Sein ganzes Bankdepot hat er aus Wut abgezogen. Rentner B. aus Salzgitter, 75 Jahre alt, ist immer noch empört. Nie sei er mit seiner Geldanlage leichtsinnig gewesen, sagt er. Bis sein Berater bei der Dresdner Bank mit einem vermeintlich tollen Angebot auf ihn zugekommen sei. Sie beide seien sich sicher gewesen, dass es kein Risiko berge. "Das Gebäude steht doch mitten in der City, war voll vermietet, was sollte denn da schiefgehen?", sagt der Rentner. Jetzt sind die 12.500 Euro, die er investiert hat, wohl weg.

Das Gebäude, das ist The Gherkin, die "Gurke", ein markanter, gläserner Wolkenkratzer mitten im Finanzdistrikt von London, 41 Stockwerke hoch, erbaut vom Stararchitekten Sir Norman Foster. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass solch eine Ikone zum Problem werden kann – doch genau das ist geschehen. Die Gurke steht unter Zwangsverwaltung. Einige der Banken, die ihren Kauf finanziert haben, pochen auf eine Rückzahlung ihrer Darlehen. Und Tausende deutscher Kleinanleger, die sich ebenfalls beteiligt haben, werden aller Voraussicht nach fast ihren gesamten Einsatz verlieren.

Im Jahr 2007 wurde die Gurke von zwei Investoren gekauft. Einer davon war die deutsche Immobiliengesellschaft IVG. Sie holte sich das Geld für den Kauf zu einem Teil über Kredite, die sie bei Banken aufnahm, zum anderen Teil über einen geschlossenen Immobilienfonds. Mehr als 9000 deutsche Kleinanleger investierten in diesen Fonds und wurden damit zu Miteigentümern der Gurke. Rentner B. war einer von ihnen. Ihm droht heute der Totalverlust. Die Banken wollen den Verkauf der Gurke, und wenn es dazu kommt, wird der Erlös wohl für die Rückzahlung ihrer Kredite reichen, nicht aber für Rentner B. und seine Leidensgenossen. Das Geld der Privatleute "ist futsch", sagt ein beteiligter Banker.

Aus Sicht der deutschen Anleger ist das Ganze ein Skandal, für den sie heute den Preis zahlen. Ein Lehrstück darüber, wie sich im Immobilienboom Größenwahn mit Nachlässigkeit paarte. Ihr Argument: Die Immobiliengesellschaft IVG hätte die Anleger auf die Risiken hinweisen müssen, habe aber selbst nicht geahnt, welche Gefahren der Deal tatsächlich barg. Auch die Dresdner Bank und die Deutsche Bank – die zwei Institute, die den Fonds der IVG an die Kunden vermittelten und bei Kleinanlegern wie Rentner B. insgesamt 150 Millionen Pfund einsammelten – hätten das Risiko erkennen und bei der Beratung entsprechend darauf hinweisen müssen. Dies sei aber nicht geschehen, so der Vorwurf.

Um zu verstehen, warum die Gurke den Anlegern heute um die Ohren fliegt, muss man zurückgehen ins Jahr 2007, das Jahr, in dem die IVG die Gurke kaufte, gemeinsam mit einer britischen Investmentbank. 600 Millionen Pfund zahlten sie insgesamt für den Büroturm, einschließlich Mietgarantien. Nie zuvor war in Großbritannien eine Immobilie für so viel Geld verkauft worden. In der City wunderte sich so mancher, dass die IVG den Turm zu diesem Zeitpunkt kaufte, als der Londoner Immobilienmarkt sich schon erkennbar auf dem Höhepunkt befand.

In Deutschland hingegen warben Dresdner Bank und Deutsche Bank munter um Kleinanleger. Sogar bei Rentnern, die doch normalerweise keine großen finanziellen Risiken mehr eingehen wollen, trommelten sie. Ein Berater der Deutschen Bank pries den Fonds verheißungsvoll als "außergewöhnlich exklusive, aber leider auch knappe Beteiligung" an und drängte den Anleger, diese "rasch" zu zeichnen. In den vertraulichen internen Vertriebsunterlagen, mit deren Hilfe die Bankmitarbeiter ihren Kunden den Fonds schmackhaft machen sollen, werden die "guten Gründe für ein erfolgreiches Investment" aufgelistet: erstklassige Immobilie, exponierte Lage, attraktiver Vermietungsstandort, Sicherheit durch einen langfristigen Mietvertrag mit der Swiss Re und vor allem jährliche Ausschüttungen von 5,5 Prozent.

Die Risiken, die bei der Vermarktung des Fonds weniger zur Sprache kamen, lauerten gleich an drei Fronten: im Beleihungswert, im Wechselkurs und in den Zinsen. Anleger wie Rentner B. aus Salzgitter ahnten davon nichts. Zum Zeitpunkt der Investition sei seine Bank nicht auf das Wechselkursrisiko eingegangen, sagt B. heute. Aber der Reihe nach.

Die Banken, bei denen sich die IVG und die britische Investmentbank Geld für den Kauf der Gurke liehen, wollten den Turm nicht voll finanzieren. Das Konsortium der IVG, das von der BayernLB angeführt wird und weitere deutsche Banken umfasst, setzte einen maximalen Beleihungswert von 67 Prozent fest. Die Kreditsumme durfte also maximal 67 Prozent des Werts der Immobilie betragen, nicht mehr. Dies sollte garantieren, dass die Banken ihre Kredite zurückerhalten, selbst wenn der Wert der Immobilie drastisch sinken und ein Notverkauf weniger Geld als erhofft bringen sollte. Mit ihren Krediten schöpften die Banken den Spielraum fast aus. Nun durfte weder der Wert der Immobilie zu stark sinken noch die Kreditsumme zu stark steigen, sollte der Maximalwert nicht überschritten werden.

Genau das aber trat ein, und zwar krasser als erwartet. Im Jahr 2008, kurz nachdem die Banken und die Kleinanleger der IVG ihr Geld anvertraut hatten, brach die Krise über die Finanzwelt herein. Der Immobilienmarkt krachte zusammen. Anfang 2009, bei der ersten Überprüfung, wurde der Wert der Gurke nur noch mit 470 Millionen Pfund veranschlagt – 23 Prozent weniger als zu Beginn errechnet.