Packer schildert den exemplarischen Überlebenskampf von Tammy Thomas: Das kleine gewerkschaftliche Rettungsfloß versank, politische Eigeninitiativen führten zu nichts, der Erzeuger ihres ersten Kindes verschwand, die nächsten zwei wuchsen ebenfalls ohne Vater auf. Tammy Thomas aber gab nicht auf – heute wohnt sie in Florida und hat Arbeit gefunden. Dies alles erzählt Packer ohne jene unbewusste Herablassung, die manche klassische Sozialreportage charakterisiert, sondern mit einer empirischen Nüchternheit, die beim Leser fassungslosen Zorn ob der Herzenskälte von Wirtschaft und Politik evoziert.

Bruce Springsteens jüngster Hit We Take Care of Our Own taugt für die amerikanische Marineinfanterie, nicht aber für die Millionen Verlierer am unteren Ende einer Gesellschaft ohne Solidarität, gefesselt an den überholten Mythos einer Pioniergesellschaft aus Einzelkämpfern. Deren Nachfahren wohnen jetzt in New York, an der Wall Street, vertreten durch Tausende von Lobbyisten in Washington, D. C. Bisweilen besetzen sie auch die mächtigsten Posten im amerikanischen Kabinett. "Zwischen 1998 und 2004 wechselten 42 Prozent der nicht wieder gewählten Kongressabgeordneten sowie die Hälfte der Senatoren in die Lobbyarbeit."

Einer dieser Drehtür-Politiker mit maßgeblichem Einfluss auf die fiskalische und finanzpolitische Entwicklung der Vereinigten Staaten war Robert Rubin. Bill Clinton hatte den Partner der Investmentbank Goldman Sachs 1992 in sein Kabinett berufen. Er wurde Leiter des neu geschaffenen Nationalen Wirtschaftsrats und drei Jahre später Finanzminister. Rubins Wall-Street-Biografie verschaffte ihm Respekt und Einfluss. Im Kompetenzsog der Wall Street kappte die Clinton-Regierung seit Jahrzehnten bewährte Bankenregulierungen und entzog dem giftigen Derivatehandel die staatliche Aufsicht. Die Banken und ihre Großkunden hatten die Wahlkämpfe der Demokraten finanziert, jetzt hieß es: payback time.

Rubin wechselte 1999 in den Vorstand von Citigroup (Jahresgehalt: 15 Millionen Dollar plus Bonus und Aktienoptionen). Die Bank investierte in Kreditausfallversicherungen (CDOs) im Wert von 34 Milliarden Dollar. Bei Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 stellten sie sich als mehrheitlich wertlos heraus. Die Verluste beliefen sich auf 65 Milliarden Dollar. Die Bank wurde mit Steuergeld gerettet. Packer: "Rubin hatte seine ganze Karriere damit zugebracht, seine eigenen Interessen und die der Wall Street mit denen des Landes zu harmonisieren. Als er 2008 erkannte, dass das nicht möglich war, tauchte er unter."

Die Abwicklung landete vor einem Jahr auf diversen Bestsellerlisten und erhielt den National Book Award. Als wäre der Autor über seine eigene Analyse erschrocken, hat er seinem Buch ein begütigendes Vorwort vorangestellt: "Abwicklungen verheißen Freiheit ... Es ist die Freiheit fortzugehen, die Freiheit zurückzukehren, die Freiheit, sich neu zu erfinden ... Gewinnen und verlieren, das ist das große amerikanische Spiel, und in der Abwicklung ist der Gewinn größer als je zuvor, die Gewinner entschweben wie riesige Luftschiffe, und die Verlierer fallen tiefer und tiefer, und manche kommen niemals unten an." Vielleicht liegt das daran, dass das Loch noch viel, viel tiefer ist, als der Autor selbst es ahnt.