In einem weiß-grauen Kastenbau mit Vorgarten, in dem wilde Wiesenblumen wachsen und die israelische Fahne weht, sitzen sich zwei Männer gegenüber. Der eine Muslim, der andere Jude. Der eine 34, der andere 66. Sie sprechen einfaches Englisch.

"Du machst alles in diesem Kampf", sagt der Muslim.

"Ach was", sagt der Jude, "ich habe nur versucht zu helfen."

"Du kämpfst für mich wie ein Vater", sagt der Muslim.

"Ach nein", sagt der Jude, "vielleicht wie ein Bruder."

Der Muslim schweigt einen Moment, "aber wie ein großer Bruder", sagt er dann.

"Ach nein", sagt der Jude, großer Bruder, das erinnere ihn an George Orwell, und diesen großen Bruder möge er nicht. Dann wechselt er, weil ihm auf die Schnelle die Wörter auf Englisch nicht einfallen, ins Deutsche: "Ich habe ein Lieblingsbuch, das heißt: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat." Damit sich was ändere, müsse man gezielt ungehorsam sein. "Und das bin ich."

Der Raum, in dem Jude und Muslim sitzen, sieht nicht aus wie eine Keimzelle des radikalen Widerstands: Linoleumboden, Regale mit schweren Büchern, Tische in U-Form zusammengestellt. Auch die Männer sehen nicht aus wie die Verkörperung des radikalen Widerstands. Sie tragen Shorts und Shirts, der eine Flip-Flops, der andere Sandalen.

Der Jude gab dem Muslim, der abgeschoben werden sollte, Kirchenasyl – das ist ihr Ungehorsam.

Der Jude gab dem Muslim Kirchenasyl. Diese Wörter muss man wiederholen, gerade in diesen Tagen, in denen sich Juden und Muslime in Gaza wieder einen grausamen Krieg liefern. Kirchenasyl ist der Begriff dafür, wenn Christen nicht dem Gesetz gehorchen wollen, weil es gegen ihr Gewissen spricht; wenn sie einen Menschen nicht einem Land ausliefern wollen, in dem er damit rechnet, Folter, Gewalt, Gefängnis oder gar Mördern ausgesetzt zu werden. Dass ein Jude einen Muslim in sein Gotteshaus aufnimmt, klingt aber noch immer wider jede Gesetzmäßigkeit. Einen Begriff brauchte man bislang nicht.

Wie ist das, in einer Synagoge zu sein, Ashraf?

"Normal", sagt der Muslim, ein Flüchtling aus dem Sudan, "es gibt nur einen Gott."

Wie ist das, einen Muslim in seiner Synagoge beten zu lassen, Herr Seibert?

"Egal, ob Muslim oder Christ, auch Atheist könnte er sein, das interessiert mich nicht", sagt der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Pinneberg, "er ist ein Mensch in Not."

Ihre gemeinsame Geschichte begann an einem Mittwochnachmittag, dem 25. Juni. Wolfgang Seibert steht gerade unter der Dusche, als sein Handy klingelt. Er hat es mit ins Bad genommen, weil er auf einen Anruf wartet, jetzt aber ist jemand von der Unterstützergruppe der Flüchtenden in Heideruh dran. Heideruh ist eigentlich ein Wohn- und Ferienheim in der Nordheide, seit Dezember wohnen dort auch Flüchtlinge. Sie brauchten Hilfe, sagt er, ein Sudanese solle abgeschoben werden. 70, 80 Gemeinden hätten sie abtelefoniert, niemand wolle ihn aufnehmen. So schnell gehe das nicht, hätten sie immer wieder gehört. Es sei aber eilig, die Duldung laufe in ein paar Stunden aus.