Als ich mit unserem jüngsten Sohn schwanger war, war ich knapp 35 Jahre alt. Als sogenannte Risikoschwangere unterzog ich mich auf Empfehlung meines Arztes einem Fruchtwassertest. In den Tagen bis zum Ergebnis habe ich oft überlegt und mit meinem Mann und meiner Familie diskutiert, was wäre, wenn eine Behinderung festgestellt würde. Wie würden wir uns dann entscheiden? Ich konnte in dieser Zeit der Ungewissheit ansatzweise nachfühlen, was die Feststellung "Ihr Kind kommt mit einer Behinderung auf die Welt" für die betroffenen Eltern bedeutet.

Eine solche Botschaft stellt die Welt auf den Kopf. Alles ist anders als vorher. Es gibt viele Fragen, Sorgen, Nöte, aber auch positive Erfahrungen, die Eltern von sogenannten nicht behinderten Kindern so sicher nicht machen. In Deutschland hat sich über viele Jahre ein breites Unterstützungsnetzwerk und System von Hilfen aufgebaut – angefangen von der Frühförderung über Tagespflegestätten für schwerstmehrfachbehinderte Menschen, über differenzierte Förderschulen bis hin zu beschützenden Werkstätten und integrativen Betrieben – von der klassischen Eingliederungshilfe also bis zur individualisierten Unterstützung. Es ist ein beachtliches System, das sich dort in vielen Jahrzehnten unter tätiger Initiative und Mithilfe gerade von Betroffenen und Ehrenamtlichen entwickelt hat – auch wenn es dabei immer noch vieles zu verbessern gibt.

Jetzt wird dieses Netz zunehmend infrage gestellt. Das neue Konzept lautet: Inklusion, die Eingliederung behinderter Kinder in allgemeine Schulen. Die Inklusion ist nach meiner Wahrnehmung das polarisierendste Thema in der aktuellen innenpolitischen Debatte. Dahinter verbirgt sich die Frage, ob Deutschland nach der Übernahme der UN-Konvention über Rechte von Menschen mit Behinderungen sein bisheriges System beibehalten kann und ob das bisherige System überhaupt geeignet und darauf angelegt war, Menschen mit Behinderungen die volle Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen. Brauchen wir, kurzum, eine völlige Umkehrung der bisherigen Praxis?

Radikale Stimmen finden sich in dieser Debatte auf beiden Seiten. Inklusionsbefürworter lehnen puristisch jede Sondereinrichtung von Werkstätte bis Förderschule ab. Vehemente Gegner beharren auf deren bedingungs- und alternativloser Beibehaltung. Wahlweise hält man sich grenzenlose Naivität vor oder glaubt, die Menschenrechte vor Inklusionsskeptikern retten zu müssen.

Und mittendrin in der meist ideologisch geführten Diskussion stehen, mehr als Objekte denn als Subjekte, die Eltern und ihre Kinder. Mussten sie sich in Zeiten von pränataler Diagnostik vielleicht schon für ihre Entscheidung rechtfertigen, ein Kind mit Behinderungen auf die Welt zu bringen, so sehen sie sich jetzt mit ihren Entscheidungen wieder im Blickpunkt der interessierten Öffentlichkeit.

Versündigt man sich an seinem Kind, wenn es die Förderschule besucht? Setzt man es halb garen Bildungsexperimenten aus, wenn man sich für eine inklusive Beschulung entscheidet?

Die individuelle Situation und Entscheidung der einzelnen Familien bleibt in einem solchen Umfeld keine rein persönliche Angelegenheit. Familien mit behinderten Kindern werden so vor allem zu Projektionsflächen für gesellschaftliche und politische Auseinandersetzungen.

Dort, wo eigentlich maßgeschneiderte individuelle Unterstützung der Betroffenen nötig wäre, greifen zunehmend unversöhnliche Positionen und der Wettlauf um vermeintlich beste Inklusionsquoten um sich. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dabei der gesunde Menschenverstand, ein nüchterner Blick für Möglichkeiten und Zeitkorridore und vor allem die Bedürfnisse der Betroffenen auf der Strecke bleiben.

Die Debatte um die Inklusion in Deutschland ist eine Debatte um Maßstäbe. Was ist für uns normal und was nicht? Warum sind eigentlich "normale" Parkplätze so eng, dass Einparken mit Stress verbunden ist? Warum sind nur die sogenannten Behinderten- oder, um eine neue Kategorie einzuführen, Seniorenparkplätze angemessen breit? Hätten alle Parkplätze die Breite, wäre es für alle bequemer.

Warum sind Behördenschreiben so kompliziert, dass sie meistens erst nach mehrmaligem Lesen zu verstehen sind, wenn überhaupt? Warum ist die "einfache Sprache" nicht das Leitbild? Warum sind Treppen die Regel und barrierefreie Zugänge die Ausnahme?