Augen zu, nicht blinzeln, nicht schummeln. Nur diese eine Zugabe hören, nur in Klang denken. Wer könnte Robert Schumanns schrägen kleinen Vogel als Prophet aus den Waldszenen op. 82 wohl so spielen? Alfred Cortot vielleicht, der französische Pianist und Exzentriker (1877 bis 1962) – weil das Schräge hier noch etwas schräger klingt als sonst, als wäre es vor sich selbst auf der Flucht. Auch Clara Haskil (1895 bis 1960) könnte es sein, weil die Zweiunddreißigstel-Triolen weniger ans Tirili einer Lerche erinnern als, bildhaft, an das Skelett des Archaeopteryx und daran, wie dieses im Moment seiner Versteinerung ein letztes Mal mit den Schwingen zuckt – "langsam, sehr zart", wie es die Vortragsbezeichnung verlangt. Und als Dritter käme am ehesten Wilhelm Kempff (1895 bis 1991) in Betracht, der lateinische Preuße, der Inbegriff eines Dichters am Klavier, weil der Choral, den Schumann seinem Vogel mittendrin unterschiebt, bei aller Tiefe und Poesie plötzlich eher selbst um Fassung ringt, als der Welt eine Fassung zu geben.

Sie alle sind es nicht und sind doch die geistigen Paten dieser Interpretation. Kaum drei Minuten dauert Schumanns Vogel als Prophet, und öffnet man die Augen wieder – beim Hamburger Musikfest oder Ende Mai im Leipziger Gewandhaus –, sieht man eine winzige Person am Flügel sitzen, koboldhafte Kurzhaarfrisur, Künstlerinnengewand, kleine Hände, mächtig klein für eine Pianistin: Maria João Pires. Die Portugiesin mit der Liebe zur deutschen Musik, die bei Kempff in die Schule ging. Eine der ersten Mozart-Spezialistinnen nach Haskil. Die Enkelschülerin Cortots (über ihren Lehrer, den Schweizer Pianisten Karl Engel). Was für ein Erbe. Und was für eine Anschlagskunst. Auch bei Bach, Mozart, Beethoven oder Chopin. Kompromisslos. Hell und klar. Weich. Poetisch. Sensitiv. Nie sentimental. Immer brennend.

"Man muss an lebendiger Materie arbeiten, nicht an toter"

Wer Maria João Pires abseits des Konzertpodiums begegnet (was nicht ganz leicht zu bewerkstelligen ist), spürt die Kompromisslosigkeit ihres Wesens sofort. Ob man sie zum Lunch mit Honoratioren in der noblen Chapelle Royale Reine Elisabeth im belgischen Waterloo trifft, wo sie seit 2012 Professorin ist, oder in einem fensterlosen Extrazimmer des Hamburger Hotels Vier Jahreszeiten zum Interview: Pires sagt, was sie denkt, und sie tut es in einer Unbeirrbarkeit, die becirct. Mit ihrer leisen rauen Stimme und in perfektem Deutsch sagt sie Sätze wie: "Musik ist die Wahrheit über die Welt, die wir nicht kennen." Oder: "Man muss an lebendiger Materie arbeiten, nicht an toter, dann sind die Gedanken immer richtig." Pires spricht aus, was man selbst vielleicht fühlt, doch niemals formuliert. Sie benutzt Worte in dem Bewusstsein, dass Noten es viel genauer sagen würden.

Es braucht einige Anläufe, bis unsere beiden Treffen zustande kommen, und es gehört sicher auch zum Fluidum dieser Person, sich im Zirkusrund der Branche rar zu machen und auf Knopfdruck möglichst nicht zu funktionieren. Einen hart ergatterten Termin in London Anfang 2013 sagt Pires wieder ab, verständlicherweise, weil ihr in der Wigmore Hall ein Scheinwerferteil auf den Kopf gefallen ist. Wenige Monate später, am Vortag einer Verabredung in Madrid, streiken die Fluglotsen, schlechtes Omen. In Waterloo schließlich leidet sie unter einer schweren Bronchitis. Und die Eröffnung des Hamburger Musikfestes im Frühjahr dieses Jahres bestreitet sie mit einer gebrochenen Rippe. Über all dem schwebt seit Jahren, dass sie jederzeit aufhören könnte zu konzertieren – eine alte Drohung, die nun, an ihren 70. Geburtstag am 23. Juli geknüpft, frische Nahrung erhält. Hört sie tatsächlich auf, wird der Tag, an dem dieser Artikel erscheint, der erste ihres neuen, freien Lebens sein? Die Antwort bleibt sibyllinisch, kryptisch, Pires wäre nicht Pires, wenn sie sich das Heft aus der Hand nehmen ließe: "Ich würde gerne mehr Zeit haben für neue Stücke." Neues, das sie dann nirgends mehr spielt? "Ich arbeite nicht an Stücken, um damit aufzutreten, das ist nicht das Ziel."

Maria João Pires, wie sie im stillen Kämmerlein Ravel übt, Beethovens Es-Dur Konzert und was neben Zeitgenössischem noch so auf ihrer Wunschliste steht? Warum nicht. Kleine Hände bedeuten weniger Spannweite, insofern musste sie sich ein bestimmtes Repertoire von Anfang an versagen, die großen Reißer und Elefantenkonzerte sowieso. Warum jetzt nicht in Ruhe einmal ausprobieren, ob das eine oder andere vielleicht doch geht? Unter Terminen steht auf der Homepage ihrer Londoner Agentur derzeit ein einziger, in der französischen Provinz, zusammen mit einem ihrer Schüler. "Partitura" nennt sich das von ihr an der Chapelle Royale ins Leben gerufene Joint Venture, das vorsieht, dass namhafte Solisten den Nachwuchs an die Hand nehmen, von wegen: Liebe Veranstalter, ihr kriegt mich nur, wenn ihr auch der Jugend eine Chance gebt. Dafür benötigt Pires eine Agentur, für sich selbst ging es jahrelang ohne.

Viel Aufhebens um sich hat Maria João Pires auch nie gemacht, da gibt es, pianistisch gesehen, andere, wahre Tastenlöwinnen wie Martha Argerich oder schmetterlingshafte Akrobatinnen wie Mitsuko Uchida, deren Arme höher fliegen, deren Hüften und Oberkörper heftiger rotieren. Schon die kleine Maria konnte sich zu Hause in Lissabon stundenlang mit ein und demselben Ton beschäftigen, fasziniert von der Idee, dass er immer wieder anders klang. Die Welt harter Tasten, Hämmer und Saiten mit dem Geist zu bevölkern, sich das Dingliche imaginativ zu erobern, um es zu verändern, dieser Eros treibt sie. Als Kind spielte sie so gegen den Tod des Vaters an, der drei Wochen vor ihrer Geburt starb und eine Lücke in ihr Leben riss, bevor es begonnen hatte. Als Erwachsene stemmte sie sich gegen die Dekadenz des Musikbetriebs, entwickelte soziale Projekte für benachteiligte Kinder, in Portugal, in Brasilien, verschwand gelegentlich von der Bildfläche, drohte, es für immer zu tun, war zweimal verheiratet, brachte vier Kinder zur Welt und adoptierte zwei weitere, lebte hier und da, sah, wie vieles sich veränderte und die Kunst zu Markte getragen wurde, und verweigerte sich, wann immer es der "Wahrheit" ans Leder ging.