Touristen haben den Süden unbereisbar gemacht, findet Roger Willemsen. Die Küsten des Nordens dagegen sind einsam wie seine Menschen. © Chris Jackson/Getty Images

Die Luft des Südens schmeckt nicht, damit geht es schon mal los. Von der aria cattiva sprach man im 18. Jahrhundert, der "bösen Luft", die imstande sei, ganze Länder zu vergiften, etwa durch den schwülen Passat, den brennenden Schirokko, den fiebrigen Föhn. Wie oft sind die Vögel, die aus dem Norden anreisten, gleich beim Eindringen in die Luft des Südens tot aus dem Himmel gefallen! Wie oft hat man Kämpfer verenden und Touristen erschlaffen sehen, sobald sie in den Süden kamen. Es ist kein Spaß: Aus der Ferne erscheint Arkadien dem Schwärmer paradiesisch. Tritt er ein, trachtet ihm dieser Süden gleich nach dem Leben.

Was für eine runde Mahlzeit ist dagegen die Luft des Nordens! Jod, Salz, Tang, Torf, Heidekraut, Filzwolle, Multebeeren und die Röstaromen offener Feuer – alles in einem Atemzug. Kürzlich packte mich wieder das Nordweh, einen Norden suchte ich, irgendeinen Norden, flog also ins schwedische Luleå, das auf der Höhe Lapplands, 110 Kilometer südlich der Polargrenze gelegen ist. Vor der Landung machte die Purserette diese Ansage: "Morgen feiern wir Mittsommernacht. Legen Sie sieben Blüten unter Ihr Kopfkissen. Sie werden von der Liebe Ihres Lebens träumen. Jetzt singt unser Steward zur Feier des Tages ein altes schwedisches Volkslied für Sie." Der griff prompt nach dem Mikrofon und stimmte in stolperndem Sopran ein Lied an, zuletzt so gerührt, dass ihn seine Chefin in die Arme nehmen musste. Willkommen am Bottnischen Meerbusen! Das soll der kühle Norden sein? Als der Steward seine Stimme erhob, schmolzen wir alle.

Ich legte die Blüten unter das Kissen, träumte aber von DJ Bobo. Das muss aus dem Bauch heraus geschehen sein, also dem Zentralmassiv des körperlichen Südens. Der Norden des Körpers aber ist der Kopf, und alles wird besser, wenn er beteiligt ist, gibt er doch Klarheit, Verstandeskühle. Ebendeshalb gilt es ja auch als moderne Tugend, cool zu sein, also nördlich.

Geputzt und bewimpelt war das Städtchen Luleå, blickte vom nördlichen Ende der Ostsee kühl, frisch und bewegt in die kürzeste Nacht. Das hiesige Thai-Restaurant serviert Ochsenpizza mit Béchamelsoße, und die Menschen, die es hierhin verschlagen hat, wirken alle wie Strandgut, ist dies doch nördliches Niemandsland, und wenn man einfach so in die Weite spaziert, wo sich die Häuschen zerstreuen, dann sieht man Existenzen versanden unter den großen Himmeln des Nordens.

Es folgten grüne Tage, halb helle Nächte, milde Winde. Ich sah die Dünung des Luftzugs über den Gräsern, dann und wann fiel ein Regenschauer hinein, die Felder atmeten aus, und der Himmel war ein Wolken-Louvre. Ich ging weiter über Land, wo die feuchten Meerwinde durch die Fugen der Holzhütten drangen. Aus dem undichten Torfdach fielen Tropfen in die Hütte des Fischers. In nassen Socken hatte er geschlafen. Jetzt trat er heraus an die Bucht, redete über die Winterfischerei, klagte über sein schlechtes Schuhwerk und stellte einen Kinderwagen mit Baby hinaus in die Sonne. In diesen Breiten feiern die Menschen das Licht als Ereignis.

Schönes Wetter interessiert mich nicht. Wenn die Sommerfrischler sonnenmilchig müffeln und ihre abgeblätterten Schultern vergleichen, packt mich der Drang, den Norden zu inhalieren. Die edle Blässe ist nördlich, vulgäre Bräune südlich, der Porzellanteint einer Kate Middleton blamiert die Lederhaut einer Carmen Geiss. Auf der Packungsbeilage einer Sonnencreme las ich einmal: "Auch die Sonne hat ihre Schattenseiten." Eben, doch wie viele Sonnenseiten hat der Schatten!

Alles Werden und Vergehen hat seinen Ursprung im Norden. Plankton und Mikroorganismen, sie entwickelten sich aus dem Frost, aus der Dunkelheit, sie nährten von der Nacht und dem Eis. Als ich einmal mit Polarforschern reiste, erklärten sie mir, hier, an den Rändern der lebensabweisenden Zone, entsünde eigentlich das erste Leben. Was der Norden aber von seiner Flora einfriert, das wird er eines Tages auftauen, um es dem Leben zurückzugeben. Seine Landschaften sind Schläfer, die lange dämmern und heftig blühen. Selbst die Steine spucken dann Blüten aus, über die Geröllfelder ergießen sich saftige Matten, und sanft ist noch der Tod in diesen Breiten, kommt das Erfrieren doch still und besinnlich.

Was der Süden dagegen verbrennt, das ist für immer und qualvoll verbrannt! Wen wundert es also, wenn der älteste Menschenfund des Südens, die äthiopische Ardi, aussieht wie ein Haufen Hundeknochen nach Jahren auf der Sonnenbank. Der älteste Menschenfund des Nordens ist dagegen ein gut konservierter Gentleman namens Ötzi, auf Englisch: "Frozen Fritz". Ja, ein Nördling war dieser einsame Südtiroler Gletscherjäger, und wir Deutschen sind alle von seinem Schlag und keine Mittelmeerpreußen!

Der Norden ist Heimat einer Kultur, in der Trolle und Elfen zu Hause sind. Die längste Zeit des Jahres liegt er im Dunkel, kennt transzendente Mächte und geht so vernünftig wie möglich mit ihnen um, also protestantisch. Der Süden ist dagegen sonnendurchflutet und eigentlich taghell profan. Man redet laut und effektvoll, man krakeelt. Seine Lebensform ist die Hysterie. Deshalb muss er das Dunkel künstlich erzeugen, sich Mysterien ausdenken, er lebt von Weihrauch, Reliquien und Beichtgeheimnissen, also katholisch. Auch große Religionskriege kennt der Norden nicht. Nein, die gefährlichen Staaten der Welt liegen in Süd, Ost, West.