Ein Arbeiter zertrümmert einen alten Monitor: auf der Müllhalde Agbogbloshie in Ghana. © Follow the Money

Am Anfang unseres Experiments waren diese Bilder vom Ende der Welt. Auf einer brennenden Müllhalde in Afrika steht ein etwa zwölfjähriger Junge in Badeschlappen und stemmt die Bildröhre eines alten Fernsehers in die Höhe. Elektrokabel verschmoren in schwarzem Rauch. Kleine, halb nackte Kinder pulen Kupferdraht aus alten Monitoren. Neben ihnen steigt gelber Dampf auf.

Solche Bilder erscheinen regelmäßig in den großen Zeitungen. Daneben steht dann immer, dass viele Elektrogeräte, die in Deutschland weggeworfen werden, in Afrika landen.

Wie sie dort hinkommen, steht nicht dabei.

Nach Schätzung der Vereinten Nationen produzieren die Deutschen jedes Jahr zwei Millionen Tonnen Elektroschrott. In all den Fernsehern, Computern, DVD-Spielern, Stereoanlagen, Lautsprecherboxen, Kühlschränken, Smartphones stecken giftige Stoffe wie Arsen, Blei, Cadmium, Quecksilber.

Nur 700.000 Tonnen Elektroschrott gelangen jedes Jahr in das bundesrepublikanische Recyclingsystem. Was mit den restlichen 1,3 Millionen Tonnen passiert, weiß niemand. Sie verschwinden einfach. Ein Großteil davon offenbar nach Afrika.

Aber warum? Alte, kaputte Fernseher mehrere Tausend Kilometer übers Meer zu verfrachten kostet viel Geld. Wem nützt es, deutschen Schrott außer Landes zu transportieren? Wer verdient daran?

Unsere Idee: Wir platzieren einen GPS-Peilsender in einem alten, kaputten Fernseher. Wir entsorgen ihn und nehmen dann seine Fährte auf, Meter für Meter. Sollte er tatsächlich in Afrika landen, werden wir erfahren, wie er dort hingelangt. Wir werden herausfinden, durch welche Hände er geht und auf welchem Schiff er fährt. Hinterher werden wir wissen, wie das globale Geschäft mit dem Schrott funktioniert und wer davon profitiert. Das ist der Plan.

Ein Kollege schenkt uns seinen kaputten Röhrenfernseher. Es ist ein silberner Sony Trinitron KV-21FX30E, 55 Zentimeter Bildschirmdurchmesser. Im Jahr 2001 kam er auf den Markt, dem Jahr, in dem es die ersten Fernseher mit LCD-Bildschirm zu kaufen gab. Heute hat kaum noch ein deutscher Haushalt einen Röhrenfernseher. Die Geräte werden seit Jahren nicht mehr verkauft.

Wir verstecken den GPS-Sender in einer der Lautsprecherboxen, gemeinsam mit einer Batterie. Wir wissen nicht, wie lange der Fernseher unterwegs sein wird, deshalb wollen wir sichergehen, dass der Strom notfalls für mehrere Monate reicht. Eine Spezialfirma hat uns mit einem Sender versorgt, den wir tagelang in einen künstlichen Schlaf versetzen können. Das spart Strom. Wird der Fernseher bewegt, wacht der Sender auf und schickt uns seine Koordinaten.

Der bequemste Weg, seinen Elektroschrott loszuwerden, besteht darin, ihn abholen zu lassen. In jeder deutschen Großstadt bieten Dutzende Entrümpler ihre Dienste an. Sie nehmen einem die alten Geräte ab und verlangen nicht einmal Geld dafür. Es ist ein erster Hinweis darauf, dass es Leute geben muss, für die ein kaputter Fernseher mehr ist als nur ein Stück Schrott.

Im Internet stoßen wir auf die Anzeige eines Hamburger Kleinunternehmers: "Kostenlose Abholung auch von defekten und kaputten Geräten", steht da. Dann folgt eine lange Liste: "Waschmaschinen, Kühlschränke, Gefriertruhen, Herde, Trockner, E-Geräte, Musikanlagen, Mikrowellen, DVDs, Computer, Monitore, Elektroschrott, TV (Silber), Flachbildschirme aller Farben. Täglich 9–22 Uhr". Oben rechts steht eine Handynummer.

Wir rufen an. Ein Mann meldet sich, er spricht mit leichtem Akzent, wir vereinbaren einen Termin. Ein paar Tage später, pünktlich zur verabredeten Zeit, klingelt es an der Tür unserer Wohnung in Hamburg-Eimsbüttel.

Der Fahrstuhl rattert zu uns in den vierten Stock. Heraus tritt ein Mann mit grünem Kapuzenpulli und grauer Baseballkappe, er grüßt freundlich. Der Mann schiebt eine Sackkarre vor sich her. Während er den Fernseher auflädt, stellen wir ihm ein paar Fragen.

Holt er viele Elektrogeräte ab?

"Dutzende, jede Woche."

Und was macht er dann mit ihnen?

"Verschrotten."

Bevor der Mann mit unserem Fernseher verschwindet, drückt er uns eine Visitenkarte in die Hand. Links oben die Buchstaben "FMS". Sie stehen für "Farahat Mohamed Saber". So heißt er.

Vom Balkon aus sehen wir, wie Saber unseren Fernseher in einen weißen Lieferwagen lädt. Dann fährt er davon.

Eine knappe halbe Stunde später vibriert unser Handy. Es ist die App unseres Technikpartners. Wir klicken auf die letzte Meldung. Nun werden in einer Tabelle die dazugehörigen Daten angezeigt:

Uhrzeit: 11.30 Uhr und 18 Sekunden.

Längengrad: 10,051106.

Breitengrad: 53,557134.

Über einen Link werden Längen- und Breitengrad automatisch in Google Maps übertragen. Wir sehen einen kleinen Punkt im Osten von Hamburg. Immer dichter zoomen wir uns heran. Bis wir erkennen können: Unser Fernseher befindet sich jetzt rund acht Kilometer östlich von uns, in einer Seitenstraße in Hamburg-Hamm.

Über weitere Signale verfolgen wir, wie Saber mit unserem Fernseher quer durch Hamburg fährt. Verbindet man die verschiedenen Punkte durch Linien, ergibt sich ein Zickzackmuster. Wir vermuten: Saber sammelt noch andere Elektrogeräte ein. Wo aber bringt er sie hin?