Krieg, Krieg, Krieg. Im Mittleren und Nahen Osten frisst er sich von Land zu Land, die chinesische See droht er zu vergiften, in der Ukraine wirft er seinen schwarzen Schatten über Europa.

Das International Institute for Strategic Studies zählt derzeit 41 bewaffnete Konflikte in der Welt, und momentan hat man den Eindruck, jede Woche käme ein neuer dazu: Ukraine, Syrien, Irak, Jemen, Libyen, Nigeria, und erneut Israel und Palästina.

Vor wenigen Jahren noch redeten Politiker, Diplomaten und Konfliktforscher von einer neuen Ära nach dem Kalten Krieg, von einer Epoche der Abrüstung, der Friedensdividende und zivilen Konfliktlösung. Schlichtung statt Schlacht. Und jetzt? Wird die Hoffnung auf eine friedliche Welt endgültig zur Illusion? Gehört der Krieg zum Menschen?

Ja, behauptet der britische Historiker Ian Morris in seinem vor Jahresfrist erschienenen Buch mit dem provozierenden Titel Krieg. Wozu er gut ist. Krieg, schreibt er, habe dazu geführt, dass große Staaten und Reiche entstanden seien. Und je größer ein gesellschaftlicher Verband, desto seltener die mörderische Gewalt zwischen den Individuen.

In dieser Überlegung steckt die Theorie des englischen Aufklärers Thomas Hobbes vom Gewaltmonopol: Der Bürger trete seine Gewaltmittel an den Staat ab, der dafür Sicherheit und Schutz des Eigentums garantiere. Und über lange Zeiträume betrachtet, ist mit dem Aufkommen des Gewaltmonopols großer Staaten tatsächlich die Wahrscheinlichkeit gesunken, mit der ein Individuum eines gewaltsamen Todes stirbt. In "produktiven Kriegen", schreibt Morris, erstarke dieser Hobbessche Staat, ein besseres Mittel für die Zivilisierung der Menschen habe die Geschichte nun einmal nicht hervor gebracht. Sein klassisches Beispiel ist die Pax Romana. Doch auch heute existierende, zivilisierte Staaten wie beispielsweise der französische sind aus Kriegen hervorgegangen.

Syrien ist nach drei Jahren furchtbarer Gewalt faktisch zerfallen

Der Haken an Morris’ These ist, dass man sie nicht überprüfen kann. Es ließe sich genauso gut behaupten: Die tödliche Gewalt zwischen Menschen hat in den vergangenen Jahrhunderten nicht wegen, sondern trotz der Kriege abgenommen. Der Frieden ist der Normalfall, der immer wieder von kriegerischen Katastrophen unterbrochen wird. Aus dieser Sicht ist der Krieg kein produktives, sondern immer ein störendes, ein zerstörendes und verrohendes Ereignis, das unbedingt verhindert werden muss. Denn er erzeugt neue Gewalt. Siege verleiten zur Selbstüberschätzung, Niederlagen säen Revanchegelüste, die Gewöhnung an das Töten brutalisiert eine Gesellschaft.