Jede amerikanische Lesergeneration des 20. Jahrhunderts erhob einen Anspruch auf the great American novel. Und gleich braven Gehirnsoldaten erfüllten die besten oder zumindest erfolgreichsten Dichter ihrer Zeit diese intellektuelle Wehrpflicht. Von Dreiser über Fitzgerald, von Dos Passos und Steinbeck über Mailer und Updike bis zu Roth, Morrison oder Ford – die Prosa-Arbeiten am amerikanischen Mythos der exceptional nation mitsamt ihren Brüchen und Abgründen, ihren Schönheiten und Absurditäten setzten literarische Maßstäbe in aller Welt.

The great American novel des jungen 21. Jahrhunderts ist allerdings ein Sachbuch. George Packers Die Abwicklung gleicht der Vivisektion einer Nation von fast 320 Millionen Menschen mitten in ihrer sozialen, ökonomischen, politischen und normativen Auflösung. Die Roosevelt-Republik mitsamt ihrer staatlichen Daseinsfürsorge, ihren Gewerkschaften und Einhegungen monopolistischer und finanzwirtschaftlicher Machtansprüche löst sich seit mehr als zwei Jahrzehnten auf. Packer: "Die Lücke schloss eine Macht, die in Amerika immer zur Stelle ist: das organisierte Geld."

Statt sublimierter dichterischer Widerspiegelung von amerikanischen Gemütszuständen, Mittelstandsängsten oder enttäuschten Aufstiegshoffnungen von Autoverkäufern (Updikes Rabbit) oder Grundstücksmaklern (Fords The Lay of the Land) erzählt der Reporter des New Yorker mit scharfem soziologischem Blick 14 Biografien prominenter und unbekannter Landsleute. Eingebettet sind ihre Lebensläufe in den radikalen ökonomischen und mentalen Wandel ihrer jeweiligen städtischen oder ländlichen Umwelt – vom Silicon Valley bis zur urbanen Apokalypse kreditfinanzierter Stadtgründungen in Florida oder Kalifornien.

Unter Packers exemplarischen Amerikanern finden sich Bill und Hillary Clintons Nemesis, Newt Gingrich, eine ehebrecherische Charaktermaske, der als populistischer Oppositionsführer den US-Präsidenten in der Lewinsky-Affäre an den Rand seiner Absetzung drängte. Oder die Milliardärin und Authentizitäts-Imitatorin Oprah Winfrey, deren TV-Selbstvermarktung auf eine treue Anhängerschaft von acht Millionen grundlos hoffnungsvollen Zuschauerinnen setzen kann. Oder der erbarmungslose Erfinder der Supermarktkette Wal-Mart, Sam Walton, dessen sechs Erben heute genauso viel Vermögen besitzen wie die unteren 30 Prozent der amerikanischen Gesellschaft. Oder der erste schwarze Generalstabschef und spätere Außenminister Colin Powell. Sein soldatisches Pflichtbewusstsein verführte ihn wider besseres Wissen zur Rechtfertigung des zweiten Irakkriegs. Seitdem schläft er schlecht. Packer: Colin Powell, "das Vorzeigeprodukt der großen amerikanischen Institutionen, versuchte, innerhalb der institutionellen Strukturen zu funktionieren, und er merkte nicht, dass sie längst gescheitert waren. Die Regierung war durchsetzt mit Ideologen und Handlangern, die für die tragenden Institutionen nur Verachtung übrig hatten. Er sah nicht, dass sie ihn isoliert hatten, dass er geschlagen war. Der beliebteste Politiker Amerikas war allein."

Der naheliegende Vorwurf, einem globalen Antiamerikanismus Vorschub zu leisten, prallt an dem Autor ab. Seine kritische Bestandsaufnahme der Vereinigten Staaten speist sich aus den demokratischen Versprechen der amerikanischen Verfassungsgeschichte – Gleichheit vor dem Gesetz, Gerechtigkeit vor Gerichten, pluralistische Repräsentation aller Bürger in den Parlamenten und im Senat. An diesen Versprechen misst Packer die Realität seines Landes. Er ist ein konservativer Analytiker, dem die Enttäuschung angesichts der verheerenden Lebensumstände in den verrottenden Kommunen ehemaliger Industriezentren im Mittelwesten die Feder führt.

Die journalistische Exzellenz des Autors beweist sich in den Biografien bis dahin völlig unbekannter Opfer der rasanten Deindustrialisierung des Mittelwestens. Da ist Tammy Thomas, die im Schwarzenghetto der Stahlstadt Youngstown in Ohio aufgewachsen ist: Ihr Vater machte sich aus dem Staub, die Mutter konsumierte Drogen, der Großvater war heroinsüchtig, die Großmutter, die sie aufzog, arbeitete bis ins 70. Lebensjahr als Putzfrau. Tammy fand nach der Schule Arbeit in einer der Stahlfabriken von Youngstown – doch in den achtziger Jahren schlossen sie in ganz Amerika ihre Tore, verlagerten die Produktion in Billiglohnländer, und für die absehbaren sozialen Folgen dieses Strukturwandels gab es keinerlei Rettungspläne. Youngstown wurde zur Beute von Drogendealern und Mafiosi. In die verkommenen Häuser der Industriestädte zogen Kakerlaken und Junkies ein. Der langjährige Kongressabgeordnete von Youngstown, James Traficant, entpuppte sich als korrupter Mafioso und landete im Gefängnis.