In Bianca Kämmerers Zimmer stapeln sich auf dem Schreibtisch Bücher und Ordner, Hefte und Mitschriften. Goethes "Iphigenie auf Tauris" und Schillers "Kabale und Liebe" liegen in der einen Ecke, Notizen zur Einkommensverteilung und zur Lorenz-Kurve in der anderen. Prüfungsstoff fürs Abitur und Überbleibsel langer Lerntage. "Jeder Punkt kostet Nerven" steht auf dem Titelblatt der Abi-Zeitung des Gymnasiums Wilnsdorf. Bianca Kämmerer blättert das Heft durch. Auf Seite 42 ist ein Kinderbild von ihr zu sehen und eins, auf dem sie, mittlerweile 18 Jahre alt, breit in die Kamera lächelt. Als die Abi-Zeitung gedruckt wurde, dachte sie noch, sie hätte bestanden.

"Ich stehe vor der Tür im ersten Stock meiner Schule, um mich herum die anderen Schüler der zwölften Klasse. Alle sind total aufgeregt. Jedes Mal, wenn die Tür aufgeht, wird ein Name aufgerufen. Meiner kommt ziemlich am Ende dran. Ich gehe in den Raum, dort wartet die Schulleiterin an einem Tisch, ich setze mich ihr gegenüber. "Bei dir ist es nicht so gut gelaufen", sagt sie. "Wie jetzt?", frage ich. "Das reicht nicht von den Noten", antwortet sie. Ich fange sofort an zu heulen. Es ist Mittwoch, der 11. Juni 2014, etwa 12 Uhr mittags. Ich bin durchs Abitur gefallen.

"Du kannst in die Nachprüfungen", sagt die Schulleiterin, "du kannst es noch schaffen." Sie erklärt mir, wie es jetzt weitergeht, aber ich kriege kaum was mit. Ich stehe auf und verlasse den Raum. Auf dem Flur stehen die anderen. Sie versuchen mich zu trösten. Ich will nur noch raus, gehe auf den Schulhof und rufe von dort meine Mutter an. Sie ist bei der Arbeit und versteht kein Wort, weil ich so viel schluchze. Dann tröstet sie mich: "Ist nicht so schlimm, Bianca", sagt sie.

Meine Mutter hat kein Abitur, ich bin die erste in meiner Familie, die aufs Gymnasium geht. Ich bin hier in der Gegend aufgewachsen. Zu meinem Vater habe ich keinen Kontakt. Meine Mutter arbeitet im Jobcenter, zweimal die Woche kellnert sie. Ich weiß, dass sie das auch macht, damit wir genug Geld haben. Meine Mutter hat mich immer unterstützt, Ausflüge, Klassenfahrten, egal, worum es ging. Ich bin ihr sehr dankbar dafür.

Ich habe früh gelernt, dass man für Geld auch arbeiten muss. Mit 17 habe ich angefangen, bei Burger King hinter der Kasse zu stehen. Mittlerweile jobbe ich in einer Bäckerei. Da muss ich nicht acht Stunden am Stück arbeiten.

Zur Schule bin ich immer gerne gegangen. In der vierten Klasse hatte ich erst nur eine Realschulempfehlung. Ich wollte aber unbedingt aufs Gymnasium, weil meine beste Freundin auch dorthin wechseln sollte. Am Ende hat mein Lehrer mich fürs Gymnasium empfohlen.

Anfangs bin ich super mitgekommen, hatte lauter Zweien auf dem Zeugnis. In der achten Klasse hatte ich das erste Mal Probleme, da dachte ich schon, ich schaffe es nicht. Dann ist es wieder besser geworden, die zehnte war richtig gut. Ich war nie eine Einser-Schülerin, ich hatte Zweien und Dreien, auch mal eine Vier. In Mathe hatte ich immer mal wieder Nachhilfe.

In der Oberstufe habe ich Sozialwissenschaften und Englisch als Leistungskurse gewählt, dazu Deutsch und Mathe als Prüfungsfächer. Sobald die elfte Klasse begonnen hatte, bekam ich Probleme. Meine Stufe ist der zweite G-8-Jahrgang an meiner Schule. Ich weiß nicht, ob es was damit zu tun hat, dass wir fürs Abi nur acht statt neun Jahre Zeit hatten. Es gab jedenfalls viele, die Probleme hatten. Es war einfach wahnsinnig viel Stoff.