Die Ratgeberliteratur hat einen sehr schlechten Ruf. Zumal unter Intellektuellen gibt es Leute, die sofort brüllen, wenn sie das Wort nur hören. Ein bisschen kann man den Zorn verstehen. Erstens gibt es definitiv zu viele Ratgeber. Zweitens erstrecken sie sich auf sämtliche Lebensbereiche, auch auf solche, bei denen es nicht um praktisches Handeln geht (Wäsche stärken, Blumen gießen et cetera), sondern um seelisches Sein (Trauerarbeit, Glücksgefühle et cetera). Das hat schon einen Zug ins Totalitäre. Der Anspruch der NSA, jeden Erdenbürger auszuspionieren, ist nicht so weit entfernt vom Anspruch der Ratgeberliteratur, jeden Mucks des Bürgers zu pädagogisieren.

Das Hauptmodell des Genres ist und bleibt der Erziehungsratgeber. Davon gibt es viel mehr als Sexratgeber. Der elterliche Umgang mit Kindern scheint die wackligste Stelle im zeitgenössischen Leben zu sein, um einiges wackliger als der Vorgang der Herstellung dieser Kinder. Interessanterweise sind auch Scheidungs- beziehungsweise Trennungsratgeber sehr weit verbreitet. Eltern, die Bücher brauchen, um mit ihren Kindern klarzukommen, führen folglich eine Ehe, die mit einem Fuß am Abgrund steht. Seltsam ist, dass noch kein Verlag auf die Idee kam, beides in einem Ratgeber zu bündeln. "Mit Erfolg erziehen und sich trennen" wäre der absolute Renner auf dem Buchmarkt.

Kulturgeschichtlich gibt es, die Ratgeberliteratur betreffend, ein Missverständnis. Zwar erlebt sie in der Gegenwart eine einzigartige Konjunktur. Aber sie ist keine Erfindung der Gegenwart. Bereits im späten 18. und erst recht im 19. Jahrhundert, mit dem Entstehen des bürgerlichen Haushalts, erschienen Schriften, die ihre Leser mit Tipps zu dessen Bewältigung versorgten. Meist ging es dabei um medizinisches Wissen (Wadenwickel, Aufschneiden von Eiterbeulen et cetera). Dies lässt erkennen, dass sich die Idee der Ratgeberliteratur ursprünglich der Aufklärung verdankt. Die historische Ratgeberliteratur ließ den Laien teilhaben am Wissensstand medizinischer Forschung. Das ist ja nichts Schlechtes. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahm die Ratgeberei ihren Bevormundungscharakter an.

Nun kam Dr. Christoph Klein, Facharzt der Orthopädie und in der schönen Stadt Andernach als niedergelassener Arzt tätig, auf die Idee, eine Gesundheitsfibel der guten alten Art zu verfassen. Sie heißt Orthopädie für den Patienten, und es steht wirklich alles drin über Knie, Hüfte, Brustkorb, Wirbelsäule. Es gibt Kapitel über das "Engpass-Syndrom der Schulter" oder die "Haglund-Ferse". Es gibt jede Menge Illustrationen zum Aufbau der Knochen, Sehnen- und Muskelstränge, zu misslichen und vorteilhaften Körperhaltungen. Man kann Wochen in dem Buch schmökern. Nach diesen Wochen erübrigt sich der Gang zum Orthopäden. Denn das Buch ist zwei Kilo und 800 Gramm schwer. Es lässt sich nur mit aufgerichteter Wirbelsäule, angewinkelten Ellbogen und angespannter Oberarmmuskulatur durch die Wohnung tragen.