Ein Arbeiter zertrümmert einen alten Monitor: auf der Müllhalde Agbogbloshie in Ghana. © Follow the Money

Am Anfang unseres Experiments waren diese Bilder vom Ende der Welt. Auf einer brennenden Müllhalde in Afrika steht ein etwa zwölfjähriger Junge in Badeschlappen und stemmt die Bildröhre eines alten Fernsehers in die Höhe. Elektrokabel verschmoren in schwarzem Rauch. Kleine, halb nackte Kinder pulen Kupferdraht aus alten Monitoren. Neben ihnen steigt gelber Dampf auf.

Solche Bilder erscheinen regelmäßig in den großen Zeitungen. Daneben steht dann immer, dass viele Elektrogeräte, die in Deutschland weggeworfen werden, in Afrika landen.

Wie sie dort hinkommen, steht nicht dabei.

Nach Schätzung der Vereinten Nationen produzieren die Deutschen jedes Jahr zwei Millionen Tonnen Elektroschrott. In all den Fernsehern, Computern, DVD-Spielern, Stereoanlagen, Lautsprecherboxen, Kühlschränken, Smartphones stecken giftige Stoffe wie Arsen, Blei, Cadmium, Quecksilber.

Nur 700.000 Tonnen Elektroschrott gelangen jedes Jahr in das bundesrepublikanische Recyclingsystem. Was mit den restlichen 1,3 Millionen Tonnen passiert, weiß niemand. Sie verschwinden einfach. Ein Großteil davon offenbar nach Afrika.

Aber warum? Alte, kaputte Fernseher mehrere Tausend Kilometer übers Meer zu verfrachten kostet viel Geld. Wem nützt es, deutschen Schrott außer Landes zu transportieren? Wer verdient daran?

Unsere Idee: Wir platzieren einen GPS-Peilsender in einem alten, kaputten Fernseher. Wir entsorgen ihn und nehmen dann seine Fährte auf, Meter für Meter. Sollte er tatsächlich in Afrika landen, werden wir erfahren, wie er dort hingelangt. Wir werden herausfinden, durch welche Hände er geht und auf welchem Schiff er fährt. Hinterher werden wir wissen, wie das globale Geschäft mit dem Schrott funktioniert und wer davon profitiert. Das ist der Plan.

Ein Kollege schenkt uns seinen kaputten Röhrenfernseher. Es ist ein silberner Sony Trinitron KV-21FX30E, 55 Zentimeter Bildschirmdurchmesser. Im Jahr 2001 kam er auf den Markt, dem Jahr, in dem es die ersten Fernseher mit LCD-Bildschirm zu kaufen gab. Heute hat kaum noch ein deutscher Haushalt einen Röhrenfernseher. Die Geräte werden seit Jahren nicht mehr verkauft.

Wir verstecken den GPS-Sender in einer der Lautsprecherboxen, gemeinsam mit einer Batterie. Wir wissen nicht, wie lange der Fernseher unterwegs sein wird, deshalb wollen wir sichergehen, dass der Strom notfalls für mehrere Monate reicht. Eine Spezialfirma hat uns mit einem Sender versorgt, den wir tagelang in einen künstlichen Schlaf versetzen können. Das spart Strom. Wird der Fernseher bewegt, wacht der Sender auf und schickt uns seine Koordinaten.

Der bequemste Weg, seinen Elektroschrott loszuwerden, besteht darin, ihn abholen zu lassen. In jeder deutschen Großstadt bieten Dutzende Entrümpler ihre Dienste an. Sie nehmen einem die alten Geräte ab und verlangen nicht einmal Geld dafür. Es ist ein erster Hinweis darauf, dass es Leute geben muss, für die ein kaputter Fernseher mehr ist als nur ein Stück Schrott.

Im Internet stoßen wir auf die Anzeige eines Hamburger Kleinunternehmers: "Kostenlose Abholung auch von defekten und kaputten Geräten", steht da. Dann folgt eine lange Liste: "Waschmaschinen, Kühlschränke, Gefriertruhen, Herde, Trockner, E-Geräte, Musikanlagen, Mikrowellen, DVDs, Computer, Monitore, Elektroschrott, TV (Silber), Flachbildschirme aller Farben. Täglich 9–22 Uhr". Oben rechts steht eine Handynummer.

Wir rufen an. Ein Mann meldet sich, er spricht mit leichtem Akzent, wir vereinbaren einen Termin. Ein paar Tage später, pünktlich zur verabredeten Zeit, klingelt es an der Tür unserer Wohnung in Hamburg-Eimsbüttel.

Der Fahrstuhl rattert zu uns in den vierten Stock. Heraus tritt ein Mann mit grünem Kapuzenpulli und grauer Baseballkappe, er grüßt freundlich. Der Mann schiebt eine Sackkarre vor sich her. Während er den Fernseher auflädt, stellen wir ihm ein paar Fragen.

Holt er viele Elektrogeräte ab?

"Dutzende, jede Woche."

Und was macht er dann mit ihnen?

"Verschrotten."

Bevor der Mann mit unserem Fernseher verschwindet, drückt er uns eine Visitenkarte in die Hand. Links oben die Buchstaben "FMS". Sie stehen für "Farahat Mohamed Saber". So heißt er.

Vom Balkon aus sehen wir, wie Saber unseren Fernseher in einen weißen Lieferwagen lädt. Dann fährt er davon.

Eine knappe halbe Stunde später vibriert unser Handy. Es ist die App unseres Technikpartners. Wir klicken auf die letzte Meldung. Nun werden in einer Tabelle die dazugehörigen Daten angezeigt:

Uhrzeit: 11.30 Uhr und 18 Sekunden.

Längengrad: 10,051106.

Breitengrad: 53,557134.

Über einen Link werden Längen- und Breitengrad automatisch in Google Maps übertragen. Wir sehen einen kleinen Punkt im Osten von Hamburg. Immer dichter zoomen wir uns heran. Bis wir erkennen können: Unser Fernseher befindet sich jetzt rund acht Kilometer östlich von uns, in einer Seitenstraße in Hamburg-Hamm.

Über weitere Signale verfolgen wir, wie Saber mit unserem Fernseher quer durch Hamburg fährt. Verbindet man die verschiedenen Punkte durch Linien, ergibt sich ein Zickzackmuster. Wir vermuten: Saber sammelt noch andere Elektrogeräte ein. Wo aber bringt er sie hin?

"Hier ist eigentlich alles Schrott"

Nach etwas mehr als zwei Stunden bewegt sich unser Fernseher nicht mehr. Die Signalstärke des Senders, die unsere App ebenfalls anzeigt, hat zugenommen. Offenbar hat Saber den Fernseher aus dem Lieferwagen ausgeladen, er steht jetzt unter freiem Himmel.

Wir fahren dorthin, wo das Signal herkommt: in die Billstraße im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort, knapp fünf Kilometer südöstlich des Hauptbahnhofs. Links schwappt das Wasser eines Kanals. Rechts verlaufen Eisenbahngleise.

Am Anfang der Billstraße stehen gläserne Bürogebäude und riesige Lagerhäuser großer Speditionsunternehmen. Weiter hinten häufen sich garagenartige Import-und-Export-Betriebe. In vergitterten Hinterhöfen stapeln sich alte Waschmaschinen und Kühlschränke. Auf den Gehsteigen stehen Elektroherde und Fernseher. Daneben parken Lastwagen und Kleintransporter.

Auf unserer Handykarte sehen wir zwei Punkte. Der erste ist der Fernseher. Der zweite sind wir selbst. Der zweite Punkt kommt dem ersten immer näher. Wir sind nur noch wenige Meter von unserem Fernseher entfernt.

Wieder ein eingezäunter Hof, wieder vollgestellt mit alten Elektrogeräten. Billstraße 214. Hier muss es sein. Wir gehen durch das Tor. Ein Mann kommt uns entgegen. Er trägt einen grünen Kapuzenpulli und eine graue Baseballkappe. Es ist Saber, der Entrümpler, der unseren Fernseher vor ein paar Stunden abgeholt hat. Wir senken die Köpfe und gehen an ihm vorbei auf das Gelände.

Zwischen einem zerbrochenen Fernseher, einem altmodischen Trimmrad und einer Häagen-Dazs-Kühltruhe sitzen drei Männer mit schwarzgrauen Haaren um einen Plastiktisch und schenken sich Tee aus einer silbernen Thermoskanne ein. Sie schauen uns an.

"Was sucht ihr hier?"

Wir geben vor, nach einem noch funktionierenden Kühlschrank Ausschau zu halten. Die Männer lachen.

"Hier ist eigentlich alles Schrott."

Und wo kommen die Geräte hin?

"Nach Afrika."

Eine bemerkenswerte Auskunft. Denn der Export kaputter Elektrogeräte in Staaten, die nicht der Industrieländer-Organisation OECD angehören, ist in Deutschland verboten. So steht es im deutschen Elektro- und Elektronikgerätegesetz, in Kraft getreten im Jahr 2005. Die Bundesregierung will verhindern, dass die Entwicklungsländer zur Müllhalde für unseren giftigen Schrott werden.

Wie also kann es sein, dass diese Männer so freimütig über etwas reden, das verboten ist?

Unsere Vermutung: Sie exportieren den Schrott nicht selbst nach Afrika. Sie wissen zwar, wo ihre Altgeräte am Ende landen werden, sind aber nur Zwischenhändler. Und der Verkauf kaputter Fernseher innerhalb Deutschlands ist nicht verboten.

Wir schauen uns noch eine Weile auf dem Gelände um. Irgendwo hier, zwischen Monitoren und Mikrowellenherden, muss unser Fernseher stehen. Auf der Rückseite haben wir ihn mit einer Zahl markiert. Doch die Zeit reicht nicht. Die Schrotthändler sind misstrauisch geworden.

Als wir uns als Journalisten zu erkennen geben, kippt die Stimmung. Die Männer lehnen ein Interview ab. Einer ruft: "Jungs, gleich gibt es auf die Fresse!"

Kurz darauf, wir sitzen schon wieder im Auto, schlägt ein Mann von hinten mit voller Wucht gegen die Heckscheibe.

Am Ende des ersten Tages steht fest: Für uns war der kaputte Fernseher wertlos. Für andere aber ist er offenbar ein lukratives Produkt. Farahat Mohamed Saber, der Entrümpler, hat Zeit aufgewandt und Geld für Benzin ausgegeben, um ihn bei uns abzuholen und in die Billstraße zu bringen. Wie viel haben ihm die Schrotthändler dort bezahlt?

Wir rufen Saber noch einmal an. Anders als die Männer in der Billstraße gibt er bereitwillig Auskunft.

Saber ist 42 Jahre alt und stammt aus Ägypten. Vor 16 Jahren kam er nach Deutschland, lernte hier eine deutsche Frau kennen und heiratete sie. Er sagt, er lebe vor allem von Umzügen. "Aber bevor ich zu Hause rumsitze und auf Aufträge warte, sammle ich lieber ein paar alte Fernseher ein."

Zwei bis drei Euro zahlten ihm die Schrotthändler für ein Gerät, sagt Saber. Was wir für Müll halten, hat also durchaus noch einen Wert. Man muss dafür nur ein paar Kilometer weit fahren. In die Billstraße.

Schon am nächsten Tag bekommen wir wieder ein Signal von unserem Fernseher. Er bewegt sich die Billstraße entlang, zurück auf dem Weg, auf dem Saber ihn hergebracht hat. Dann biegt er ab in Richtung Süden. Jemand muss ihn dem Zwischenhändler abgekauft haben.

Von einem anderen Schrotthändler erfahren wir, dass ein Röhrenfernseher in der Billstraße für rund fünf Euro verkauft wird. Der Wert unseres Fernsehers hat sich auf dem Hof des Zwischenhändlers also noch einmal fast verdoppelt. Wer aber hat den Fernseher gekauft? Und wo bringt er ihn hin?

Knapp zehn Kilometer südwestlich der Billstraße kommt der Punkt auf unserem Handy zum Stehen. Unser Fernseher hat eine neue Position: das Rotenhäuser End in Hamburg-Wilhelmsburg.

Wieder fahren wir an Bahngleisen entlang, wieder vorbei an Lagerhallen. Am Ende versperrt uns ein Zaun den Weg. Ein knappes Dutzend großer Container blockieren den Blick. Menschen sind nicht zu sehen.

Auf einmal verlässt ein junger Schwarzer durch eine Lücke im Zaun das Gelände. Dann noch einer. Wir fragen ihn, was er dort gemacht hat.

"Wir beladen Container, die gehen dann nach Afrika".

Und was packen sie in die Container?

"Alles Mögliche."

Auch Fernseher?

"Fernseher, Autos, alles, was man kriegen kann."

Er läuft weiter und verschwindet hinter der nächsten Straßenecke.

Was in Europa kaputt ist, wird in Afrika repariert und weiterbenutzt

Wir gehen auf das Gelände. Auf dem Boden liegen Autoreifen, daneben steht ein alter Kühlschrank. Kaum sind wir am ersten Container vorbei, sprechen uns mehrere Schwarze an. Wieder die Frage, was wir hier zu suchen hätten. Diesmal können wir nicht behaupten, nach einem gebrauchten Elektrogerät Ausschau zu halten. Hier gibt es nichts zu verkaufen. Wir sagen, wir hätten uns verirrt, und gehen zurück zu unserem Auto.

Später kommen wir wieder und lassen am Rande des Geländes eine Drohne mit Videokamera steigen. Von oben erkennt man: Hinter den Containern, die wir von außen gesehen haben, stehen Dutzende weitere. Einige sind mit den Namen großer internationaler Reedereien bedruckt: Maersk aus Dänemark, MSC aus der Schweiz, CMA CGM aus Frankreich.

Wem gehört dieser Platz? Vor Ort finden wir keinen Hinweis. Später recherchieren wir: Das Gelände, ein ehemaliger Güterbahnhof, gehört der Deutschen Bahn. Sie hat es an TWS Deutschland vermietet, eine Tochterfirma des niederländischen Logistikunternehmens Van Uden. In Holland gehört Van Uden zu den ganz großen Spediteuren. Fast jeder sechste Frachtcontainer in Rotterdam und Antwerpen wird von Van Uden befördert.

Am dritten Tag meldet sich unser Fernseher drei Mal innerhalb kurzer Zeit von dem Gelände am Rotenhäuser End: um 10.58 Uhr, um 10.59 Uhr und um 11.01 Uhr. Eigentlich ist der Sender so eingestellt, dass er nur alle paar Stunden ein Signal gibt. Außer: Er registriert Bewegungen.

Allerdings bleiben Längen- und Breitengrad fast unverändert. Wir vermuten: Der Fernseher wird auf dem Gelände umgeladen. Von einem Sammelcontainer, der TWS gehört, wird er in einen Reedereicontainer verladen, mit dem er später verschifft werden soll.

Danach: nichts. Der Fernseher liegt im Container, er kann, solange die Türen verschlossen sind, nicht senden. Vier Tage. Fünf Tage. Zehn Tage.

Wir nutzen die Zeit und nehmen Kontakt zu TWS Deutschland auf. Zunächst zeigt sich das Unternehmen offen, man will uns sogar über das Gelände führen. Nach Rücksprache mit dem Mutterkonzern zieht TWS das Angebot zurück. Ein Besuch von Journalisten könne die afrikanischen Kunden auf dem Sammelplatz verschrecken, heißt es. Zu einem Gespräch aber ist das Unternehmen bereit.

In der TWS-Niederlassung treffen wir Lawal Adigun, einen von vier Mitarbeitern, die das Deutschland-Geschäft organisieren. Im Gemeinschaftsbüro steht eine kleine hölzerne Giraffe, hinter Adiguns Schreibtisch ein Werbeschild des Mutterunternehmens Van Uden. "Cheap Shipment to all African Countries" ist darauf zu lesen. Preisgünstiger Versand in alle afrikanischen Länder.

Auf der Homepage von TWS steht hinter dem Namen Lawal Adigun in Klammern: Eddy. So nennen ihn hier alle. Eddy trägt ein gestreiftes Businesshemd und einen gestutzten Ziegenbart. Er ist 37 Jahre alt und kommt aus Nigeria.

Wir fragen ihn, ob auf dem TWS-Gelände kaputte deutsche Fernseher in Container verladen werden, ob dort also illegaler Elektroschrott für den Export vorbereitet wird.

Eddy antwortet: "Was heißt denn illegaler Elektroschrott?"

Es ist eine Frage, die wie ein Ausruf klingt: Kinder, ihr habt keine Ahnung!

Dann fängt er an zu erzählen. Adigun ist in Lagos aufgewachsen, der größten Stadt Nigerias. Sein Vater arbeitete in einer Geldwechselstube, die Mutter verkaufte Kleider auf einem Markt. Irgendwann, Adigun war noch ein Kind, brachten seine Eltern einen alten Fernseher nach Hause. Natürlich kam der aus Europa. Womöglich war er kaputt, aber was heißt das schon? Stundenlöhne spielen in Afrika keine Rolle. Was in Europa kaputt ist, wird in Afrika repariert und weiterbenutzt. So lange, bis gar nichts mehr zu machen ist.

Illegaler Elektroschrott? Ohne die Altgeräte aus Europa könnten sich Millionen Afrikaner keinen Fernseher leisten. So sieht Eddy die Sache. Damals als Kind hat er auf dem alten Fernseher europäische Serien gesehen. Manchmal lief Derrick.

Natürlich kennt auch Eddy die deutsche Gesetzeslage. Die Afrikaner, die wir auf dem TWS-Gelände gesehen haben, sind seine Kunden. Die Exporteure. Ihnen händigt er Informationsblätter aus, auf denen steht, was erlaubt und was verboten ist. Erlaubt ist die Ausfuhr von funktionierenden Fernsehern, neu oder gebraucht. Verboten ist der Export von kaputten Fernsehern.

Eddy sagt, er überprüfe nicht, ob die Infoblätter gelesen werden, ob sich seine Kunden daran halten. Das sei Sache des deutschen Zolls. Der habe die Container zu kontrollieren.

Hin und wieder schickt Eddy selbst einen Container mit Gebrauchtwaren nach Hause zu seiner Familie. Er sagt: "Ich bin froh, dass so etwas möglich ist." Selbstverständlich seien die Geräte alle funktionstüchtig.

12 Tage. 15 Tage. Unser Fernseher meldet sich immer noch nicht. Dann, am 18. Tag, 18.44 Uhr, plötzlich wieder ein Signal. Der Fernseher bewegt sich. Der Punkt auf unserem Handy hat sich nach Westen verschoben, weg vom TWS-Gelände. Unser Fernseher steht jetzt mitten im Hamburger Hafen. Offenbar wird er bald verschifft.

Noch immer wissen wir nicht, wer ihn gekauft und in den Container geladen hat. Sicher ist nur: Der Käufer hat für den vermeintlichen Schrott in der Billstraße etwa fünf Euro ausgegeben. Außerdem hat er vermutlich die Spedition TWS engagiert. Von Eddy wissen wir, dass seine Kunden in der Regel ein Komplettpaket buchen. Containermiete plus Verschiffung nach Afrika: knapp 2000 Euro. Viel Geld. Andererseits: In einen einzigen Container passen etwa 900 Fernseher. Macht also nur etwa 2,20 Euro pro Gerät.

Das Terminal, auf dem sich unser Fernseher befindet, gehört der Hamburger Hafen und Logistik AG sowie der Reederei Hapag-Lloyd. Mehrere Millionen Container werden hier pro Jahr umgeschlagen. Jeden Sonntag legt ein Schiff der "North Europe–West Africa"-Linie ab, zum Beispiel die Buxlink, ein blauer, zwölf Jahre alter Frachter, 207 Meter lang, der unter liberianischer Flagge fährt und von der japanischen Großreederei Mitsui O.S.K. Lines, kurz MOL, betrieben wird.

"Es ist wie eine Lotterie"

Die Buxlink fasst knapp 2.500 Container. Kurz nachdem unser Fernseher den Hamburger Hafen erreicht, läuft sie dort ein. Riesige Kräne hieven stundenlang Container vom Schiff, laden neue auf. Fahrerlose Transportfahrzeuge flitzen am Kai entlang.

Schon am nächsten Tag legt die Buxlink wieder ab. Zwei Schlepper zerren sie die Elbe hinunter. Rote, gelbe, weiße, blaue, braune Container liegen wie Bauklötzchen auf dem Schiff. In einem von ihnen muss unser Fernseher stecken.

Wo er wohl ausgeladen wird?

Vom Schiff aus kann unser Gerät keine Signale senden. Die dicken Stahlwände der vielen, übereinandergestapelten Container machen eine Ortung unmöglich. Erst wenn der Fernseher an Land ist, werden wir ihn wieder lokalisieren können. Über die Website VesselFinder.com können wir jedoch den Kurs der Buxlink in Echtzeit beobachten.

Einen Tag nachdem sie Hamburg verlassen hat, läuft die Buxlink in den Hafen von Antwerpen ein. Danach durchquert sie den Ärmelkanal, umfährt Frankreich und Spanien und passiert die Kanaren. Nach knapp zwei Wochen legt die Buxlink in Dakar an, der Hauptstadt des Senegals. Keine Nachricht von unserem Fernseher. Dann, 41 Tage nachdem Farahat Mohamed Saber den Fernseher in unserer Hamburger Wohnung abholte, bekommen wir ein neues Signal.

Längengrad: 0,003700.

Breitengrad: 5,627185.

Wir klicken auf den Link, der die Koordinaten auf die Karte auf unserem Handy überträgt. Zuerst sehen wir nur einen roten Punkt, daneben blaues Meer und die Konturen der afrikanischen Westküste. Wir zoomen heran und erkennen: Unser Fernseher wurde in Tema ausgeladen, dem Hafen der ghanaischen Hauptstadt Accra, 5400 Kilometer von Hamburg entfernt. Er ist tatsächlich in Afrika.

Wie typisch ist dieser Weg? Wäre unser Fernseher auch in Afrika angekommen, wenn der Hamburger Hafen nicht so nah wäre? Wenn wir ihn nicht von Farahat Mohamed Saber hätten abholen lassen? Einen Entrümpler wie ihn zu beauftragen ist bequem und legal, aber Saber ist nicht Teil des offiziellen deutschen Recyclingsystems. Dieses nimmt die Hersteller der Elektrogeräte für deren Entsorgung in die Pflicht. Also Konzerne wie Sony, Samsung, Siemens, Apple und Toshiba.

Alte Fernseher können kostenlos bei einem kommunalen Recyclinghof abgegeben werden. Dort holen die Hersteller sie ab und entsorgen sie umweltgerecht. Sie können auch externe Dienstleister beauftragen.

Wir haben deshalb bei einem zweiten alten Röhrenfernseher das Kabel durchgeschnitten, er funktioniert nicht mehr. Auch diesen Fernseher haben wir mit einem GPS-Sender ausgestattet und ihn dann zum Recyclinghof der Stadtwerke Neumünster gebracht, rund 60 Kilometer von Hamburg entfernt. Es gibt dort einen extra Schrottcontainer für Fernseher und Bildschirme. Hier hat alles seine deutsche Ordnung.

Wir landen mit dem Flugzeug in Accra, einer 2,3-Millionen-Einwohner-Stadt fast ohne Hochhäuser. Autos hupen, Kinder betteln, über den Straßen hängt feuchte Hitze.

Bevor wir uns auf den Weg in den Hafen machen, treffen wir Mike Anane. Der 50-jährige Ghanaer arbeitet selbst als Journalist. Vor zehn Jahren fiel ihm ein mit Hunderten Fernsehern gefüllter Schiffscontainer auf. Seitdem beschäftigt er sich mit dem Thema Elektroschrott.

Etwa 500 Container mit elektronischen Geräten erreichten Ghana jeden Monat, sagt Anane. Um Weihnachten herum, wenn die Europäer ihre alten Geräte wegwerfen, weil sie neue geschenkt bekommen, seien es bis zu 1000 Container. Nur ein Teil der Fernseher, Computermonitore, Elektroherde, DVD-Spieler, Handys, Laptops und Kühlschränke bleibt in Ghana. Vieles wird weitertransportiert. Ghana ist neben Nigeria das Elektroschrott-Drehkreuz Afrikas.

Das GPS-Signal verrät uns, dass sich unser Fernseher weiterhin im Hafen von Tema befindet. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einer langen Schlange von Lastwagen vorbei. Einige Fahrer dösen im Schatten einer Akazie. Sie warteten darauf, den Schrott aus Europa nach Accra zu transportieren, erzählt einer. Rund 820 ghanaische Cedi bringe das im Monat, umgerechnet knapp 180 Euro.

Golden Jubilee. So heißt das Terminal, auf dem sich unser Fernseher befindet. Wieder hohe Stapel mit Containern. Wieder ein Zaun. Davor stehen Männer mit Sonnenbrille und grüner Uniform.

In der Hafenbehörde erfahren wir, dass ein Container nur 21 Tage lang kostenlos auf dem Terminal stehen darf. Danach fallen Gebühren an, umgerechnet 50 Euro am Tag. Für die Ladung der Buxlink ist diese Frist bereits seit zwei Tagen abgelaufen. Unser Importeur lässt sich Zeit.

Da sich unser Fernseher nicht bewegt, fahren wir zurück in die Hauptstadt Accra, in die Abeka Road, den Hauptumschlagplatz für Elektroschrott in Ghana. Garagen und Wellblechverschläge sind hier eng nebeneinandergebaut. Geöffnete Seecontainer stehen auf der Straße, gefüllt mit Röhrenfernsehern. Bei manchen ist der Bildschirm zerbrochen, anderen sieht man nicht an, ob sie noch funktionieren.

Zwischenhändler staksen durch die frische Ware, die von den Importeuren direkt aus den Containern verkauft wird. Nach wenigen Stunden ist der Container leer. Meist kaufen die Händler gleich drei, fünf, zehn Fernseher auf einmal, ohne zu prüfen, ob sie noch funktionieren. "Es ist wie eine Lotterie", sagt Mike Anane. Hat der Händler Glück, läuft der Fernseher noch, und er kann ihn direkt weiterverkaufen. Ist er beschädigt, muss er ihn erst reparieren.

Nach vier Tagen in Ghana hat sich unser Fernseher noch immer nicht vom Golden-Jubilee-Terminal wegbewegt. Dafür erhalten wir eine SMS aus Deutschland. Ihr Inhalt: die Nummern von sieben Containern voller Elektroware, die von TWS mit der Buxlink aus Hamburg nach Tema verschifft wurden. Ein Informant aus Deutschland, der anonym bleiben muss, hat sie uns besorgt.

Wieder fahren wir zur Hafenbehörde. Ein Mitarbeiter in einem Vier-Quadratmeter-Büro will uns zwar seinen Namen nicht verraten, gleicht aber bereitwillig unsere Containernummern mit den Nummern in seiner Datenbank ab. Das Ergebnis: Zwei der sieben TWS-Container, die mit der Buxlink gekommen sind, stehen tatsächlich noch auf dem Golden-Jubilee-Terminal, einer auf Stapel D, der andere auf Stapel G. Ihre Nummern: CRSU 9071001 und ZCSU 8796574.

Wem gehören die beiden Container? Wir telefonieren mit einem Mitarbeiter, der in Ghana für Van Uden arbeitet, den niederländischen Mutterkonzern von TWS. Erstaunlicherweise fragt der Mitarbeiter nicht einmal, wer wir sind und warum wir uns für die Container interessieren. Er nennt uns einfach die Namen.

Agbogbloshie war einst Brutgebiet für europäische Zugvögel

Wir wissen nun: Der Importeur von einem der beiden Container, die mit der Buxlink aus Hamburg kamen und noch immer im Hafen von Tema stehen, heißt Sharafa Denn Braimah. Ist er der Mann, der unseren Fernseher in der Hamburger Billstraße gekauft und dann nach Afrika verschifft hat?

Im Internet finden wir den Namen einer Firma in der kleinen Gemeinde Braak in Schleswig-Holstein: Braimatrans, Import und Export von Gebrauchtwagen. Eine Telefonnummer steht nicht dabei.

Wir rufen bei einem anderen Gebrauchtwagenhändler in Braak an. Braimah? "Noch nie gehört", sagt er. Wir probieren es bei den beiden Braimahs, die im Hamburger Raum einen Telefonbucheintrag haben. So stoßen wir auf die Exfrau eines entfernten Cousins von Sharafa Denn Braimah. Sie kann sich an die Namen seiner mittlerweile erwachsenen Töchter erinnern. Wir finden sie bei Facebook, kontaktieren sie. Und bekommen so die Handynummer ihres Vaters.

Eine tiefe Stimme meldet sich. Ja, er habe kürzlich einen Container nach Tema geschickt, sagt Sharafa Denn Braimah. Alles Mögliche sei drin gewesen. "Sofas, Waschmaschinen, Fernseher, Kleidung, alte Schuhe." Er spricht von einem Sammelcontainer. Was das bedeutet? Das sei wie bei einer Mitfahrgelegenheit, sagt Braimah. Einer mietet den Container, die Ware mehrerer anderer Personen fährt mit. Die Fernseher habe einer der "Mitfahrer" gekauft.

Braimah sagt, er sei jetzt 51 und lebe seit 30 Jahren in Deutschland. Bis vor fünf Jahren habe er das Geschäft mit den Gebrauchtwaren professionell betrieben. Aber das sei vorbei. Heute verschiffe er nur noch selten einen Container. "Vielleicht einen im Jahr." Verdient haben will er an dem Container mit unserem Fernseher nichts. "Ein Freundschaftsdienst" sei das gewesen, sagt er.

Die sechste Nacht in Ghana. Früh am Morgen bekommen wir auf einmal ein neues Signal. Der Fernseher hat sich bewegt. Er steht nicht mehr im Hafen von Tema, sondern ist jetzt an der Ecke Abeka Road / George W. Bush Highway in Accra. Das Signal ist sehr stark und präzise, offenbar wurde der Fernseher ausgeladen und steht jetzt unter freiem Himmel.

Als wir die Straßenecke erreichen, wird dort gerade ein Container geleert. Hunderte Fernseher stapeln sich im Schlamm. Unter einem Regenschirm sitzt ein Polizist und beobachtet den Abverkauf. Wir fragen, woher die Ware komme. England. Demnach kann unser Gerät nicht dabei sein.

Wenige Meter weiter aber stehen acht silberne Sony-Geräte neben einer Hauswand. Wir schauen uns die Rückseiten an und entdecken auf einem der Fernseher unsere Markierung. Wir heben ihn hoch, schütteln ihn. Kurz darauf erscheint eine Meldung auf unserem Handy: Das Gerät wurde bewegt.

Wir stellen unseren Fernseher wieder zurück. Wir wollen wissen, wie seine Reise weitergeht.

Noch einmal rufen wir bei der ghanaischen Niederlassung der Spedition Van Uden an. Wir erfahren, dass es tatsächlich Sharafa Denn Braimahs Container war, der in der Nacht das Terminal verlassen hat. Der andere Container steht noch immer dort.

Wenig später beobachten wir aus dem Auto, wie ein Mann unseren Fernseher kauft und ihn auf einen Kleinlaster hebt. Dort stehen schon etwa 20 weitere Geräte. Ein altes Fischernetz hält die Fernseher auf der offenen Ladefläche zusammen. Dann fährt der Mann davon.

Später wird er erzählen, er heiße Naa Sei, sei 27 Jahre alt und besitze einen kleinen Laden gleich um die Ecke, in der Kaneshie-Odorkor Road. Naa Sei hat unseren Fernseher "untested" gekauft, ungeprüft. Er weiß also noch nicht, dass unser Fernseher kaputt ist. Er sagt, er habe 27 Euro für ihn bezahlt.

Auf dem langen Weg vom Schrotthändler in der Hamburger Billstraße zum Zwischenhändler in der Abeka Road in Accra hat sich der Wert unseres Fernsehers also fast versechsfacht. Es ist wie Globalisierung verkehrt: Kakao, Baumwolle, Kaffeebohnen, all das wird von westlichen Unternehmen in Afrika billig eingekauft und mit Gewinn nach Deutschland importiert.

Elektroschrott ist in Deutschland fast wertlos, in Afrika aber kann man damit viel Geld erwirtschaften.

Am Handel mit Kaffee und Baumwolle verdienen Reedereikonzerne und Speditionsunternehmen, er ernährt Hafenarbeiter, Schiffskapitäne und Lastwagenfahrer. Beim Handel mit Elektroschrott ist es ganz ähnlich. Nur dass er zusätzlich auch noch den Herstellern der Fernseher, Computer und Kühlschränke nutzt. Einen Fernseher, der nach Afrika verschifft wird, müssen sie nicht teuer entsorgen. Stattdessen landet er bei einem Händler wie Naa Sei. Es folgt ein Zyklus aus Kaufen und Verkaufen, aus Reparieren und Kaputtgehen. Bis den Fernseher irgendwann auch in Afrika niemand mehr reparieren kann. Dann kommt er nach Agbogbloshie.

Agbogbloshie ist ein Stadtteil von Accra. Der Name ist aber auch ein Synonym für eine der größten Elektroschrott-Halden Afrikas, die in diesem Stadtteil liegt. In Agbogbloshie kommt irgendwann das an, was vom deutschen Elektroschrott übrig ist, wenn er wirklich nur noch das ist: Schrott.

Nach einer Studie des New Yorker Blacksmith Institute gehört Agbogbloshie zu den zehn am meisten verseuchten Orten der Welt, kontaminiert mit großen Mengen an Blei, Cadmium, Quecksilber. Noch vor 15 Jahren war Agbogbloshie ein Brutgebiet für europäische Zugvögel. Heute ist es ein Friedhof für europäische Elektrogeräte.

Und es ist der Arbeitsplatz von Menschen wie Isahak Ivshan.

Er ist 26 Jahre alt, schmal und sehnig und trägt ein gefälschtes Trikot des englischen Vereins Manchester United. Auf der Brust steht eine 7, auf dem Rücken der Name Ronaldo. Es ist ein altes Trikot, der portugiesische Superstar Cristiano Ronaldo spielt seit fünf Jahren in Madrid. Isahak hat seltsame bläulich schimmernde Bläschen auf der Stirn. Wenn er redet, dann tut er das sehr langsam, und es faucht dumpf aus seiner Lunge.

Isahak ist ein Bauernsohn aus einem ghanaischen Dorf an der Grenze zu Burkina Faso. Seine Eltern bauen Yamswurzeln und Mais an. Früher hat die Ernte die Familie ernährt. Aber dann blieb immer öfter der Regen aus, und Isahak Ivshan und seine drei Brüder gingen nach Accra. Jetzt arbeiten sie in Agbogbloshie.

In Ghana sind Röhrenfernseher wertvoll

Jeden Morgen um fünf Uhr steht Isahak auf und läuft mit einer Sackkarre von seiner Wellblechhütte in der Nähe der Müllkippe knapp zehn Kilometer in die Abeka Road. Dort kauft er drei oder vier Fernseher, die so kaputt sind, dass sie sich nicht mehr reparieren lassen. Etwa 75 Cent bezahlt er pro Stück. Mit den Fernsehern läuft er zurück zur Müllkippe von Agbogbloshie.

Irgendwo auf dem Schrottberg lädt er sie ab. Mit einem Hammer schlägt er die Fernseher auf, er reißt die Bildröhre heraus und das Weißblech, die Platine und die Elektrokabel, er entwirrt die Kupferdrähte. Das Gehäuse wirft er weg. Manchmal ist der Bundesadler darauf eingeprägt. Zum Beleg dafür, dass die deutsche Strahlenschutzverordnung eingehalten wird.

Um Isahak herum stehen andere Männer, die andere Elektrogeräte ausweiden. Überall brennen kleine Feuer, mit denen die Müllarbeiter das Plastik der Geräte schmelzen, um an das wertvolle Metall zu gelangen. Als Anzünder dient Isolierschaum aus kaputten Kühlschränken. Fünfjährige wühlen barfuß in Bergen aus Kunststoff und Glas. Ihre Beine sind zerschnitten und entzündet. Sie versuchen kleinste Kupferreste aufzuklauben. Eine junge Mutter verkauft auf der Müllkippe Wasser. Ihr Baby trägt sie auf dem Rücken durch den Rauch.

Die Kabel aus dem Fernseher überlässt Isahak den Kindern. Die werfen sie in die Flammen, damit die Kunststoffverkleidung schmilzt und das Kupfer übrig bleibt.

Für die Innereien eines Fernsehers bekommt Isahak 1,25 Euro. An einem Fernseher verdient er also 50 Cent. An guten Tagen schafft er zehn Fernseher. Jeden Tag atmet er ein giftiges Gemisch aus Cadmium, Antimon und Dioxinen ein.

Gut möglich, dass die Metalle, die Isahak aus den Fernsehern löst, einst aus Afrika kamen. Kupfer aus Sambia und dem Kongo, Palladium und Nickel aus Südafrika verwendet man für die Herstellung von Drahtspulen, Leiterplatten und Kondensatoren. In Europa, Asien und Amerika werden diese Teile in Laptops, Kühlschränke und Fernseher eingebaut.

In Agbogbloshie kommen die Rohstoffe wieder zum Vorschein. Dann verkaufen die Afrikaner sie zurück nach Europa, Asien und Amerika. Wieder verdienen Zwischenhändler, Speditions- und Reedereiunternehmen. Auch der Handel mit den recycelten Metallen ernährt Hafenarbeiter, Schiffskapitäne und Lastwagenfahrer. Wieder profitieren auch die Herstellerkonzerne. Die erneute Verwendung der Rohstoffe hält die Preise niedrig.

In der Zwischenzeit haben wir Nachrichten aus Deutschland bekommen, von unserem zweiten Fernseher, den wir zu dem Recyclinghof in Neumünster gebracht hatten. Er ist immer noch in Neumünster und steht jetzt bei der Behrendt Electronic Recycling GmbH. Der 1903 gegründete Familienbetrieb gibt an, "namhafte Hersteller und Unternehmen aus der Elektronik-, Kommunikations- und Informationstechnologie" zu seinen Kunden zu zählen. Ihnen bietet Behrendt ein "integriertes Entsorgungsverfahren für jede Art von Elektroschrott" an. Bei unserem zweiten Fernseher scheint also alles in Ordnung zu sein.

Accra, zwei Tage später: neue Signale von unserem ersten Fernseher, der noch nicht kaputt genug ist für Agbogbloshie. Die Signale kommen vom Accra-Tema Motorway. Der Fernseher bewegt sich die Küste entlang nach Osten, dann biegt er ab in Richtung Norden, ins Landesinnere.

350 Kilometer nördlich von Accra kommt der Punkt auf unserem Handy zum Stehen. Unser Fernseher ist in Dambai, einer kleinen Stadt am Oti-Fluss, deren Bewohner hauptsächlich vom Fischfang leben.

Ibrahim Umar, 34, betreibt hier seit zehn Jahren einen kleinen Laden. Vom Wellblechdach hängen T-Shirts. Darunter stehen Ventilatoren. Weiter hinten hat er die Fernseher aufeinandergestapelt. Von hier kam das letzte Signal.

Aber unser Fernseher ist nicht mehr da.

Umar sagt, er fahre regelmäßig nach Accra, um dort Fernseher einzukaufen. Am liebsten Geräte aus Deutschland. "Bei denen sieht die Außenverkleidung meist tadellos aus. Fernseher aus England sind viel abgenutzter und schwerer zu verkaufen."

Bei seiner letzten Fahrt habe er sieben Fernseher erstanden, auch ein silberner Sony Trinitron sei dabei gewesen. Aber den habe er schon weiterverkauft.

Hat das Gerät denn funktioniert?

"Ja, einwandfrei", sagt Umar. Er habe den Fernseher "tested" gekauft, er durfte vorher ausprobieren, ob der Fernseher läuft. Der junge Mann, der ihn an der Ecke Abeka Road / George W. Bush Highway für 27 Euro gekauft hat, muss den Trinitron repariert haben.

Umar hat für den wieder funktionsfähigen Fernseher 70 Euro gezahlt. In Deutschland ein undenkbarer Preis für einen alten Röhrenfernseher. In Ghana aber sind Röhrenfernseher wertvoll. Die modernen Flachbildgeräte vertragen die häufigen Stromausfälle nicht.

Wo aber ist unser Fernseher nun? Ist die Batterie des GPS-Senders leer? Steht das Gerät hinter dicken Mauern? Umar sagt, er habe den Fernseher schon weiterverkauft. An eine Familie hier in Dambai. Den Namen will er nicht nennen, den Preis ebenso wenig. Er bietet aber an, unseren Fernseher zurückzuholen. Ein paar Stunden später ist er wieder da. 100 Euro möchte Umar nun für das Gerät haben. Wir willigen ein. Wir wollen nicht, dass unser Fernseher die Müllkippe von Agbogbloshie vergrößert. Denn dort würde er höchstwahrscheinlich irgendwann landen, selbst wenn er erst einmal weiterbenutzt wird. Die ghanaische Umweltbehörde geht davon aus, dass drei Viertel aller importierten Elektrogeräte in Agbogbloshie enden.

Nach 77 Tagen und 2.600 Funksignalen gehört der Fernseher wieder uns. Er funktioniert jetzt wieder. Per Schiff schicken wir ihn zurück nach Hamburg.

Am selben Tag, an dem wir unseren ersten Fernseher in Ghana zurückkaufen, bekommen wir ein Signal von unserem zweiten Fernseher, den wir am Recyclinghof Neumünster abgegeben hatten und der dann beim Entsorgungsfachbetrieb Behrendt angelangt war. Lange Zeit hatte er sich nicht bewegt. Nun ein Signal aus Hamburg-Wilhelmsburg, nicht weit entfernt vom Hamburger Hafen. Die Firma Behrendt teilt später mit, sie habe das abgeschnittene Kabel ersetzt. Damit wäre der Fernseher nach deutschem Recht nicht mehr kaputt, dürfte also exportiert werden. Obwohl auch solche Geräte mit hoher Wahrscheinlichkeit am Ende auf einer wilden Deponie wie Agbogbloshie landen.

Noch einmal 48 Tage darauf ein neues Signal:

Längengrad: 3,191230.

Breitengrad: 6,457621.

Das Signal kommt aus der Stadt Oje, knapp 35 Kilometer von der nigerianischen Hauptstadt Lagos entfernt. Unser Fernseher befindet sich ganz in der Nähe des Alaba International Market. Es ist der landesweit größte Umschlagplatz für alte Elektrogeräte.

Bedauerlicherweise ist uns in der Print-Version dieses Textes ein Fehler unterlaufen. Durch einen Irrtum beim Redigieren stand im Text, dass in Ghana beim Ausweiden
alter Fernseher Kupferreste übrig bleiben, die dann mit Magneten aufgeklaubt werden. Kupfer ist nicht magnetisch. Für die Online-Veröffentlichung wurde das korrigiert (red).