Präsident Barack Obama hat sich bei Bundeskanzlerin Angela Merkel für die Überwachung ihres Handy entschuldigt. Diese Entschuldigung war richtig. Deutschland ist einer der engsten und wichtigsten Verbündeten der USA. Bündnisse beruhen auf Vertrauen – einem Vertrauen, das dieser Vorfall erschüttert hat. Beide Länder müssen nun darüber nachdenken, wie es wieder aufgebaut werden kann.

Stattdessen vergrößert Merkel gerade den Graben zwischen den Bündnispartnern. Ihre Reaktionen, wie etwa, den Berliner CIA-Vertreter auszuweisen, sind bedenklich.

Die Geheimdienstgemeinschaft der Nato ist ein Club mit abgestufter Mitgliedschaft. Ganz oben stehen die sogenannten Five Eyes: die USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland. Diese Länder, englischsprachig und Verbündete in zwei Weltkriegen, teilen fast alle ihre Geheimdienstinformationen miteinander. Sie betreiben ihre Abhörstationen gemeinsam und haben sich verpflichtet, niemals einander auszuspionieren. Deutschland wurde wiederholt eingeladen, den Five Eyes beizutreten, hat aber stets abgelehnt.

Deutsche Gesetze begrenzen die Art der Informationen, die Geheimdienste mit ihren Verbündeten austauschen dürfen. Dazu gehören Informationen, die einem Schlag per Drohne dienen könnten. Die Five Eyes dagegen geben Informationen uneingeschränkt an Deutschland weiter.

Der wichtigste Grund für die USA, in Deutschland zu spionieren, ist es, mehr Informationen über russische Spionage in Deutschland zu sammeln. Ein ranghoher US-Geheimdienstler ließ sich unlängst mit der Sorge über russische Maulwürfe beim BND zitieren: "Über die Jahren hatten wir schwerwiegende Probleme mit der Spionageabwehr (der Deutschen, d. Red.) ... Manchmal sind ihre Probleme größer, als sie zugeben wollen."

Diese Probleme würden noch gefährlicher, wenn Deutschland ein "Sixth Eye" werden sollte. Die Five Eyes geben Rohdaten in Echtzeit weiter, ohne die vorherige Genehmigung von Regierungsbeamten. Solche Geheimdienstinformationen geben nicht nur preis, was die Five Eyes wissen, sie zeigen auch, "wie" sie etwas wissen, welche Fähigkeiten sie in welchem Umfang besitzen. Niemand kann es sich leisten, dass eine feindselige Macht, so wie Wladimir Putins Russland, Zugriff auf diese Informationen erlangt. Deshalb müsste die Bundesrepublik zunächst ihre Spionageabwehr stärken, insbesondere gegen russische Spione, bevor sie den Eyes beitreten könnte.

Genau dies hat die Kanzlerin aber ausgeschlossen. "Wir leben nicht mehr im Kalten Krieg, in dem wahrscheinlich jeder jedem misstraut hat", sagte sie kürzlich. Das wiedervereinigte Deutschland zieht es vor, seine Zukunft primär in den Institutionen des vereinten Europa zu suchen, das transatlantische Bündnis ist dagegen sekundär. Es glaubt weiterhin, dass seine Beziehungen zu Russland sich kooperativ entwickeln werden. Selbst jetzt, da sich zeigt, dass Russlands Absichten nicht so harmlos sind, wie man in den neunziger Jahren gehofft hat, ziehen viele Deutschen es vor, dies zu ignorieren.

Ist Deutschland Teil des Westens? Oder kann es einen Sonderweg zwischen Osten und Westen einschlagen? Seit Details über amerikanische Spionage in Deutschland aufgeflogen sind, ist diese Frage akut geworden. Geheimdienstarbeit bedeutet Sicherheit. Um sich und ihre Verbündeten zu beschützen, müssen die USA Wissen ansammeln. Vieles davon innerhalb Deutschlands. Entweder die USA können dabei auf die volle Kooperation Deutschlands zählen – oder sie werden handeln, um dieses Wissen selbst in Erfahrung zu bringen.