprächstermin hat er noch geholfen, ein neues Scheunenfundament zu gießen. Seine Hände sind kräftig, Hahn will "was schaffen".

Dass ausgerechnet am Bodensee das Zusammenspiel von Wasserqualität und Fischerei nicht funktionieren soll, geht ihm nicht in den Kopf. "Schon 2003", sagt er, "hatten wir ein Superwasser." Damals war der Nährstoffgehalt noch doppelt so hoch wie heute und der Fischbestand stabil.

Und deshalb hat der Politiker jetzt das Verschlechterungsverbot im Visier. "Es muss juristisch geklärt werden", sagt er, "ob eine Erhöhung des Phosphatwerts tatsächlich eine Verschlechterung ist. Oder nur eine Veränderung." Schließlich enthalte auch die Trinkwasserverordnung von 2011 keine Grenzwerte mehr für Phosphate. Die Fixierung auf diesen einen Nährstoff blende aus, was sonst noch alles in den See gelangt: Pestizidrückstände etwa, Hormone und Antibiotika. "Wir sollten das Geld für die Phosphatausfällung besser dafür aufwenden: Wie verhindert man, dass Medikamentenrückstände ins Wasser gelangen?"

Der Streit am Bodensee, davon ist er überzeugt, berühre Grundsätzliches. "Das ist eine kulturelle Debatte." Wie wollen wir leben? So heiße die Kernfrage. Wollen wir unser Gewässer nutzen oder nicht? Und wenn wir es nicht nutzen, wollen wir aus fragwürdigen Quellen einkaufen, worauf wir nicht bereit sind zu verzichten? Dass vermehrt "Bodenseefelchen" aus ostasiatischen Farmen stammen, ist am See ein offenes Geheimnis.

Als Ökobauer versteht er auch die Kluft nicht, die sich zwischen Land- und Wassernutzung auftut. "Schaut man sich die Bebauungspläne rund um den See an, sieht man, dass da keine Hemmungen bestehen: Bundesstraßen, Industriegebiete, Wohngebiete – bedenkenlos wird die Erdkrume beiseitegeschoben, obwohl es 15.000 Jahre dauert, bis wieder neue entsteht." Aber der See, der sei unantastbar.

Und was ist mit dem Austausch des Tiefenwassers? Dieser Aspekt müsste ihn als Grünen doch beunruhigen. "Ich verstehe, dass man einen Puffer haben will", sagt Hahn. "Das Entscheidende ist aber, dass es diese Zirkulation überhaupt gibt. Bleibt sie aus, retten uns weitere Phosphatabsenkungen auch nicht."